Sezession
1. Oktober 2009

Schlüsselereignisse der deutschen Geschichte

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 /Oktober 2009

von Ulrich March

Der Begriff »Schlüsselereignis« wird im Folgenden ganz wörtlich verstanden: Wie der Schlüssel den Zugang zu einem Raum ermöglicht, eröffnet das Verständnis bestimmter maßgeblicher Vorgänge den Zugang zur Geschichte und gibt damit angesichts der engen Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart zugleich Aufschlüsse über heutige Regionen, Staaten, Völker und Kulturen.Die Königswahl des fränkischen Stammesherzogs Konrad ist das erste Schlüsselereignis der deutschen Geschichte und für deren Verlauf von grundlegender Bedeutung. Denn als die ostfränkische Linie der Karolinger mit dem Tod Ludwigs des Kindes ausstirbt, stellt sich die politische Zukunft der Deutschen als völlig offen dar, und erst der darauf folgende Wahlakt gibt in mehrfacher Hinsicht die Richtung vor, in der sich der Gang der deutschen Geschichte seither bewegt.
Denkbar erscheint damals die Beibehaltung der Karolingerdynastie, die im Westfrankenreich noch bis 987 regiert, und die Wiedervereinigung der beiden 843 getrennten Reichsteile. Doch die Karolinger haben seit dem Tod Karls des Großen viel von ihrem Glanz verloren und sehen sich insbesondere ab Mitte des 9. Jahrhunderts nicht mehr in der Lage, die Teilreiche vor den immer heftigeren Angriffen der Normannen, Slawen, Ungarn und Sarazenen zu schützen.
Die Regionalgewalten dagegen, von Karl dem Großen weitgehend ausgeschaltet, erleben im 9. Jahrhundert eine Renaissance. Da das Königtum den Schutz vor äußeren Feinden nicht mehr gewährleistet, muß die Verteidigung aus der Region heraus geführt werden, und die im Abwehrkampf besonders bewährten Familien übernehmen in ihrem jeweiligen Stammesgebiet anstelle des Königtums die tatsächliche Macht.
Damit tut sich in der Entscheidungssituation von 911 eine zweite Möglichkeit auf: die weitere Erstarkung der Stammesgewalten. Die Stammesherzöge hätten es damals durchaus in der Hand gehabt, ihre bereits vorhandene Macht zur völligen Unabhängigkeit auszubauen. Das hätte zur Zersplitterung des ostfränkischen Reiches und langfristig wohl auch zur ethnischen Balkanisierung Mitteleuropas geführt; da sich dann vermutlich die einzelnen Stämme zu Völkern entwickelt hätten.
Die Stammesherzöge haben diesen damals für sie gewiß verlockenden Weg nicht beschritten. Das Bewußtsein deutscher Zusammengehörigkeit ist um die Wende zum zehnten Jahrhundert offenkundig bereits so stark entwickelt, daß man sich für eine dritte Lösung entscheidet: Die Stämme in ihrer Gesamtheit begründen das neue deutsche Gemeinwesen.
Damit ist ein Grundakkord der gesamten deutschen Geschichte angeschlagen, das Neben-, Mit- und Gegeneinander von Zentral- und Regionalgewalt. Der erste deutsche König Konrad I. hat allerdings ungeachtet der Umstände seiner Wahl noch einmal versucht, zentralistische Politik im karolingischen Stil zu treiben, scheitert dabei aber vollständig. Seine größte Leistung besteht darin, daß er auf seinem Totenbett seinen stärksten und entschiedensten Gegner, Herzog Heinrich von Sachsen, zu seinem Nachfolger bestimmt – ein Akt menschlicher Größe und politischer Weitsicht zugleich. Denn der neue König, Heinrich I., begnügt sich zunächst mit der nominellen Anerkennung durch die übrigen Stämme, schafft aber durch seine Politik der Beharrlichkeit und des Augenmaßes die Voraussetzungen für den Aufstieg des Reiches.


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