Sezession
1. Oktober 2009

Mit der Legende vom „deutschen Sonderweg“ zum Finis Germaniae

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

von Wolf Kalz

Wenn Karl Dietrich Erdmann mit dem letzten Satze im Handbuch der Deutschen Geschichte (4. Band, 1959) zur Disposition stellte, es sei »eine offene Frage, ob die deutsche Geschichte noch Zukunft« habe, so lag die Antwort auf diese Schicksalsfrage nicht zuletzt in Händen der deutschen Historiker. Denn interpretierten diese die deutsche Geschichte, »wie sie eigentlich gewesen«, dann hätte die Nation mit ihr auf weiten Strecken übereinstimmen und aus ihrer Bejahung die Kraft zur Gestaltung der Zukunft gewinnen können. Verfälschten sie diesen geschichtlichen Gang hingegen, wie er eigentlich nicht gewesen – als zu einem unter den Völkern der Welt einzigartig bösartigen »deutschen Sonderweg«, zu welchem sich jeder Vergleich und jede Aufrechnung verbiete –, dann war abzusehen, daß Deutschland zum Spielball historisch selbstbewußter Mächte würde. Zu guter Letzt verschwände das deutsche Volk dann mangels Eigenständigkeit und Zahl sowie überfremdet aus der Geschichte. Solches wäre dann allerdings das Resultat einer recht deutschen Sonderlichkeit, genauer – es wäre dies ein Sonderweg der deutschen Zeithistorie, die sich in der Bewältigung der den Deutschen zur Last gelegten Verbrechen noch immer von niemandem übertreffen lassen will.Gleich nach dem Kriege hatte der Historiker Gerhard Ritter zu den sich schon abzeichnenden Kuriosa künftiger Zeithistorie mahnend Stellung bezogen. In seiner Studie Europa und die deutsche Frage (1948) befürwortete er nachdrücklich eine vergleichende Nationalgeschichte und stellte Deutschlands in Zentraleuropa so exponierte Lage – welche ständige »Wachsamkeit und Anspannung aller Kräfte« erforderlich machte – der »insularen splendid isolation« der Briten gegenüber. Ritter fragte vergleichend, wie sich denn Nationalismus und Imperialismus bei unseren europäischen Nachbarn geäußert hätten, und er tadelte Kollegen, welche der Sieger Untaten stets verkleinerten oder gar tabuisierten, hingegen Otto von Bismarck Umerziehung halber in des Führers Ahnenreihe unterbrachten. Einer seiner Leitsätze lautete: »… es gehört zur Pflicht der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit auch dies: daß man jede geschichtliche Erscheinung aus den Voraussetzungen ihrer eigenen Zeit und Umwelt versteht und beurteilt.« Dergleichen Formulierung atmete das Wissenschaftsethos des geschmähten Historismus und den Geist Leopold von Rankes, dessen historiographische Maxime hier nicht unerwähnt bleiben soll: »… allein zur Verteidigung derjenigen, die sich nicht mehr verteidigen können, die Wahrheit ans Licht zu bringen, werde ich immer für eine der wichtigsten Pflichten der Historie halten.«
Ritter hat dieser Haltung in seinem vierbändigen Klassiker Staatskunst und Kriegshandwerk Ausdruck gegeben. Doch trug ihm gerade dies das Odium seiner »Umstrittenheit« ein, so daß die Heutigen sich seiner nur mehr durch Totschweigen erinnern. Ritter war es auch, der in den sechziger Jahren Fritz Fischers berüchtigte antideutsche Polemik Griff nach der Weltmacht (1961), mit welcher der neue Stil einer Historie in nationalmasochistischer Absicht zum Durchbruch kam, nachdrücklich und begründet, aber weil gegen den Ungeist der Zeit gerichtet erfolglos, in die Schranken gefordert hatte. Dem Sonderwegsfetischismus der Zeithistorie blieb dessen ausgeprägtes Streben nach Objektivität herzlich zuwider, und so heimste sich Ritter, »brauner Verstrickung« verdächtigt, seitens gewisser Zunftgenossen noch postum Eselstritte ein.


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