Mit der Legende vom “deutschen Sonderweg” zum Finis Germaniae

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

von Wolf Kalz

Wenn Karl Dietrich Erdmann mit dem letzten Satze im Handbuch der Deutschen Geschichte (4. Band, 1959) zur Disposition stellte, es sei »eine offene Frage, ob die deutsche Geschichte noch Zukunft« habe, so lag die Antwort auf diese Schicksalsfrage nicht zuletzt in Händen der deutschen Historiker. Denn interpretierten diese die deutsche Geschichte, »wie sie eigentlich gewesen«, dann hätte die Nation mit ihr auf weiten Strecken übereinstimmen und aus ihrer Bejahung die Kraft zur Gestaltung der Zukunft gewinnen können. Verfälschten sie diesen geschichtlichen Gang hingegen, wie er eigentlich nicht gewesen – als zu einem unter den Völkern der Welt einzigartig bösartigen »deutschen Sonderweg«, zu welchem sich jeder Vergleich und jede Aufrechnung verbiete –, dann war abzusehen, daß Deutschland zum Spielball historisch selbstbewußter Mächte würde. Zu guter Letzt verschwände das deutsche Volk dann mangels Eigenständigkeit und Zahl sowie überfremdet aus der Geschichte. Solches wäre dann allerdings das Resultat einer recht deutschen Sonderlichkeit, genauer – es wäre dies ein Sonderweg der deutschen Zeithistorie, die sich in der Bewältigung der den Deutschen zur Last gelegten Verbrechen noch immer von niemandem übertreffen lassen will.

 Gastbeitrag

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Gleich nach dem Krie­ge hat­te der His­to­ri­ker Ger­hard Rit­ter zu den sich schon abzeich­nen­den Kurio­sa künf­ti­ger Zeit­his­to­rie mah­nend Stel­lung bezo­gen. In sei­ner Stu­die Euro­pa und die deut­sche Fra­ge (1948) befür­wor­te­te er nach­drück­lich eine ver­glei­chen­de Natio­nal­ge­schich­te und stell­te Deutsch­lands in Zen­tral­eu­ro­pa so expo­nier­te Lage – wel­che stän­di­ge »Wach­sam­keit und Anspan­nung aller Kräf­te« erfor­der­lich mach­te – der »insu­la­ren sple­ndid iso­la­ti­on« der Bri­ten gegen­über. Rit­ter frag­te ver­glei­chend, wie sich denn Natio­na­lis­mus und Impe­ria­lis­mus bei unse­ren euro­päi­schen Nach­barn geäu­ßert hät­ten, und er tadel­te Kol­le­gen, wel­che der Sie­ger Unta­ten stets ver­klei­ner­ten oder gar tabui­sier­ten, hin­ge­gen Otto von Bis­marck Umer­zie­hung hal­ber in des Füh­rers Ahnen­rei­he unter­brach­ten. Einer sei­ner Leit­sät­ze lau­te­te: »… es gehört zur Pflicht der Wahr­haf­tig­keit und Gerech­tig­keit auch dies: daß man jede geschicht­li­che Erschei­nung aus den Vor­aus­set­zun­gen ihrer eige­nen Zeit und Umwelt ver­steht und beur­teilt.« Der­glei­chen For­mu­lie­rung atme­te das Wis­sen­schafts­ethos des geschmäh­ten His­to­ris­mus und den Geist Leo­pold von Ran­kes, des­sen his­to­rio­gra­phi­sche Maxi­me hier nicht uner­wähnt blei­ben soll: »… allein zur Ver­tei­di­gung der­je­ni­gen, die sich nicht mehr ver­tei­di­gen kön­nen, die Wahr­heit ans Licht zu brin­gen, wer­de ich immer für eine der wich­tigs­ten Pflich­ten der His­to­rie halten.«
Rit­ter hat die­ser Hal­tung in sei­nem vier­bän­di­gen Klas­si­ker Staats­kunst und Kriegs­hand­werk Aus­druck gege­ben. Doch trug ihm gera­de dies das Odi­um sei­ner »Umstrit­ten­heit« ein, so daß die Heu­ti­gen sich sei­ner nur mehr durch Tot­schwei­gen erin­nern. Rit­ter war es auch, der in den sech­zi­ger Jah­ren Fritz Fischers berüch­tig­te anti­deut­sche Pole­mik Griff nach der Welt­macht (1961), mit wel­cher der neue Stil einer His­to­rie in natio­nal­ma­so­chis­ti­scher Absicht zum Durch­bruch kam, nach­drück­lich und begrün­det, aber weil gegen den Ungeist der Zeit gerich­tet erfolg­los, in die Schran­ken gefor­dert hat­te. Dem Son­der­weg­s­fe­ti­schis­mus der Zeit­his­to­rie blieb des­sen aus­ge­präg­tes Stre­ben nach Objek­ti­vi­tät herz­lich zuwi­der, und so heims­te sich Rit­ter, »brau­ner Ver­stri­ckung« ver­däch­tigt, sei­tens gewis­ser Zunft­ge­nos­sen noch pos­tum Esel­strit­te ein.

Prag­ma­ti­sche Natio­nen hand­ha­ben ihre Irr- und Son­der­we­ge ganz anders: die einen mit einem flap­si­gen right or wrong – my coun­try! – sie haben fäl­li­ge Unta­ten für ihr Vatero­der Mut­ter­land stets mit Bra­vour geleis­tet, ihre Krie­ge waren immer gerech­te namens des Fort­schritts, namens des Rechts der »klei­nen Völ­ker« oder der Men­schen­rech­te wegen, oder schlicht aus Grün­den der Balan­ce of power. Paris erließ für erbrach­te Fre­vel Amnes­tien, und kein Makel befleckt die Gloire der Gran­de Nati­on. Die Polen haben ohne­hin nie etwas ver­bro­chen, und ande­re wie­der­um erlit­ten Gewalt immer nur als die Opfer ein­schlä­gi­ger »Täter«. Im Bun­de mit dem Wel­ten­len­ker und von Skru­peln unan­ge­foch­ten, gerie­ren sich die Ver­ei­nig­ten Staa­ten: Über Gods own coun­try weht unbe­küm­mert das Ban­ner einer mis­sio­na­ri­schen Demo­cra­cy, und für die Fül­le der ex urbe con­di­ta began­ge­nen Greu­el hat noch kei­ner sie je vor ein Tri­bu­nal gezerrt.
Wel­chem Erobe­rer läge nicht dar­an, sei­nen Sieg durch die fort­wäh­ren­de Exor­zi­sie­rung des Besieg­ten als eines Erz­schur­ken für alle Zei­ten abge­si­chert zu sehen? Klug­heit soll­te das eigent­lich durch­schau­en, wuß­ten doch des Frund­s­bergs Lands­knech­te schon: »Wer übrig bleibt, hat recht, und wer ver­liert, ist schlecht.« Nach­dem oben­drein das Nürn­ber­ger Mili­tär­tri­bu­nal die Geschich­te der Deut­schen als einen abar­ti­gen »Son­der­weg « geäch­tet hat­te, stand die fort­an den Sie­gern und ihren Tra­ban­ten zum Zwe­cke der Ver­gan­gen­heits- und Zukunfts­be­wäl­ti­gung zu belie­bi­ger Dis­po­si­ti­on. Und stets zäh­len sich zu den Sie­gern auch die Nutz­nie­ßer des jeweils neu instal­lier­ten Sys­tems, wes­halb sich also die Deut­schen dar­an haben gewöh­nen müs­sen, sich für »befreit« zu halten.
Auch wenn der gna­den­lo­se Umgang der Deut­schen mit sich selbst im Kal­kül der Natio­nen als Joker im Spiel gilt, die Psy­cho­lo­gie lehrt, sol­chem Part­ner zu miß­trau­en. Auch hal­ten Beob­ach­ter des Aus­lands die ser­vil-beflis­se­ne Selbst­ver­leug­nung der Deut­schen eher für krank­haft als für beru­hi­gend. Nicht von unge­fähr schrieb vor Jah­ren der schwei­ze­ri­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Adolf Muschg (1982) unse­ren seins­ver­ges­se­nen Lands­leu­ten unter dem The­ma »Wenn ich Deut­scher wäre …« ins Stamm­buch: »Wür­de ich die Auf­ga­be der Nati­on dadurch für gelöst hal­ten, daß ich die Nati­on auf­ge­be? Es ist eines, glau­be ich, die Quit­tung der Geschich­te zu unter­schrei­ben als ehr­li­cher Schuld­ner. Es ist ein ande­res, zugleich aus der eige­nen Geschich­te aus­zu­tre­ten. Es ist eines, daß die eige­ne Nati­on nie mehr das Letz­te sein darf. Darf sie dar­um nie das Selbst­ver­ständ­li­che sein?«
Sol­che Auf­fas­sung über­steigt aber den Hori­zont der zur Nie­der­hal­tung der deut­schen Nati­on bestell­ten und erbö­ti­gen Zeit­his­to­rie und einer Bonn-Ber­li­ner Poli­tik, die über­dies jahr­zehn­te­lang den Ein­druck zu erwe­cken such­te, die Wie­der­ver­ei­ni­gung der zur »deut­schen Fra­ge« zer­stü­ckel­ten Nati­on sei ein Anlie­gen, ja sei sogar die Pflicht der Sie­ger­mäch­te, nur weil die­se bis­wei­len dafür »die Ver­ant­wor­tung« zu haben heuchelten.
Die Geschich­te hat sie schließ­lich alle ein­ge­holt – Sie­ger und Besieg­te, auch wenn letz­te­re sich das Leben aus zwei­ter Hand längst zur poli­ti­schen Quint­essenz gemacht hat­ten und die Erlö­sung von ihren ein­ge­bil­de­ten natio­na­len Übeln in der »Ein­bin­dung« und Flucht nach »Euro­pa« such­ten. Mit der »Wen­de« for­der­te des deut­schen Vol­kes natio­na­ler Impe­ra­tiv – »Wir sind das Volk!« – das Regime zu eigen­stän­di­gem Han­deln her­aus: zu dem von ihm so ver­ab­scheu­ten Allein­gang, näm­lich namens eines den Deut­schen bis­her immer vor­ent­hal­te­nen Selbst­be­stim­mungs­rech­tes die Ver­ei­ni­gung zwei­er Tei­le des eins­ti­gen Rei­ches zu wagen.

Zu einem ähn­li­chen Allein­gang hät­ten sich nun auch die Zeit­his­to­ri­ker gegen­über der ihnen abver­lang­ten Polit­päd­ago­gik und damit zur Rehis­to­ri­sie­rung der deut­schen Geschich­te ermu­tigt sehen müs­sen. Doch die hiel­ten sich beflis­sen an die Paro­le, an die Anfang der acht­zi­ger Jah­re im Insti­tut für Zeit­ge­schich­te wie­der ein­mal erin­nert wor­den war: »Gibt man die The­se eines ›deut­schen Son­der­wegs‹ auf oder rela­ti­viert man sie, so bricht man dem deut­schen poli­ti­schen Bewußt­sein nach 1945 das Rück­grat.« Allein die­se The­se gäbe die Kraft zum »Fest­hal­ten an der mora­li­schen Umkehr«.
Die inso­fern vor­for­mu­lier­ten polit­päd­ago­gi­schen Axio­me beinhal­ten not­wen­di­ger­wei­se, daß die Zeit­his­to­rie von einer kom­pa­ra­ti­ven, also einer ver­glei­chen­den Geschichts­schrei­bung die Fin­ger zu las­sen habe: »Beson­ders wir Deut­sche dür­fen nicht auf­rech­nen« geschwei­ge denn ver­glei­chen. Denn die Betei­li­gung aller an den aus­schließ­lich dem Besieg­ten vor­ge­wor­fe­nen Ver­bre­chen setz­te womög­lich einen Revi­sio­nis­mus in Gang, der den Euphe­mis­mus der »Nach­kriegs­ord­nung« aus den Angeln höbe. So haben wir es denn »Hit­ler«, doch mehr noch dem unend­li­chen Gere­de der ihm zur Unsterb­lich­keit ver­hol­fen haben­den Zeit­his­to­ri­ker zu ver­dan­ken, daß die Geschich­te der Deut­schen in ihren his­to­risch über­schau­ba­ren Berei­chen zu einem patho­lo­gi­schen »Son­der­weg« dis­kri­mi­niert wor­den ist. Sei­en doch – nach gel­ten­dem Kanon – künf­ti­ge Irr­we­ge nur durch bestän­di­ges mora­li­sches Ein­wir­ken – sie nen­nen es »Erin­ne­rungs­kul­tur« – zu unter­bin­den, zur Auf­recht­erhal­tung von Scham und einem per­ma­nent schlech­ten Gewissen.
Dazu hat­ten sich schon eini­ge Non­kon­for­mis­ten der Zunft wie Ernst Nol­te und Hell­mut Diwald kri­tisch geäu­ßert, Cas­par von Schrenck-Not­zing hat­te längst sei­ne Cha­rak­ter­wä­sche (1965) geschrie­ben, und Ber­nard Will­ms erklär­te ent­schie­den: »Es zeugt gera­de­zu von den­ke­ri­schem Schwach­sinn, sich zu ver­gan­ge­ner Geschich­te zu ver­hal­ten, als müs­se man dafür oder dage­gen sein, als sei ver­gan­ge­ne Geschich­te Gegen­stand mora­li­scher Bekennt­nis­se. Zur Geschich­te ver­hält man sich nicht mora­lisch, das ist eine Per­ver­si­on auch der Moral, die, wenn über­haupt, direk­ti­ven oder regu­la­ti­ven, nie­mals aber einen repro­spek­ti­ven Sinn hat … Geschich­te selbst zum Gegen­stand von Par­tei­lich­keit zu machen … ist genau das tota­li­tä­re Ver­hält­nis, das sich in Orwells 1984 dar­in zeigt, daß Geschich­te stän­dig umge­schrie­ben wer­den muß.« – Man hört es ungern, aber eben sol­ches heißt: Umer­zie­hung. So wird man also auf eine neu­er­li­che Auf­klä­rung, auf die Revi­si­on längst über­stän­di­ger Legen­den, Klit­te­run­gen, Fäl­schun­gen, volks­päd­ago­gi­scher Ideo­lo­ge­me und mora­li­sie­ren­der Begriff­lich­kei­ten wei­ter­hin war­ten müssen.
Als man 1945 vom soge­nann­ten Jahr Null aus, auch der Neu­an­fang der deut­schen Geschich­te genannt, die Ver­gan­gen­heit unter bestimm­ten mora­li­schen Prä­mis­sen zu »bewäl­ti­gen« anhob, da ver­kürz­te sich der Zeit­his­to­rie die deut­sche Geschich­te als Gan­ze zu einem durch­aus schre­cken­er­re­gen­den Pan­dä­mo­ni­um. Sie glaub­te bald als deren ein­zi­ge Licht­bli­cke die lei­der! fast immer geschei­ter­ten Revo­lu­tio­nen mit ihren nicht recht zum Zuge gekom­me­nen Klei­n­e­leu­te-Res­sen­ti­ments lin­ker Pro­ve­ni­enz aus­ma­chen zu müs­sen, was dann die Zunft auf den damals so modi­schen Holz­weg einer »kri­ti­schen« His­to­ri­schen Sozi­al­wis­sen­schaft führ­te. Die­se stell­te dann – bis in die sim­pels­ten Ver­laut­ba­run­gen des homo oeco­no­mic­us ver­folgt – ihrer­seits einen his­to­rio­gra­phi­schen Son­der­weg als den Gip­fel an Trost­lo­sig­keit dar. Doch aus­ge­rech­net einer der Prot­ago­nis­ten die­ser Rich­tung, Geschich­te aus der Frosch­per­spek­ti­ve zu schrei­ben (Hans-Ulrich Weh­ler), bemerk­te eines Tages mit Erschre­cken: »Die­se Expan­si­on der ›Sozi­al­wis­sen­schaf­ten‹ auf Kos­ten der Geschich­te ist ein kras­ser Fehlgriff«.

Aus die­sen und aus ande­ren Grün­den, wie bei­spiels­wei­se alle Vor­bil­der ent­my­tho­lo­gi­sie­rend dem Gedächt­nis zu ent­frem­den, wird hier­zu­lan­de eine Geschich­te als durch gro­ße Män­ner gestal­tet, auch für gänz­lich ver­pönt gehal­ten. Es wun­dert des­halb kei­nen, daß mit einer auf das unters­te Niveau ihres Gestal­tungs­trie­bes redu­zier­ten His­to­rie kein Deut­scher mehr für die Din­ge der Nati­on zu begeis­tern ist, geschwei­ge denn daß ein Gym­na­si­ast zur Iden­ti­tät sei­ner selbst mit Volk, Staat und Geschich­te fän­de. Über­haupt zeugt das Lamen­to, die Deut­schen hät­ten sich vor Zei­ten von den für »uni­ver­sal« geprie­se­nen Ideen der Demo­kra­tie abge­son­dert (wel­che man als in der »west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft« schlech­ter­dings für mus­ter­gül­tig ver­wirk­licht wähnt), von man­geln­der Übung in kom­pa­ra­ti­ver Geschichts­be­trach­tung. Ist doch eine Ver­fas­sung, die für das eine Volk recht sein mag, für Völ­ker unter ande­ren Him­meln schwer­lich glei­cher­ma­ßen bil­lig. Zudem nimmt die Lebens­kur­ve jeden auto­chtho­nen Vol­kes als des­sen urei­ge­ne Geschich­te ihren je eige­nen Ver­lauf. Des­halb gibt es auch kei­ne imma­nen­te Ver­pflich­tung, sich um »west­li­cher Wer­te« wil­len dem Fetisch einer zwei­fel­haf­ten »Zivil­ge­sell­schaft « zu unter­wer­fen. Intel­lek­tu­ell gese­hen erweist sich dar­um die Son­der­weg­s­dok­trin mit den aus ihr abge­lei­te­ten Deri­va­ten zur »natio­nal­päd­ago­gi­schen Zer­knir­schung« als ähn­lich ver­werf­lich wie der eins­ti­ge Anti­se­mi­tis­mus der Nationalsozialisten.
Man erin­nert sich noch des Inter­mez­zos des soge­nann­ten His­to­ri­ker­streits in der Bun­des­re­pu­blik der acht­zi­ger Jah­re – als des unein­ge­stan­de­nen Ver­suchs, die west­deut­sche Geschichts­schrei­bung zu rehis­to­ri­sie­ren. Das hät­te dem Son­der­wegs­syn­drom über kurz oder lang den Gar­aus gemacht und die deut­sche Geschich­te aus ihrer bis­he­ri­gen Klit­te­rung wie­der in die Logik ihrer kau­sa­len Abfol­ge gebracht haben müs­sen. Doch das Vor­ha­ben fiel bald den Knüp­peln der Denun­zi­an­ten und den Büt­teln gesin­nungs­ethi­scher Maxi­mie­run­gen Frank­fur­ter Cou­leur – Stich­wort: Haber­mas – zum Opfer, und am Ende war man wie­der bei dem Refrain, deut­sche Hybris zu bekla­gen und mit ver­bis­se­ne­rer Inten­si­tät die Unver­jähr­bar­keit und Sin­gu­la­ri­tät deut­scher Schuld zu beschwören.
Die Zeit­his­to­ri­ker lie­ßen es näm­lich gänz­lich an einer ver­glei­chen­den Natio­nal­ge­schich­te, die auch die Kom­plot­te und »Zivi­li­sa­ti­ons­brü­che« der soge­nann­ten Völ­ker­ge­mein­schaft bei der Erzeu­gung und Durch­füh­rung zwei­er Welt­bür­ger­krie­ge durch­fors­tet hät­te, feh­len. Viel­mehr folg­ten sie dem Dik­tat Du-sollst-nicht-auf­rech­nen! Sollst-nicht-rela­ti­vie­ren! und belie­ßen es beflis­sen und viel­fach wider bes­se­res Wis­sen bei dem unter ihnen zum Kon­sens gewor­de­nen Mea maxi­ma cul­pa! – Jeden­falls sieht sich die Geschich­te der Deut­schen auch nach 65 Jah­ren noch unent­wegt vor die Inqui­si­ti­ons­tri­bu­na­le der Zeit­his­to­rie und diver­ser Neben­klä­ger gezerrt, und die gin­gen neben der Abrech­nung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gleich auch zur Ahnen­ver­fol­gung über. Lebens­hil­fe hat jeden­falls die Zeit­his­to­rie dem deut­schen Volk in der schwers­ten Zeit sei­nes Daseins kei­nen Deut gege­ben. Im Gegen­teil: sie mach­te sich mit dem Segen der poli­ti­schen Klas­se und unter wohl­wol­len­der Obhut der Sie­ger zum Büt­tel einer »natio­na­len Ster­be­hil­fe « (Diet­rich Aigner). Denn unwi­der­spro­chen ließ sie sich in den Dienst sol­cher Mäch­te stel­len, denen am Erhalt und an der Iden­ti­tät unse­res Vol­kes nicht das Gerings­te gele­gen ist und die es nach Kräf­ten befeinden.

Obwohl sich das von den Zeit­his­to­ri­kern sekun­dier­te Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik flugs auf die Ideo­lo­gie der Sie­ger und die Meta­pho­rik des von ihnen umschwärm­ten west­li­chen Modells ein­ge­schwo­ren hat­te, ist man mitt­ler­wei­le nolens volens genö­tigt fest­zu­stel­len, daß die wüten­de Nega­ti­vie­rung der Natio­nal­ge­schich­te einer mit dem neu­en deut­schen Gut­men­schen zu beglü­cken­den Mensch­heit kei­nes­wegs den Welt­frie­den beschert hat. Nur sich selbst hat man durch die Hyper­tro­phie­rung welt­frem­der Mora­li­en aus der Geschich­te eska­mo­tiert und läßt sich zu Knechts­diens­ten an den fer­nen Hin­du­kusch und sonst­wo­hin dele­gie­ren. Somit gilt: Mit den Men­schen­rech­ten und der deut­schen Schuld als den Iko­nen repu­bli­ka­ni­scher Staats­rai­son aus­ge­stat­tet, bleibt der Nati­on für den Rest ihrer Zeit­lich­keit nur mehr die Büßer­rol­le inmit­ten der im übri­gen recht unver­hoh­len gehand­hab­ten machia­vel­lis­ti­schen Akti­vi­tä­ten ande­rer. Denn längst sind die Deut­schen dazu abge­rich­tet, daß ihr Wol­len ledig­lich eines aus zwei­ter Hand zu sein habe, sei es an eines Welt­re­gimes lan­ger Lei­ne oder gemäß dem Dik­tat eines anony­men Brüs­se­ler Molochs oder sons­ti­ger Drit­ter immer »ent­setz­ter« Auf­pas­ser und Mah­ner. Denn gemäß der Sprach­re­ge­lung deut­scher Regime und dem­entspre­chen­der Wei­sun­gen an ihre Zeit­his­to­ri­ker sol­len wir näm­lich »unse­re Nie­der­la­ge als das heil­sams­te Ereig­nis für uns selbst und die Sie­ger als unse­re größ­ten Wohl­tä­ter seg­nen «! So jeden­falls höhn­te Johann Gott­lieb Fich­te Napo­le­ons beflis­se­ne cha­rak­ter­lo­se deut­sche Par­tei­gän­ger in sei­nen berühm­ten Reden an die deut­sche Nati­on. Man erin­nert sich in die­sem Zusam­men­hang der Befrei­ungs­schal­mei­en, wel­che vor Jah­ren (1985) ein Bun­des­prä­si­dent sei­nen dar­ob stau­nen­den Lands­leu­ten andiente.
Wohl konn­te, um die Kata­stro­phe von 1945 zu über­le­ben, es zweck­mä­ßig gewe­sen sein, zeit­wei­lig unter die Was­ser­ober­flä­che der Geschich­te zu tau­chen. Zeit­wei­lig! Wenn aber »die Süßig­keit des Die­nens«, wie Fich­te auch sagt, zu lang­jäh­ri­ger Gewohn­heit wird, und wenn frem­der Völ­ker Anspruch auf deut­schen Boden und die Hun­der­ter von »Min­der­hei­ten« auf deut­schem Boden für höher­wer­tig gehal­ten sind als die Lebens- und Über­le­bens­in­ter­es­sen des eige­nen Vol­kes, dann wer­den Seins­ver­lust und Cha­rak­ter­lo­sig­keit unum­kehr­bar. Und das gerie­te dann unter maß­geb­li­cher Bei­hil­fe durch die Zeit­his­to­rie zum eigent­li­chen Finis Ger­ma­niae.
Und so läßt sich aus allem hier Gesag­ten ablei­ten: Mit der Auf­he­bung der Legen­de des »deut­schen Son­der­wegs« als eines so »ein­zig­ar­tig« ver­werf­li­chen unter den Völ­kern schlü­ge die Stun­de eines deut­schen Impe­ra­tivs zur Wie­der­her­stel­lung der Frei­heit der Nation!

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