Sezession
1. Oktober 2009

Deutsche Fluchten

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Was genau ist es, das uns den Aufenthalt in Neubauten, in durchgestylten Stadtteilen, in frisch renovierten Orten so unbehaglich macht? Stopp: keine Eingemeindung in Befindlichkeiten. Mir geht es so. Anderen geht das Herz auf, wenn der Feldweg zur Garage frisch geteert, das olle Haus mit dem Kalkputz aus dem vorigen Jahrtausend neu »angelegt« wurde. Vielleicht ist das normal. Es ist ziemlich deutsch. Mein Volk, ich mag es ja.Also, ich: Stört mich das Gleißen der Kacheln, der Glas- und Stahlwände, das Fehlen von eigentlichen Gerüchen, das Geschichtslose? Es ist, alles in allem die Fugenlosigkeit. Nun ist die Moderne weltweit durch die geometrische Form, durch Glätte und Hygiene gekennzeichnet. Die Deutschen aber sind Meister des fugenlosen Lebens. Nicht seit je, nein. Als Bach seine Kunst der Fuge (unter vielen anderen Fugen) komponierte, galt die Fuge (lat. fuga: Flucht) als eine Art Kanon. Die Fuge in der Musik: Das ist die ewige Wiederkehr des Gleichen, behutsam modifiziert, ein organisches Prinzip, kein geschlossener Kreis, vielmehr eine fortschreitende Spiralbewegung.
Fugen gab und gibt es ohnedies zuhauf im hochkulturell unbeleckten Alltagsleben. Sie trennen die Dielenbretter in der Küche voneinander, sie sitzen zwischen Lehmwand und Holzgefach, zwischen Kalkputz und Natursteinmauer. Selbst das klassische Ehebett kannte (und kennt) die Fuge: zwischen der (Roggenstroh-)Matratze des Mannes und der seiner Frau: Die Fuge ist eine nicht geglättete, also: nicht mit dem Umgebenden homogenisierte Stelle des Übergangs.
Über Fugen stolpert man nicht, so unscheinbar fügen sie sich ein. Was in solchen Refugien hängenbleibt, ist klein. Keime etwa. Ein mehrdeutiger Begriff. Lebenskeim, Krankheitskeim. Die Persil-Parole – »Nicht nur sauber, sondern rein« – aus dem Zeitalter der beginnenden Fugenlosigkeit kann nur ohne Fugen ihre Gültigkeit erweisen. Wer wollte bezweifeln, daß der TV-Persilmann ein gültiges Symbol der jungen BRD war? Und ich gehe jede Wette ein: Das Sagrotan-Fläschchen, dieser nützliche Sterilisierungshelfer zum keimfreien Überleben außerhalb der eigenen vier Wände, findet sich nahezu ausschließlich in deutschen Handtaschen.
Sauberkeitswahn, Begradigungswünsche, Regelungswut, Paragraphenflut: Das ist die Begleitmusik zur Sehnsucht nach Hygiene. Dabei mag es gute und vernünftige Gründe geben fürs Streben nach fugenloser Keimfreiheit. Nur unverbesserliche Querköpfe stoßen sich an Friedhofszwang, Impffreude, an samstäglicher Autowaschung, regelmäßigem Rasenmähen und Rauchverbot am Bahnsteig.
Spiel nicht mit den Schmuddelkindern: Auch im angebrochenen Jahrtausend sind Grauzonen jedweder Art den Deutschen suspekt. Ordnung muß schon sein – etwas einordnen, sprich: katalogisieren können, und sei es gedanklich: Das ist weniger dem Volk der Dichter, wohl aber dem der Denker eine Notdurft. Unvorstellbar scheint es im Zeitalter der radikalen Mülltrennung zu sein, daß menschliche Fäkalien jahrhundertelang, nein, viel länger, jene Äcker düngten, auf denen hernach die Feldfrüchte wuchsen!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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