Sezession
1. Oktober 2009

Deutschland, 1. September 2009

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Brunnenfest im Nachbardorf. Ich war mit vier Kindern dort. Die Kleinen sangen ein paar Kindergartenlieder vor und machten Fingerspiele. Die Alten tranken derweil und dämpften keineswegs ihre Stimmen. Der Auftritt war ein gutgemeinter Reinfall, man kennt das nicht anders, und es wird sich nächstes Jahr wiederholen.Auch ich zwitscherte einen, drei Bier unter praller Sonne, und es ist erstaunlich, wie das Spröde und das Egozentrische abfallen, wenn man so trinkt: Fünfe sind dann immer gerade und Einzug hält jene Seligkeit, die mit dem Präfix Bier- eines der Schlüsselworte zum Verständnis der deutschen Seele ist. Man bildet spontan einen Verein, klärt offene Fragen im Handumdrehen und schlürft die Verführung jenes Ur-Kommunismus, den es nur am Stammtisch gibt: Übers Jahr gerechnet, gleichen sich die Runden aus, es bezahlt einfach, wer gute Laune hat oder ein bißchen auftrumpfen möchte.
So war es neulich auch an dem See, der ab 17.00 Uhr nur noch 1 Euro Eintritt kostet und an dem es neben einer Rutsche und einem Wassertrampolin auch einen Kiosk gibt. Dieser Stützpunkt ist so angelegt, daß man während des Verzehrs die Kinder beobachten kann, die im Wasser spielen oder im schlammigen Sand Löcher graben. Man ist nie alleine am Ausschank, sondern kommt rasch ins Gespräch. Diesmal erhielt ich von einem Karl eine Flasche Ur-Krostitzer in die Hand gedrückt – mein Lieblingsbier, das den behelmten Gustav Adolf zeigt.
»Also dann!«, sagte Karl.
»Gleichfalls!«, sagte ich. Wir tranken. Karl betrachtete das Flaschenetikett und war zufrieden. »Mein Bier«, sagte er. »Ich mag den Adolf, und ich sag dir jetzt mal was: Ich glaube, der hat hier auch schon gebadet.«
»Meinst du?«
»Hundertprozentig. Er hat Querfurt belagert, und dann ist er wieder Richtung Merseburg abgezogen. Da muß er hier vorbei, das hat er sich nicht entgehen lassen.«
»Aber das hier«, sagte ich, »ist ein Baggersee.
Wir tranken still weiter. Ein Motor brüllte auf. Seit Wochen wurde am anderen Ufer gebaggert. Das ist verwunderlich, denn auf die andere Seite darf man noch nicht einmal schwimmen, der seltenen Vögel wegen. Und tatsächlich: Ein Fischreiher erhob sich, schwang sich auf eine Trauerweide und schaute dem Bagger zu. Nach einer Weile strich er ab und verschwand in Richtung Bundesstraße.
Karl schaute auf die Tischplatte, dann schaute er mich an und sagte:

Die fischer überliefern das im süden
Auf einer insel reich an zimt und öl
Und edlen steinen die im sande glitzern
Ein Vogel war der wenn am boden fußend
Mit seinem schnabel hoher stämme krone
Zerpflücken konnte – wenn er seine flügel
Gefärbt wie mit dem saft der Tyrer-schnecke
Zu schwerem niedrem flug erhoben: habe
Er einer dunklen wolke gleichgesehn.
Des tages sei er im Gehölz verschwunden
Des abends aber an den strand gekommen
Im külen windeshauch von salz und tang
Die süße stimme hebend daß delfine
Die freunde des gesanges näher schwammen
im meer voll goldner federn goldner funken.
So habe er seit urbginn gelebt
Gescheiterte nur hätten ihn erblickt.
Denn als zum erstenmal die weißen segel
Der menschen sich mit günstigem geleit
Dem eiland zugedreht sei er zum hügel
Die ganze teure stätte zu beschaun gestiegen
Verbreitet habe er die großen schwingen
Verscheidend in gedämpften
schmerzeslauten.

Am Kiosk ging die kleine Glocke. Karl beugte sich weit nach hinten und kriegte seine Pommes zu fassen. Er schob sich gleich welche in den Mund und rückte die Schale in die Mitte des Tisches, damit ich auch zugreifen konnte.
»Ist von George«, sagte er. »Der Herr der Insel.«
»Das Lieblingsgedicht von Gustaf Adolf«,
sagte ich. Wir tranken noch eins, und dann sammelten wir unsere Kinder ein.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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