Iris Hanika: Das Eigentliche

Stolpersteine heißen die knapp über das Niveau der Gehsteige hinausragenden Erinnerungsbrocken, die überall dort verlegt...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

wer­den, von wo aus Juden abge­holt wur­den. Fram­bach, die Haupt­per­son in Das Eigent­li­che, ach­tet auf jedem Gang strickt dar­auf, kei­nes die­ser Minia­tur­denk­ma­le zu betre­ten: “Dar­an muß­te er sich nicht eigens erin­nern, denn sein höl­zer­ner Kör­per ging von selbst sehr sorg­sam, es saß ihm in den Knochen.”

Sol­che Sät­ze schreibt die nicht eben unbe­kann­te, son­dern 2008 mit Tref­fen sich zwei für den Deut­schen Buch­preis nomi­nier­te Autorin Iris Hanika. Nun hat sie einen Roman »nach Ausch­witz« vor­ge­legt: er heißt Das Eigent­li­che. Denn für Fram­bach ist die Shoa »das Eigent­li­che«, die Sinn­stif­tung, um die sein gan­zes Leben kreist. Mecha­nis­mus und Grad sol­cher Abhän­gig­keit ver­deut­licht Iris Hanika auf gera­de­zu absur­de Wei­se durch eine Spie­ge­lung: Auch die bes­te (und ein­zi­ge) Freun­din Fram­bachs hat ein Eigent­li­ches, und zwar einen Lieb­ha­ber, durch aus­schließ­lich den sie zu leben ver­meint. Auch Fram­bach (schwer an Inge­borg Bach­manns »Unge­heu­er mit Namen Hans« erin­nernd) lebt aus­schließ­lich durch sein Eigent­li­ches. Er ist – man muß es so sagen – ein nach hin­ten in die Geschich­te ori­en­tier­ter, von Hit­lers Tun und Las­sen abhän­gi­ger und dadurch voll­stän­dig außen­ge­lei­te­ter Mensch.

Er arbei­tet im “Amt für Ver­gan­gen­heits­be­wirt­schaf­tung”, einem Archiv im Her­zen Ber­lins. Deutsch­land hat »das Geden­ken an das Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit zu sei­ner immer­wäh­ren­den Auf­ga­be erklärt« (schreibt Iris Hanika), und dar­aus kann man ablei­ten, daß Ausch­witz der »Grün­dungs­my­thos« der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sei (sag­te Josch­ka Fischer). Der zwei­fels­oh­ne not­wen­di­gen Erin­ne­rung aber hat sich – beför­dert durch sol­cher­lei Frei­brie­fe – mitt­ler­wei­le eine »Holo­caust-Indus­trie« (Nor­man Fin­kel­stein) bemächtigt.

Die Fra­ge, die Iris Hanika in ihrem knap­pen Roman stellt, aber nicht beant­wor­tet, lau­tet: Wie oft wird Hit­ler noch besiegt? Und sie deu­tet eine Ant­wort an: Hit­ler wird so lan­ge immer wie­der reani­miert, solan­ge er für gute Umsät­ze gera­de­steht. Sie sagt die­se Unge­heu­er­lich­keit nicht gera­de­zu frei her­aus, son­dern durch die Pla­zie­rung einer Lis­te mit Stil­blü­ten in der Mit­te des Buches: Dar­un­ter die Aus­sa­ge einer Frau, die begeis­tert von einem Tref­fen des Inter­na­tio­na­len Ausch­witz-Komi­tees erzählt – sie habe dort die »Crè­me de la crè­me« der Über­le­ben­den getrof­fen. Es geht auch eine Stu­fe drun­ter: Nicht ohne Grund titelt der Spie­gel jähr­lich zwei, drei Mal mit Hit­lers Kon­ter­fei (die Sezes­si­on noch nie, übrigens!).

Das Eigent­li­che zeigt, wie die Ver­wand­lung des Geden­kens in eine Bewirt­schaf­tung die­ses Geden­kens irgend­wann in Geschäfts­tüch­tig­keit (etwa Hol­ly­wood) endet – und uns Deut­sche von unse­rer Geschich­te abtrennt: »Juden und Nazis sind ande­re Wör­ter für ›die Guten‹ und ›die Bösen‹ gewor­den, und ›die Deut­schen‹ in die­sen Fil­men sind nicht wir.« Wer sind wir dann?

Viel­leicht geht es man­chem von uns wie Hans Fram­bach, der eines Tages ganz undis­zi­pli­niert das Amt für Ver­gan­gen­heits­be­wirt­schaf­tung schon zur Mit­tags­zeit ver­läßt, weil er sei­ne Arbeit über­hat. Iris Hanika fügt an die­ser Stel­le drei lee­re Sei­ten in ihren Roman ein, auf denen jeweils die Wor­te »Raum für Noti­zen« ste­hen. Das ist eine Auf­for­de­rung an die Leser, sich über die eige­ne Rol­le in der längst unan­ge­mes­se­nen Ver­gan­gen­heits­be­wirt­schaf­tung Klar­heit zu ver­schaf­fen: Denn befrei­end wird das Shoa-Busi­ness nie wir­ken, ganz im Gegenteil!

Das weiß auch der in die Holo­caust-Erin­ne­rung als sei­nem Eigent­li­chen ein­ge­sperr­te Hans Fram­bach. Und so erin­nert er sich bei einer früh­mor­gend­li­chen Tas­se Tee, daß er sich ein­mal zu befrei­en ver­moch­te: Bei einem Besuch des Lagers Ausch­witz schritt er den Weg von der Ram­pe zur Gas­kam­mer nicht ab, son­dern ver­moch­te nach eini­gen Metern abzu­bie­gen, um das Lager zu ver­las­sen (»Und war frei«). Da war er im Wort­sinn nicht mehr außen­ge­lei­tet, son­dern gewann den inne­ren Dia­log gegen ein star­res, oktroy­ier­tes Verhaltensmuster.

Das Buch könn­te nach die­ser Schlüs­sel­sze­ne enden. Iris Hanika aber zieht wei­te­re drei lee­re Sei­ten ein, auf denen jedoch nicht »Raum für Noti­zen« steht: Die­sen Weg (im dop­pel­ten Sinn!) soll man sich näm­lich drei lee­re Sei­ten lang vor­stel­len – ohne ihn womög­lich zu bewirtschaften.

(Iris Hanika: Das Eigent­li­che, Roman, Dro­schl 2010. 176 S., 19.00 €)

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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