Sezession
1. Dezember 2009

Der kalte Schweiß der Lebensschwäche

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Alle entscheidenden politischen Fragen heute lassen sich auf Identitätsfragen zurückführen. Auf konservativer Seite der Front lauten die Feindbestimmungen »Vergangenheitsbewältigung«, »Masseneinwanderung« und »Gender Mainstreaming«, auf der anderen, im weitesten Sinne linken Seite »Faschismus, Rassismus, Sexismus«. Demgegenüber sind Streitpunkte wie der Sozialstaat, Kindererziehung, Familienpolitik, Meinungsfreiheit oder selbst die demographische Frage nur Unterabteilungen. Die dahinterstehenden Identitätsbestimmungen könnte man so formulieren: Wer sind wir als Deutsche? Wie sind wir verschieden von den anderen? Und: Wer sind wir als Männer und Frauen? Sie sind allesamt unter Verdacht gestellt, von Skrupeln begleitet: Ist es politisch korrekt, ein Mann zu sein? Politisch korrekt, ein Deutscher zu sein? Politisch korrekt, ein Deutscher unter Deutschen bleiben zu wollen?Während die Konservativen – wie stets in der Defensivposition – sich im besten Fall bewußt sind, daß das, was sie konservieren möchten, zutiefst reformbedürftig ist, hat die Linke kaum ein konkretes Bild anzubieten, was denn kommen soll, wenn erst einmal, frei nach Gehlen, »allem, was steht, das Mark aus den Knochen geblasen« ist. Ihren Vorstellungen ist argumentativ kaum beizukommen. Die Frontlinie verläuft nicht im Bereich der bloßen Meinungsverschiedenheiten, sondern viel tiefer: auf der Ebene der Apperzeptionsverweigerung. Einem Gelände, das gegen den Zugriff der Ratio mit psychischen Minenfeldern abgeschirmt ist.
Die »Dummheit« ist nach Heimito von Doderer mit der »Apperzeptionsverweigerung « identisch, diese wiederum geht auf »einen nicht mehr auffindbaren bösen Entschluß des Einzelindividuums« zurück. Sie ist der »kalte Schweiß unserer Lebensschwäche«. Hier liegt der affektive Kern des politischen Infantilismus und Puritanismus: Das Leben muß hier verniedlicht, dort dämonisiert, schließlich gänzlich abgeschafft werden, weil die Spannungen unerträglich sind. Doderer beschrieb die Abwehrreaktion: »Mehrmals gefährdet aber wird man wachsam, am Ende aber haßerfüllt und aggressiv gegen jedes Phänomen und Individuum, das die ursprünglichen und dem Grundplane ungefähr entsprechenden Züge zeigt.«
Das hartnäckige, beinah religiöse Festhalten von Vertretern egalitärer Ideologien am Irrealen und Irreparablen läßt ahnen, daß hier tiefersitzende Identitätskrisen und Unzulänglichkeitsgefühle eine Rolle spielen, als die pseudo-akademische Oberfläche ahnen läßt. Bei allem Vorbehalt gegenüber Psychologisierungen ist es gerade im Bereich der Geschlechterproblematik ratsam, genau hinzusehen, aus welcher Perspektive jemand argumentiert. Es gilt auch heute noch, was Hans Blüher bereits 1919 zum Thema Frauenbewegung schrieb: »Programme sind fast immer die Verkappungen einer Sache.« Volker Zastrow wies in seinem Buch Gender – Politische Geschlechtsumwandlung auf die »verbrämte« Tatsache hin, daß der radikale Feminismus im engen Zusammenhang mit der Lesbenbewegung steht, deren Interessen in den Fragen von Ehe und Familie »mit denen anderer Frauen keineswegs übereinstimmen«.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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