Sezession
1. Dezember 2009

Geographie des Zorns

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

von Karlheinz Weißmann

In ganzen Wissenschaftsbereichen hat der Suhrkamp-Verlag bis heute eine beherrschende Stellung. Was dort gedruckt wird, gilt, wird rezensiert und rezipiert. Diese Machtposition ist seit den sechziger Jahren entstanden und nie in Frage gestellt worden. Konservative Verweigerungshaltung hat daran sowenig geändert wie die Ablehnung des Bürgers, jeden Montag den Spiegel zur Hand zu nehmen. Der Erfolg Suhrkamps ist aber in manchem schwer begreifbar. Selbstverständlich hat das Haus eine wichtige und unbestreitbare Funktion in bezug auf die moderne Literatur und auch im Hinblick auf die Wiederveröffentlichung von Klassikern, die eigentliche Einflußnahme erfolgte und erfolgt jedoch noch immer über die Publikationen zu Soziologie und Politologie, und die Lektüreerfahrung entsprechender Titel ist oft ernüchternd. Dabei spielt das »Suhrkamp-Deutsch« eine Rolle, aber mehr noch der Eindruck, daß sich intellektuell wenig getan hat. Immer noch derselbe Jargon, wenn auch Marxismus, Strukturalismus, Psychoanalyse als Bezugsgrößen zurückgetreten sind: Es bleibt bei der Weigerung, bestimmte Realitäten zur Kenntnis zu nehmen.

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Als aktuelles Beispiel kann das Buch des indischen, vor allem in den USA lehrenden, Ethnologen und Gesellschaftswissenschaftlers Arjun Appadurai dienen. Appadurai, Berater der UNESCO und seit Erscheinen seines Buches Modernity at Large (1996) renommiert, hat mit Die Geographie des Zorns (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2009. 159 S., 12 €) eine Art Großessay vorgelegt. Der Titel erinnert an Peter Sloterdijks Zorn und Zeit, Appadurai nimmt darauf aber keinen Bezug, obwohl die Schnittmenge zwischen den Themen beider Bände relativ groß ist. Hier wie dort geht es um das Bedrohungspotential der »Dritten Welt« für die erste, hier wie dort spielt der Faktor Islam eine ausschlaggebende Rolle und auch der Demographie wird entscheidendes Gewicht beigemessen. Damit enden die Gemeinsamkeiten bereits. Denn anders als Sloterdijk ist Appadurai entschlossen, seinen Gegenstand nicht ernstzunehmen. Das muß man um so mehr bedauern, als seine Untersuchung eine ganze Reihe von Zustandsbeschreibungen und Beobachtungen enthält, die überzeugend wirken und die theoretische wie die praktisch-politische Debatte voranbringen könnten. Das gilt vor allem im Hinblick auf fünf Faktoren:

1. Globalisierung ist das Ergebnis eines komplexen Prozesses, der von einem weltweit operierenden Kapitalismus, Hochgeschwindigkeitstechnologien und gigantischen Wanderungsprozessen bestimmt wird;

2. das vorläufige Ergebnis der Globalisierung ist ambivalent: der allgemeinen Verfügbarkeit von Informationen, Gütern und Dienstleistungen steht die Entwurzelung und vollständige Verarmung großer Bevölkerungsgruppen gegenüber;

3. diese outcasts verfügen aber über die Möglichkeit, ihre Entfremdungserfahrungen auf eine ganz neue, weil virtuelle Weise zu kompensieren, was zur Entstehung oder Erhaltung kollektiver Identitäten führt, die unter anderen Bedingungen schnell erledigt worden wären;

4. das hat auch zur Konsequenz, daß die dem europäischen Nationalstaat zugrundeliegende »Phantasie« einer durch Abstammung, Geschichte, Kultur und Sprache im Vorraum des Politischen strukturierten und im Politischen zum Souverän aufsteigenden »Volkes« unhaltbar geworden ist, woraus sich

5. die seit einiger Zeit beobachtbare Nervosität in westlichen Staaten angesichts von Multikulturalismus und fehlender Integrationsbereitschaft der Einwanderer erklärt. Dabei spielt die uralte Furcht jeder Mehrheit mit, zur Minderheit zu werden, aber auch die Einsicht in den liberalen Grundirrtum, daß Minderheiten eigentlich nur temporäre Minderheiten sind, die bald mittels Vernunft und Gespräch in die – liberale – Mehrheit eingegliedert sind; es handelt sich um essentielle Minderheiten, die aufgrund ihres ethnischen und religiösen Sonderbewußtseins und ihrer Geburtenrate gar keine Veranlassung sehen, Positionen zu räumen.

Was von Appadurai zu Recht hervorgehoben wird, ist die Delegitimierung des westlichen Ordnungsmodells, das in den letzten Jahrzehnten nicht nur an wirtschaftlicher Durchsetzungs-, sondern auch an ideologischer Überzeugungskraft verloren hat. Er führt das darauf zurück, daß in Europa und Nordamerika wesentliche Bestände abgebaut oder verlorengegangen sind, auf denen die Funktionstüchtigkeit des modernen Staates ganz wesentlich beruhte. Die gemeinhin als »liberal« bezeichnete Gesellschaft hat durch Zuwanderung und internationale Verflechtung, Abbau von Grenzen und untrollierbare Kommunikation jene Homogenität eingebüßt, die zu den wichtigsten Voraussetzungen einer Demokratie gehört, jene Menge an kulturellen Selbstverständlichkeiten, die vorhanden sein muß, um Konflikte im Inneren zu reduzieren und sicherzustellen, daß die Grundfragen von allen als geklärt betrachtet werden und es bei den politischen Auseinandersetzungen nur noch um die Gestaltung des Zusammenlebens – nicht um das Zusammenleben selbst – geht, weshalb diese friedlich und in geordneten Bahnen ablaufen können.
Bezeichnenderweise verkennt Appadurai aber die ungeheure zivilisatorische Leistung, die nötig war, um diesen Status zu erreichen und die »Angst vor der Unvollständigkeit ihrer Souveränität« zu minimieren. Hier spielten Besonderheiten in der Geschichte der europäischen Völker eine Rolle, aber auch kollektive Erziehungsanstrengungen, zu denen die außereuropäischen Völker niemals fähig oder willens waren. Daß die Europäer diese Zusammenhänge ihrerseits leugnen oder verdrängen, erleichtert es einem von außen kommenden Beobachter wie Appadurai, das Selbstmißverständnis zu nutzen und die in der westlichen Intelligenz kursierenden Ideen von der »Konstruktion« sozialer Wirklichkeit so zu wenden, daß Nation und Staat, Markt und Emanzipation als große Täuschungen erscheinen, nur dazu da, das eigene Interesse zu kaschieren und im Namen irgendeiner Ganzheit durchzusetzen. Wie eine fixe Idee taucht bei ihm die Vorstellung auf, daß »Minderheiten und Mehrheiten« erst in der Konsequenz der »demokratischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts« (56) entstanden und »historisch gesehen, nicht vorgefunden, sondern gemacht« (60) wurden, um die Massen zu manipulieren und die Unterwerfung der Welt zu rechtfertigen.

Appadurais Ansicht, daß die Globalisierung vor allem als globalisierte Gewalt gegen Minoritäten zu begreifen sei, die man einerseits brauche (als billige Arbeitskräfte in den Ländern des Westens), andererseits als Sündenböcke benutze, falls das Projekt der Majorität in Gefahr gerät, ist abwegig, um das mindeste zu sagen. Und als wesentliche Argumentationslücke erscheint, daß er die »Dekonstruktion« abbricht, bevor es um europäische Exporte wie Menschenrechte und Demokratie geht. Ein naiver Universalismus ermöglicht es ihm, unbekümmert um Konsequenz alle weitere Entwicklung an Maßstäben zu messen, die ihrem Ursprung nach westlich sind und jedenfalls keine selbstverständliche Geltung außerhalb jener Weltanschauung haben, die er als (neo-)kolonialistisch betrachtet. Daher erklärt sich weiter das von Appadurai zur Schau getragene Selbstbewußtsein, mit dem er einerseits eine Art Vorsprung seiner Heimat Indien annehmen kann, wo es nie etwas anderes gab als eine multirassische, multireligiöse, multikulturelle Vielheit ohne Einheit, die dem Westen erst noch bevorsteht, und andererseits die durch keine Tatsachenbeobachtung gerechtfertigte Erwartung hegt, daß eine »Graswurzelglobalisierung « (8) anstehe, die die »globale demokratische Praxis« (10) vorbereite, in der dann weltweit vernetzte NGOs das Anliegen der Basis gegenüber den G8-Staaten zur Geltung bringen werden. Die von Appadurai als »vertebrale« Organisationsformen bezeichneten Nationalstaaten und kapitalistischen Zentren mit ihrer Raumbindung und ihrer autoritären Struktur sollen »zellulare«, kleinteilige soziale Einheiten, die angeblich auf »Gleichheit, Transparenz und Inklusion« (44) beruhen, in die Schranken weisen können, weil die sich die Virtualität zunutze machen und infolge der Migration ein weltweites Stützpunktsystem aufbauen können (41). Daß auch Ökonomie und Terrorismus die »neue Logik der Zellförmigkeit« (44) kennen, hindert Appadurai nicht an der optimistischen Annahme, daß der Weg zur »internationalen Zivilgesellschaft« (149) gebahnt werde.
Bezeichnenderweise hat Samuel Huntington bei Appadurai nur einen kurzen Auftritt und den in der Rolle des Popanz. Das hängt damit zusammen, daß »Kultur« für ihn nur eine Menge von mehr oder weniger willkürlich gesetzten Symbolen ist, aber keinen »essentialistischen« Charakter hat. Wenn Menschen glaubten, daß die Zugehörigkeit zu einer Kultur eine objektive Bezugsgröße sei, dann als Folge von Indoktrination oder einer Entfremdungserfahrung, wie sie zum Beispiel die Auswanderung in die Metropolen für Menschen aus der Peripherie nach sich zieht. Letztlich macht es diese Unterschätzung des Faktors »Kultur« Appadurai unmöglich, den von ihm selbst angegebenen Befund zu verstehen. Denn die wachsende Bedeutung von kollektiver Identität erklärt sich im 21. Jahrhundert daraus, daß die Globalisierung eine Reaktion herausgefordert hat, die gerade wegen der kulturverschleißenden, nivellierenden Wirkung dieses weltweiten Prozesses zu einer Rückbesinnung auf die Kultur führt, die um so fundamentalistischer ausfällt, je massiver die Bedrohung erscheint, von der nicht nur das Individuum, sondern auch die – ethnische, religiöse, politische – Gruppe betroffen ist, die es als die ausschlaggebende betrachtet. Huntington hat in Reaktion auf die Kontroversen, die seine These vom »Zusammenprall der Kulturen« auslöst, eine entscheidende Gegenfrage gestellt, die Appadurai zu seinem Schaden ignoriert: »If not culture – what?«


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