Das neue Aztlán. Amerikas Wandel und seine Folgen

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

von Thomas Bargatzky

Die Vereinigten Staaten von Amerika galten lange als »Melting Pot«, als Musterbeispiel für die erfolgreiche Assimilierung von Einwanderern unterschiedlichster Nationalität an die weiße angelsächsisch-puritanische Leitkultur und ihre Integration zu einer amerikanischen Nation. Mehr und mehr wird diese Gewißheit erschüttert. An die Stelle des Schmelztiegels tritt das Bild der Salatschüssel, in der Bestandteile erhalten bleiben und sich nicht miteinander vermischen. Aber auch dieses Bild ist angesichts der Hispanisierung des US-amerikanischen Südwestens fragwürdig, denn hier zeichnet sich die zunehmende ethnische, kulturelle und sprachliche Zweiteilung der USA ab.

 Gastbeitrag

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Schon 1981 teil­te Joel Gar­reau den nord­ame­ri­ka­ni­schen Halb­kon­ti­nent in neun nach Natur­räum­lich­keit, eth­ni­scher Zusam­men­set­zung und kul­tu­rel­ler Prä­gung der Bevöl­ke­rung von­ein­an­der geschie­de­ne »Natio­nen «, ein, wobei die heu­te bestehen­den Gren­zen der USA zu Kana­da und Mexi­ko in sei­nem Sche­ma kei­ne Rol­le spie­len. Eine die­ser neun Natio­nen, »Mex­Ame­ri­ca«, faßt die his­pa­nisch-mexi­ka­nisch gepräg­ten Gebie­te zu bei­den Sei­ten des Rio Gran­de zu einem nach Her­kunft, Spra­che und Kul­tur ein­heit­li­chen Raum zusam­men. Gar­reau macht sei­ne Leser auch auf eine Legen­de auf­merk­sam, die schon zu sei­ner Zeit in Chi­ca­no-Krei­sen kur­sier­te: Azt­lán, die geheim­nis­vol­le Urhei­mat der Azte­ken, lie­ge auf dem Gebiet des heu­ti­gen Süd­wes­tens der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Eines Tages wür­de die­ses Ursprungs­land von den Nach­fah­ren der Azte­ken zurück­ge­won­nen wer­den und eine neue Hoch­kul­tur wür­de dort erblühen.
Am 31. Janu­ar 2000 erschien in der Albu­quer­que Tri­bu­ne ein Inter­view mit Charles Tru­xil­lo, sei­ner­zeit Pro­fes­sor für Chi­ca­no-Stu­di­en an der Uni­ver­si­ty of New Mexi­co. Tru­xil­lo sagt dar­in die Aus­ru­fung einer »Repú­b­li­ca del Nor­te« vor­aus. Die­ser neue Staat sol­le einer­seits die nord­me­xi­ka­ni­schen Teil­staa­ten Baja Cali­for­nia, Sono­ra, Chi­hua­hua, Nue­vo León sowie Tamau­li­pas und ande­rer­seits die US-ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­staa­ten Kali­for­ni­en, Ari­zo­na, New Mexi­co und Texas sowie das süd­li­che Colo­ra­do zu einer unab­hän­gi­gen, his­pa­nisch gepräg­ten Repu­blik zusam­men­fas­sen. Der Grün­dung die­ser neu­en Repu­blik, so Tru­xil­lo, wer­de kein Bür­ger­krieg vor­aus­ge­hen, denn sie sei eine not­wen­di­ge Fol­ge der ins­be­son­de­re von Mexi­ko aus­ge­hen­den demo­gra­phi­schen Rück­erobe­rung der ehe­mals mexi­ka­ni­schen Gebie­te des US-ame­ri­ka­ni­schen Süd­wes­tens. Der mexi­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Car­los Fuen­tes spricht in sei­nem Erzähl­band La Fron­te­ra de Cris­tal daher von »el impe­ria­lis­mo cro­mo­somá­ti­co de Méxi­co«, dem mexi­ka­ni­schen »Chro­mo­so­men-Impe­ria­lis­mus«, dem die USA zu guter Letzt wenig wür­den ent­ge­gen­set­zen können.
Im Krieg von 1846–1848, der mit dem Frie­den von Gua­da­lu­pe Hidal­go ende­te, ver­lor Mexi­ko fast die Hälf­te sei­nes Ter­ri­to­ri­ums an die jun­gen Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Die­ser Ver­lust, schreibt der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list und Mexi­ko-Ken­ner Alan Riding, sei ein psy­cho­lo­gi­sches Trau­ma, das Mexi­ko bis heu­te belas­te und das durch die stän­di­gen Ein­mi­schun­gen des über­mäch­ti­gen Nach­barn im Nor­den noch zusätz­lich ver­tieft wer­de. Den­noch stre­ben his­pa­nisch gepräg­te ame­ri­ka­ni­sche Irre­den­tis­ten in ihrer Mehr­zahl wohl kei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung mit Mexi­ko an. Ihr Natio­na­lis­mus ist eher ein von Anti-Anglo und Anti-Indio-Ele­men­ten durch­setz­ter, eigen­stän­di­ger und von Chi­ca­no-Ras­sis­mus nicht unfrei­er »Azt­lán-Natio­na­lis­mus«, der sich sowohl von der wei­ßen, anglo­ame­ri­ka­ni­schen, pro­tes­tan­ti­schen »Main­stream-Kul­tur« als auch vom süd­me­xi­ka­ni­schen, india­nisch gepräg­ten Mexi­ko absetzt. Der Nor­den Mexi­kos gilt als dyna­mi­scher und ent­wi­ckel­ter als Mexi­kos süd­li­che Regio­nen; es exis­tie­ren zahl­rei­che »Wahl­ver­wandt­schaf­ten« mit dem Süd­wes­ten der USA. Die Gebie­te nörd­lich und süd­lich der heu­ti­gen Staats­gren­ze waren ja ehe­mals, von Mexi­kos Haupt­stadt aus gese­hen, »El Nor­te«. Azt­lán, der mythi­sche, in »el Nor­te« gele­ge­ne Ursprungs­ort der Azte­ken, dient als Sym­bol für die­sen neu­en Natio­na­lis­mus. Der Poli­ti­ker und Publi­zist Patrick J. Buchanan spricht daher von einem »Azt­lán Plot«, der auf die Auf­lö­sung der ter­ri­to­ria­len Ein­heit der USA abzie­le. »Wir waren schon vor­her da«, hal­ten ihm Azt­lán-Natio­na­lis­ten entgegen.

Auf wel­che Grund­la­ge könn­te sich der Ver­dacht einer Azt­lán-Ver­schwö­rung stüt­zen? In sei­nem Buch The Clash of Civi­liz­a­ti­ons rech­ne­te Samu­el P. Hun­ting­ton bereits 1996 mit­tels Zen­sus­da­ten vor, daß der Anteil spa­nisch­spra­chi­ger Ein­woh­ner der USA um 2050 bei ca. 25 Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung lie­gen wer­de; nur mehr die Hälf­te der US-Bevöl­ke­rung wer­de dann anglo-ame­ri­ka­ni­scher Her­kunft sein. Dem U.S. Cen­sus Bureau zufol­ge waren am 1. Juli 2006 bereits 44,3 Mil­lio­nen Ein­woh­ner spa­nisch­spra­chig, das sind etwas weni­ger als 15 Pro­zent der Gesamt­ein­woh­ner­zahl von ca. 300 Mil­lio­nen. Die Mehr­zahl die­ser Men­schen ist mexi­ka­ni­scher Her­kunft. Hin­zu kommt noch eine Dun­kel­zif­fer his­pa­ni­scher ille­gal ali­ens, die auf ca. 15 Mil­lio­nen geschätzt wird. Der Anteil der soge­nann­ten »His­pa­nics« ist nun gera­de in den ehe­mals mexi­ka­ni­schen Gebie­ten des heu­ti­gen Süd­wes­tens der USA am höchs­ten. Der Zen­sus des Jah­res 2000 zähl­te 823.352 Spa­nisch­spra­chi­ge in New Mexi­co – das waren bereits 43,27 Pro­zent der Bevöl­ke­rung die­ses US-Bun­des­staa­tes. Ihr Anteil an der Gesamt­be­völ­ke­rung Kali­for­ni­ens betrug sei­ner­zeit 34,72 Pro­zent (12.442.626 Ein­woh­ner), dar­auf fol­gen Texas (34,63 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 7.781.211 Ein­woh­ner), Ari­zo­na (28,03 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 1.608.698 Ein­woh­ner), Neva­da (22,80 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 531.929 Ein­woh­ner), Colo­ra­do (19,10 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 878.893 Ein­woh­ner) und Flo­ri­da (19,01 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 3.304.832 Ein­woh­ner). An ach­ter Stel­le steht der Bun­des­staat New York mit 15,96 Pro­zent bezie­hungs­wei­se 3.076.697 spa­nisch­spra­chi­gen Ein­woh­nern! Der nächs­te USZen­sus soll 2010 statt­fin­den und alle Zei­chen deu­ten dar­auf hin, daß sich der Trend zur His­pa­ni­sie­rung der USA fort­set­zen wird.
Hun­ting­ton unter­schei­det in Clash drei gro­ße Wel­len der Ein­wan­de­rung in die USA. Mit­te des 19. Jahr­hun­derts kamen Iren und Deut­sche, in den Jah­ren zwi­schen 1880 und 1914 wähl­ten vor allem Süd- und Ost­eu­ro­pä­er die Ver­ei­nig­ten Staa­ten als neu­es Hei­mat­land. Die vor­läu­fig letz­te Ein­wan­de­rungs­wel­le setz­te in den 1960er Jah­ren ein; sie brach­te vor allem Asia­ten und Spa­nisch­spra­chi­ge ins Land. Die hohe Kon­zen­tra­ti­on his­pa­ni­scher Ein­wan­de­rer in den Regio­nen des ame­ri­ka­ni­schen Süd­wes­tens wird all­mäh­lich zu einer kri­ti­schen Mas­se, durch die die USA der­einst demo­gra­phisch und kul­tu­rell »kip­pen« könn­ten – so befürch­tet es jeden­falls Hun­ting­ton. Die USA ver­lö­ren ihre bis­he­ri­ge, angel­säch­sisch gepräg­te natio­na­le Iden­ti­tät und wür­den zu einer zwei­ge­teil­ten, zwei­spra­chi­gen Nati­on wie Kana­da oder Belgien.
Um die­ser Ent­wick­lung vor­zu­beu­gen, plä­diert Hun­ting­ton in sei­nem Buch Who Are We? mit Lei­den­schaft für einen vol­un­ta­ris­ti­schen Begriff der Nati­on, der die ame­ri­ka­ni­sche Iden­ti­tät im Sin­ne der bis­lang ein­heits­stif­ten­den anglo-pro­tes­tan­ti­schen Grün­der­kul­tur sta­bi­li­siert – und zwar unab­hän­gig von Ras­sen­zu­ge­hö­rig­keit und eth­ni­scher Her­kunft. Auch wenn die Nach­kom­men der Grün­der eines Tages die Min­der­heit dar­stel­len, so könn­te ihre Kul­tur den­noch wei­ter­ge­tra­gen wer­den. Hun­ting­ton war eben nicht der Ras­sist, als den ihn eine ober­fläch­li­che Kri­tik hin­stel­len möchte.

Ange­sichts der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung könn­te es für die Ver­wirk­li­chung die­ser Hun­ting­ton­schen Visi­on bereits zu spät sein. Was die heu­ti­ge Staats­gren­ze zwi­schen den USA und Mexi­ko angeht, so ist sie ange­sichts der natur­räum­li­chen Gege­ben­hei­ten und der bis weit in die vor­ko­lum­bi­sche Zeit zurück­rei­chen­den Kul­tur­be­zie­hun­gen zwi­schen den Völ­kern Mexi­kos und des Süd­wes­tens eben­so »unna­tür­lich« wie die ehe­ma­li­ge inner­deut­sche Gren­ze. Wer sich ein­mal irgend­wo in den Wei­ten des Grenz­ge­biets auf­ge­hal­ten hat, weiß, daß die­se zwei­tau­send Mei­len lan­ge Gren­ze nicht lücken­los zu kon­trol­lie­ren ist, eine Gren­ze, die aus einem seich­ten Fluß und einer Linie im Sand besteht, wie der Rea­list Hun­ting­ton mit einem Anflug von Resi­gna­ti­on schreibt.
Unter wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se besitzt die his­pa­ni­sche Ein­wan­de­rung in die USA einen Dop­pel­cha­rak­ter: Einer­seits trägt sie die Merk­ma­le einer Armuts­mi­gra­ti­on in die Sozi­al­sys­te­me, ande­rer­seits sind »His­pa­nics« durch­aus wirt­schaft­lich erfolg­reich, wie bei­spiels­wei­se die kon­ser­va­ti­ve Poli­ti­ke­rin und Kolum­nis­tin Lin­da Cha­vez zuge­steht. Es gibt in ihren Rei­hen Ärz­te, Rechts­an­wäl­te, Grund­stücks­mak­ler, erfolg­rei­che Unter­neh­mer. Ihre beson­de­ren Kon­sum­wün­sche führ­ten zur Ent­ste­hung einer spe­zi­fi­schen Waren- und Dienst­leis­tungs­pa­let­te, ihre Nach­fra­ge nach Häu­sern beflü­gelt den lah­men­den ame­ri­ka­ni­schen Immo­bi­li­en­markt. Das wah­re Pro­blem, so Cha­vez, sei ihre man­geln­de Bereit­schaft, sich in den Main­stream der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur einzuschmelzen.
Recht­fer­tigt es die­ser Befund, hin­ter der His­pa­ni­sie­rung des Süd­wes­tens der USA einen »Azt­lán Plot« zu ver­mu­ten? Eine neue »Repú­b­li­ca del Nor­te« wird zur Zeit wohl vor allem in eini­gen Intel­lek­tu­el­len- und Akti­vis­ten­krei­sen aka­de­misch gebil­de­ter Chi­ca­no-Natio­na­lis­ten her­bei­ge­sehnt. Bis­lang spricht wenig dafür, daß die­se Idee außer­halb sol­cher Zir­kel zahl­rei­che Anhän­ger fin­det. Die Mehr­zahl der spa­nisch­spra­chi­gen Ein­wan­de­rer – ob legal oder ille­gal – sucht ein­fach ein bes­se­res und wür­de­vol­les Leben ohne Armut für sich und ihre Fami­li­en. Die­se Men­schen arbei­ten hart in Jobs als Ern­te­hel­fer und bil­li­ge Fabrik­ar­bei­ter für eine mise­ra­ble Bezah­lung und unter Rah­men­be­din­gun­gen, zu denen kein ande­rer US-Ame­ri­ka­ner bereit wäre, sich zu ver­din­gen. Sie möch­ten zwar ihre his­pa­ni­sche Kul­tur behal­ten, aber trotz­dem in den USA leben und arbei­ten und dürf­ten wohl vor­erst kaum als poli­ti­sche Revo­lu­tio­nä­re in Erschei­nung tre­ten wol­len. Wenn es eine »Ver­schwö­rung« geben soll­te, dann dürf­te sie im Kom­pli­zen­tum von mexi­ka­ni­scher Regie­rung und US-ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schafts­krei­sen lie­gen, die den Repu­bli­ka­nern nahe­ste­hen: Jene möch­te ihr Armuts­pro­blem in die rei­chen Regio­nen jen­seits der Staats­gren­ze im Nor­den ver­la­gern, die­se ver­schlei­ern ihr vita­les Inter­es­se an bil­li­gen Lohn­drü­ckern hin­ter ihrer Anti-Immi­gra­ti­ons­rhe­to­rik. Karl Marx sprach einst von der für die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on not­wen­di­gen »indus­tri­el­len Reser­ve­ar­mee « – hier kann man eine davon finden.
Den­noch – gera­de die deut­sche Geschich­te lehrt uns, daß der Ein­fluß der Intel­lek­tu­el­len auf die Her­aus­bil­dung des Natio­nal­staats­ge­dan­kens im 19. Jahr­hun­dert auf lan­ge Sicht, und unter den rich­ti­gen Bedin­gun­gen, eine gro­ße Bedeu­tung hat­te. Daher wäre es ein Feh­ler, die Mög­lich­keit der Ent­ste­hung eines neu­en, his­pa­nisch gepräg­ten Natio­nal­staa­tes in Nord­ame­ri­ka von vorn­her­ein als Unsinn abzu­tun. Was auch immer der Fall sein wird: Zuneh­mend mit sich selbst beschäf­tig­te, immer stär­ker katho­lisch-latein­ame­ri­ka­nisch ein­ge­färb­te USA wer­den in Zukunft eine ande­re Rol­le in der Welt­po­li­tik spie­len, als noch in der Gegen­wart. Schon sagt die Stu­die Glo­bal Trends 2025 des ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Intel­li­gence Coun­cil einen Bedeu­tungs­schwund der USA im inter­na­tio­na­len Macht­ge­fü­ge inner­halb der nächs­ten Jah­re voraus.

Der aus dem »Ame­ri­can Creed« gespeis­te inter­ven­tio­nis­ti­sche Mis­si­ons­ei­fer dürf­te als Fol­ge einer zuneh­men­den His­pa­ni­sie­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten nach­las­sen und Ame­ri­kas neue, his­pa­nisch gepräg­te Eli­ten dürf­ten sich nicht mehr dazu beru­fen füh­len, den Rest der Welt im Sin­ne des aus dem »Creed« her­vor­ge­wach­se­nen markt­ra­di­ka­len Heils­pro­jekts umzu­ge­stal­ten. Gun­nar Myrd­al hat einst unter die­sem Namen den Kern­be­stand an puri­ta­ni­schen und auf­klä­rungs­zeit­ge­präg­ten, natio­na­le Iden­ti­tät stif­ten­den Grund­über­zeu­gun­gen her­aus­ge­ar­bei­tet, um den her­um sich die Vor­stel­lung des »Mani­fest Desti­ny« anla­ger­te, einer vom Schick­sal für Ame­ri­ka vor­ge­se­he­nen Erobe­rungs- und Heils­mis­si­on für den ame­ri­ka­ni­schen Wes­ten: fun­da­men­ta­le Gleich­heit aller Men­schen, unver­äu­ßer­li­che Rech­te auf Frei­heit, Gerech­tig­keit und Eigen­tum, unzer­stör­ba­re Wür­de des ein­zel­nen Men­schen, Chan­cen­gleich­heit, Demo­kra­tie. »Mani­fest Desti­ny « dien­te dann – nach Schlie­ßung der »fron­tier« – als Recht­fer­ti­gung für die Her­aus­bil­dung des »ame­ri­ka­ni­schen Imperiums«.
Lang­fris­tig dürf­te Ame­ri­ka als Euro­pas »Schutz­macht« zwar aus­fal­len, kurz- und mit­tel­fris­tig gese­hen könn­te es durch­aus noch ein­mal zu einem Auf­blü­hen ame­ri­ka­ni­scher Heils­vi­sio­nen und dem ent­spre­chen­den Druck auch auf das »Alte Euro­pa« kom­men, sich ame­ri­ka­ni­schem »lea­ders­hip« zu fügen. Die Welt­macht Ame­ri­ka wird sich nicht so ohne wei­te­res von ihrer Rol­le als »ein­zi­ge ver­blei­ben­de Super­macht« ver­ab­schie­den. Der von Hun­ting­ton vor­aus­ge­sag­te »Zusam­men­prall der Kul­tu­ren« könn­te inso­weit Rea­li­tät wer­den, als das radi­kal­in­di­vi­dua­lis­ti­sche, letzt­lich auf dem »Ame­ri­can Creed« beru­hen­de Moder­ni­sie­rungs­pro­gramm tat­säch­lich noch ein­mal kul­tur­im­pe­ria­lis­tisch auf die gan­ze Welt aus­greift. Die zu Zei­ten von Auf­klä­rung und Fran­zö­si­scher Revo­lu­ti­on ent­wi­ckel­te Leit­idee der uni­ver­sel­len Men­schen­rech­te dient ja bereits in der Gegen­wart als Legi­ti­ma­ti­on der Selbst­er­mäch­ti­gung zur glo­ba­len mili­tä­ri­schen Intervention.
Über die Güte des Hun­ting­ton­schen Modells, ins­be­son­de­re über sei­ne frag­wür­di­ge Ein­tei­lung der Welt in ant­ago­nis­ti­sche Kul­tur­area­le läßt sich treff­lich strei­ten. Die Kri­ti­ker der Hun­ting­ton­schen The­sen machen es sich jedoch all­zu leicht, wenn sie sich allei­ne auf sei­ne Kul­tur­area­le kapri­zie­ren und des­we­gen glau­ben, sei­ne Kern­bot­schaft abtun zu kön­nen, daß näm­lich in der Gegen­wart ein enor­mes Kon­flikt­po­ten­ti­al zwi­schen der »Kul­tur« der vom Wes­ten vor­an­ge­trie­be­nen säku­la­ren markt­ra­di­kal­markt­li­be­ra­len Heils­leh­re und jenen Kul­tu­ren besteht, die sich der Annah­me die­ser Heils­leh­re ver­wei­gern. Die tie­fe­re Ursa­che die­ses Kon­flikts liegt eben nicht dar­in, daß die eine Welt modern ist und die ande­re nicht und daß die ande­re Welt sich gegen den angeb­li­chen Ver­such des Wes­tens wehrt, ihr die Moder­ni­sie­rung auf­zwin­gen zu wol­len. Hun­ting­ton betont in Clash immer wie­der, daß die nicht­mo­der­ne Welt sich zwar moder­ni­sie­ren will, aber nicht ver­west­li­chen! Nur ein auf das moder­ne Indi­vi­du­um und sei­ne Pri­vat­kul­tur ver­eng­ter Blick kann die­sen real exis­tie­ren­den Welt­kon­flikt übersehen.

Welt­an­schau­un­gen kön­nen macht­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen haben, wie der rus­sisch-geor­gi­sche Krieg deut­lich sicht­bar macht. In einer Zei­tungs­ko­lum­ne der Washing­ton Post vom 11. August 2008 schrieb der zu den ame­ri­ka­ni­schen Neo­kon­ser­va­ti­ven zäh­len­de Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Robert Kagan (damals noch Bera­ter von Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat John McCain), der Beginn des Kau­ka­si­en­krie­ges zwi­schen Ruß­land und Geor­gi­en am 8. August 2008 mar­kie­re den Beginn einer neu­en welt­his­to­ri­schen Epo­che, näm­lich die Rück­kehr zur alten Macht­po­li­tik des 19. Jahr­hun­derts. Die zur glei­chen Zeit statt­fin­den­den Olym­pi­schen Spie­le in Peking zeig­ten, daß auch Chi­na den ihm zuste­hen­den Rang in der Welt ein­neh­men will. Bedeu­ten­der für die Welt­la­ge als der Wie­der­auf­stieg der bei­den kon­ti­nen­ta­len Groß­mäch­te Chi­na und Ruß­land ist jedoch die Tat­sa­che, daß der­zeit nur noch die Groß­macht USA auf ein welt­re­vo­lu­tio­nä­res Ideo­lo­gie-Pro­gramm ver­pflich­tet ist, in des­sen Namen auch USKriegs­schif­fe vor den Schwarz­meer­küs­ten kreu­zen. Mos­kau und Peking betrei­ben im Grun­de eine klas­si­sche, von natio­na­len Inter­es­sen gelei­te­te Poli­tik, die auch auf Wer­ten wie Ehre, Patrio­tis­mus und Stolz gegrün­det ist. Was Kagan jedoch nicht wahr­ha­ben will, ist die Tat­sa­che, daß Washing­ton mit mis­sio­na­ri­schem Eifer das libe­ral-kapi­ta­lis­ti­sche Heils­pro­jekt ver­folgt, die Welt im Zei­chen von Frei­heit und Demo­kra­tie zu homo­ge­ni­sie­ren und daß ein »Zusam­men­prall der Kul­tu­ren« unaus­weich­lich ist, solan­ge die USA im Zei­chen die­ser Welt­an­schau­ung Poli­tik betrei­ben – gleich unter wel­chem Präsidenten.
Die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Mar­cia Pal­ly bringt die­se Welt­an­schau­ung in einem Mei­nungs­ar­ti­kel für Die Zeit vom 10. Juli 2008 unter der Über­schrift »Euro­pas Selbst­be­trug« auf den Punkt: Wirt­schaft­li­cher Libe­ra­lis­mus – so der fes­te Glau­be in den USA – nut­ze nicht nur Ame­ri­ka, son­dern auch sei­nen Han­dels­part­nern. Mehr noch: Er besche­re allen Betei­lig­ten Frei­heit – wenn nicht sofort, dann spä­ter. »Sowohl der Libe­ra­lis­mus als auch die Frei­heit för­der­ten den Frie­den – und die­ser den Han­del. Umge­kehrt wer­den illi­be­ra­le Wirt­schafts­for­men als exis­ten­ti­el­le Bedro­hung wahr­ge­nom­men, als Gefahr nicht nur für den Han­del, son­dern auch für die Frei­heit Ame­ri­kas.« Die USA als aus­er­wähl­te Nati­on recht­fer­ti­gen daher die glo­ba­le Expan­si­on ihres welt­re­vo­lu­tio­nä­ren »One World«-Projekts, im Glau­ben, ande­ren Völ­kern und Kul­tu­ren, ob mit oder gegen deren Wil­len, die Seg­nun­gen der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und Frei­heit brin­gen zu müssen.
Wie lan­ge gilt dies noch? Im Okto­ber 2002 mach­te ich mit der Archäo­lo­gin Ellen A. Kel­ley einen Aus­flug zum Big-Bend-Natio­nal­park in Texas. Wir fuh­ren auf ame­ri­ka­ni­scher Sei­te am Rio Gran­de die Gren­ze ent­lang und stie­gen immer wie­der aus, um die herr­li­che Land­schaft, den Fluß und die Ber­ge zu bewun­dern. Irgend­wo zwi­schen Laji­tas und Red­ford sahen wir, wie sich im Fluß zwei Punk­te beweg­ten – von mexi­ka­ni­scher Sei­te aus auf das US-Ufer zu. Wir wur­den zu Zeu­gen eines ille­ga­len Grenz­über­tritts. Wäh­rend Ame­ri­kas alte Eli­ten im Irak und Afgha­ni­stan und sonst­wo noch damit beschäf­tigt sind, die Welt nach ame­ri­ka­ni­schem Bild umzu­schaf­fen, ver­än­dert sich Ame­ri­ka selbst demo­gra­phisch und kul­tu­rell – täg­lich, nächt­lich, unauf­halt­sam. Euro­pa soll­te sich recht­zei­tig auf die Fol­gen ein­stel­len und sich stär­ker auf sei­ne eige­nen Inter­es­sen besin­nen. Frau Kel­ley und ich haben damals den Ein­wan­de­rungs­be­hör­den unse­re Beob­ach­tung nicht gemeldet.

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