Sezession
1. Dezember 2009

Das neue Aztlán. Amerikas Wandel und seine Folgen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

von Thomas Bargatzky

Die Vereinigten Staaten von Amerika galten lange als »Melting Pot«, als Musterbeispiel für die erfolgreiche Assimilierung von Einwanderern unterschiedlichster Nationalität an die weiße angelsächsisch-puritanische Leitkultur und ihre Integration zu einer amerikanischen Nation. Mehr und mehr wird diese Gewißheit erschüttert. An die Stelle des Schmelztiegels tritt das Bild der Salatschüssel, in der Bestandteile erhalten bleiben und sich nicht miteinander vermischen. Aber auch dieses Bild ist angesichts der Hispanisierung des US-amerikanischen Südwestens fragwürdig, denn hier zeichnet sich die zunehmende ethnische, kulturelle und sprachliche Zweiteilung der USA ab.Schon 1981 teilte Joel Garreau den nordamerikanischen Halbkontinent in neun nach Naturräumlichkeit, ethnischer Zusammensetzung und kultureller Prägung der Bevölkerung voneinander geschiedene »Nationen «, ein, wobei die heute bestehenden Grenzen der USA zu Kanada und Mexiko in seinem Schema keine Rolle spielen. Eine dieser neun Nationen, »MexAmerica«, faßt die hispanisch-mexikanisch geprägten Gebiete zu beiden Seiten des Rio Grande zu einem nach Herkunft, Sprache und Kultur einheitlichen Raum zusammen. Garreau macht seine Leser auch auf eine Legende aufmerksam, die schon zu seiner Zeit in Chicano-Kreisen kursierte: Aztlán, die geheimnisvolle Urheimat der Azteken, liege auf dem Gebiet des heutigen Südwestens der Vereinigten Staaten. Eines Tages würde dieses Ursprungsland von den Nachfahren der Azteken zurückgewonnen werden und eine neue Hochkultur würde dort erblühen.
Am 31. Januar 2000 erschien in der Albuquerque Tribune ein Interview mit Charles Truxillo, seinerzeit Professor für Chicano-Studien an der University of New Mexico. Truxillo sagt darin die Ausrufung einer »República del Norte« voraus. Dieser neue Staat solle einerseits die nordmexikanischen Teilstaaten Baja California, Sonora, Chihuahua, Nuevo León sowie Tamaulipas und andererseits die US-amerikanischen Bundesstaaten Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas sowie das südliche Colorado zu einer unabhängigen, hispanisch geprägten Republik zusammenfassen. Der Gründung dieser neuen Republik, so Truxillo, werde kein Bürgerkrieg vorausgehen, denn sie sei eine notwendige Folge der insbesondere von Mexiko ausgehenden demographischen Rückeroberung der ehemals mexikanischen Gebiete des US-amerikanischen Südwestens. Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes spricht in seinem Erzählband La Frontera de Cristal daher von »el imperialismo cromosomático de México«, dem mexikanischen »Chromosomen-Imperialismus«, dem die USA zu guter Letzt wenig würden entgegensetzen können.
Im Krieg von 1846–1848, der mit dem Frieden von Guadalupe Hidalgo endete, verlor Mexiko fast die Hälfte seines Territoriums an die jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser Verlust, schreibt der amerikanische Journalist und Mexiko-Kenner Alan Riding, sei ein psychologisches Trauma, das Mexiko bis heute belaste und das durch die ständigen Einmischungen des übermächtigen Nachbarn im Norden noch zusätzlich vertieft werde. Dennoch streben hispanisch geprägte amerikanische Irredentisten in ihrer Mehrzahl wohl keine Wiedervereinigung mit Mexiko an. Ihr Nationalismus ist eher ein von Anti-Anglo und Anti-Indio-Elementen durchsetzter, eigenständiger und von Chicano-Rassismus nicht unfreier »Aztlán-Nationalismus«, der sich sowohl von der weißen, angloamerikanischen, protestantischen »Mainstream-Kultur« als auch vom südmexikanischen, indianisch geprägten Mexiko absetzt. Der Norden Mexikos gilt als dynamischer und entwickelter als Mexikos südliche Regionen; es existieren zahlreiche »Wahlverwandtschaften« mit dem Südwesten der USA. Die Gebiete nördlich und südlich der heutigen Staatsgrenze waren ja ehemals, von Mexikos Hauptstadt aus gesehen, »El Norte«. Aztlán, der mythische, in »el Norte« gelegene Ursprungsort der Azteken, dient als Symbol für diesen neuen Nationalismus. Der Politiker und Publizist Patrick J. Buchanan spricht daher von einem »Aztlán Plot«, der auf die Auflösung der territorialen Einheit der USA abziele. »Wir waren schon vorher da«, halten ihm Aztlán-Nationalisten entgegen.


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