Ätsch, mein Vater war im KZ

Lange hab ich's verdrängt. Durch die sogenannten Vorfälle, die in den vergangenen Wochen ruchbar wurden, kam´s mir unversehens wieder zu Bewußtsein.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Weil mich der Man­tel des Schwei­gens nun schier erdrü­cken will, habe ich beschlos­sen, es öffent­lich zum machen. Hier: Ich wur­de auch mißhandelt.

Also nicht sexu­ell, eher auf die Mixa-Metho­de. Im Win­ter 1982/83, den genau­en Tag habe ich ver­drängt, schlit­ter­te ich auf dem Leh­rer­park­platz (ein Ort, der uns Schü­lern ohne­hin ver­bo­ten war, ein Tabu der Erwach­se­nen­welt also) über zuge­fro­re­ne Pfüt­zen. Der Haus­meis­ter der Grund­schu­le erwisch­te mich und wäh­rend er mei­ne Freun­de lau­fen ließ (sei­ne Anti­pa­thie gegen mich war mir schon frü­her auf­ge­fal­len), pack­te er mich und zog mich bru­tal am Ohr. Wäh­rend er mir eine so lau­te Stand­pau­ke hielt, daß mein Trom­mel­fell schier plat­zen woll­te, zog er mein Ohr­läpp­chen nach oben, minu­ten­lang. In der ande­ren Hand trug er einen Ham­mer, weil er zuvor gera­de gebückt eine Repa­ra­tur­ar­beit ver­rich­te­te. Die­ser psy­chi­sche Hor­ror: Wür­de er gleich zuschla­gen, loshämmern?

Noch abends tat mir das Ohr weh, ich kann nicht aus­schlie­ßen, daß auch Blut floß. Mei­nen Eltern hat­te ich nach einem Zögern von der Miß­hand­lung erzählt, sie schwie­gen dazu. Nein, schlim­mer: Sie tadel­ten mich oben­drein wegen des Ver­las­sens des Schul­hofs. Bei so wenig Soli­da­ri­tät war es kein Wun­der, daß ich mich am nächs­ten Tag nicht der Leh­re­rin oder dem Rek­tor anver­trau­te. Die Scham über­wog. In der Rück­schau auf die­sen schlim­men Tag spü­re ich gera­de­zu psy­chisch die kal­te gesell­schaft­li­che Mau­er , die mich damals umgab. Ihre Bau­stei­ne: Kin­der­feind­lich­keit, Hier­ar­chiegläu­big­keit und Dul­dung die­ser Mißstände.

Mitt­ler­wei­le den­ke ich, daß ich eini­ge Beschwer­den (unver­mit­tel­ter Schluck­auf, manch­mal stun­den­lang, Ohren­sausen) auf die­ses unver­ar­bei­te­te Trau­ma zurück­füh­ren kann. Ich scheue mich noch, die­sen gro­ben Mann öffent­lich anzu­zäh­len. Sein Name ist mir auch ent­fal­len, Mecha­nis­men der Ver­drän­gung eben.

Noch schlim­mer ist ja, wenn sich sol­che Gewalt­mus­ter fort­schrei­ben. Wenn aus Opfern Täter wer­den, die in Varia­tio­nen das fort­füh­ren, was ihnen ange­tan wur­de. Neu­lich ertapp­te ich mich dabei, wie ich mei­ne klei­ne Toch­ter anschrie, als sie eine Häkel­ar­beit ihrer Schwes­ter auf­drö­sel­te. Wie­so das Geschrei? Hät­te es nicht ein ruhi­ges „laß das bit­te“ getan? Ja, gelernt ist gelernt, dach­te ich hin­ter­her bit­ter. Wie es in den Wald hin­ein­schallt… usw.

Wor­über ich mir aller­dings ernst­haft Gedan­ken mache: Gibt es Ver­bre­chen und Unta­ten, die wir oder unse­re Nach­barn heu­te tag­täg­lich bege­hen, ohne uns des­sen bewußt zu sein? Kann es sein, daß Vor­ge­hens­wei­sen, die heu­te als nor­mal ange­se­hen wer­den, ein, zwei Genera­tio­nen spä­ter als eis­kalt & unmensch­lich ange­se­hen wer­den? Gepflo­gen­hei­ten in Talk­shows? Das Ver­spei­sen von Tie­ren? Urlaubs­flü­ge? Rasen­mä­hen? Wie wer­den unse­re Enkel über unse­re Sit­ten urteilen?

Für die kom­men­de Aus­ga­be der Sezes­si­on habe ich die gro­ße Sophie-Scholl-Bio­gra­phie von Bar­ba­ra Beuys rezen­siert. Dar­in wird der „seit je skur­ri­le Humor“ der 21jährigen Sophie erwähnt, der sich unter ande­rem in die­ser Bemer­kung – ein hal­bes Jahr bevor Freis­ler die Wider­ständ­le­rin köp­fen ließ – nie­der­schlug: „Wenn wir dies ein­mal unse­ren Enkel­kin­dern erzäh­len, wer­den sie ant­wor­ten: Oma schneid´net auf. Aber unse­re Kin­der wer­den sich viel­leicht unter­ein­an­der rüh­men: Ätsch, mein Vater war im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, mei­ne Mut­ter hat im Gefäng­nis gesessen…“

Ja, so kön­nen sich die Zei­ten und Sicht­wei­sen ändern. Soll­te ich froh sein, daß damals, im Win­ter vor 18 Jah­ren, mein Kopf dran blieb?

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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