Sezession
19. April 2010

Ätsch, mein Vater war im KZ

Ellen Kositza

Lange hab ich's verdrängt. Durch die sogenannten Vorfälle, die in den vergangenen Wochen ruchbar wurden, kam´s mir unversehens wieder zu Bewußtsein. Weil mich der Mantel des Schweigens nun schier erdrücken will, habe ich beschlossen, es öffentlich zum machen. Hier: Ich wurde auch mißhandelt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Also nicht sexuell, eher auf die Mixa-Methode. Im Winter 1982/83, den genauen Tag habe ich verdrängt, schlitterte ich auf dem Lehrerparkplatz (ein Ort, der uns Schülern ohnehin verboten war, ein Tabu der Erwachsenenwelt also) über zugefrorene Pfützen. Der Hausmeister der Grundschule erwischte mich und während er meine Freunde laufen ließ (seine Antipathie gegen mich war mir schon früher aufgefallen), packte er mich und zog mich brutal am Ohr. Während er mir eine so laute Standpauke hielt, daß mein Trommelfell schier platzen wollte, zog er mein Ohrläppchen nach oben, minutenlang. In der anderen Hand trug er einen Hammer, weil er zuvor gerade gebückt eine Reparaturarbeit verrichtete. Dieser psychische Horror: Würde er gleich zuschlagen, loshämmern?

Noch abends tat mir das Ohr weh, ich kann nicht ausschließen, daß auch Blut floß. Meinen Eltern hatte ich nach einem Zögern von der Mißhandlung erzählt, sie schwiegen dazu. Nein, schlimmer: Sie tadelten mich obendrein wegen des Verlassens des Schulhofs. Bei so wenig Solidarität war es kein Wunder, daß ich mich am nächsten Tag nicht der Lehrerin oder dem Rektor anvertraute. Die Scham überwog. In der Rückschau auf diesen schlimmen Tag spüre ich geradezu psychisch die kalte gesellschaftliche Mauer , die mich damals umgab. Ihre Bausteine: Kinderfeindlichkeit, Hierarchiegläubigkeit und Duldung dieser Mißstände.

Mittlerweile denke ich, daß ich einige Beschwerden (unvermittelter Schluckauf, manchmal stundenlang, Ohrensausen) auf dieses unverarbeitete Trauma zurückführen kann. Ich scheue mich noch, diesen groben Mann öffentlich anzuzählen. Sein Name ist mir auch entfallen, Mechanismen der Verdrängung eben.

Noch schlimmer ist ja, wenn sich solche Gewaltmuster fortschreiben. Wenn aus Opfern Täter werden, die in Variationen das fortführen, was ihnen angetan wurde. Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich meine kleine Tochter anschrie, als sie eine Häkelarbeit ihrer Schwester aufdröselte. Wieso das Geschrei? Hätte es nicht ein ruhiges „laß das bitte“ getan? Ja, gelernt ist gelernt, dachte ich hinterher bitter. Wie es in den Wald hineinschallt… usw.

Worüber ich mir allerdings ernsthaft Gedanken mache: Gibt es Verbrechen und Untaten, die wir oder unsere Nachbarn heute tagtäglich begehen, ohne uns dessen bewußt zu sein? Kann es sein, daß Vorgehensweisen, die heute als normal angesehen werden, ein, zwei Generationen später als eiskalt & unmenschlich angesehen werden? Gepflogenheiten in Talkshows? Das Verspeisen von Tieren? Urlaubsflüge? Rasenmähen? Wie werden unsere Enkel über unsere Sitten urteilen?

Für die kommende Ausgabe der Sezession habe ich die große Sophie-Scholl-Biographie von Barbara Beuys rezensiert. Darin wird der „seit je skurrile Humor“ der 21jährigen Sophie erwähnt, der sich unter anderem in dieser Bemerkung – ein halbes Jahr bevor Freisler die Widerständlerin köpfen ließ – niederschlug: „Wenn wir dies einmal unseren Enkelkindern erzählen, werden sie antworten: Oma schneid´net auf. Aber unsere Kinder werden sich vielleicht untereinander rühmen: Ätsch, mein Vater war im Konzentrationslager, meine Mutter hat im Gefängnis gesessen…“

Ja, so können sich die Zeiten und Sichtweisen ändern. Sollte ich froh sein, daß damals, im Winter vor 18 Jahren, mein Kopf dran blieb?

Bildquelle: a.schwenke


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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