Entkommen – Thilo Sarrazin

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

von Alexander Röhlig

Zwei Monate sind vergangen, seit das Kulturmagazin Lettre International in seiner Ausgabe zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ein Interview mit Thilo Sarrazin (SPD) veröffentlicht hat. Dieses Interview schlug Wellen bis in die Führungsspitze des Zentralrats der Juden und auf die Redaktionsstube jeder einzelnen deutschen Tageszeitung. Für einen Moment sah es so aus, als würde der »Fall Sarrazin« enden wie zuvor der Fall Martin Hohmann oder der Fall Eva Herman – in der Tabuisierung der Inhalte und der Statuierung des »Exempels Sarrazin«, zur Strafe für ihn selbst und zur Abschreckung für jeden, dem ähnliche Äußerungen vorschweben könnten.
Jedoch: Die Tabu-Wächter sind gescheitert. Sarrazin hat mittlerweile zwar als Spitzenbeamter der Bundesbank einen anderen Zuständigkeitsbereich zugewiesen bekommen, aber seine Aussagen sind weiterhin Gegenstand einer Debatte, und auch über die Art, wie mit ihm und seinen Worten verfahren wurde, wurde öffentlich diskutiert.
Was hat Sarrazin eigentlich gesagt? Der Skandal entzündete sich an wenigen Wendungen aus einem Gespräch, das sich in seiner gedruckten Form über fünf hochformatige und engbedruckte Seiten zieht und die Situation Berlins zwanzig Jahre nach dem Mauerfall zum Thema hat:

 Gastbeitrag

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»Eine gro­ße Zahl an Tür­ken und Ara­bern in die­ser Stadt, deren Anzahl durch fal­sche Poli­tik zuge­nom­men hat, hat kei­ne pro­duk­ti­ve Funk­ti­on, außer für den Obst- und Gemü­se­han­del, und es wird sich ver­mut­lich auch kei­ne Per­spek­ti­ve entwickeln.

Ber­lin ist belas­tet von zwei Kom­po­nen­ten: der Acht­und­sech­zi­ger­tra­di­ti­on und dem West­ber­li­ner Schlampfak­tor. Es gibt auch das Pro­blem, daß vier­zig Pro­zent der Gebur­ten in der Unter­schicht statt­fin­den. Je nied­ri­ger die Schicht, um so höher die Gebur­ten­ra­te. Die Ara­ber und Tür­ken haben einen zwei- bis drei­mal höhe­ren Anteil an Gebur­ten, als es ihrem Bevöl­ke­rungs­an­teil ent­spricht. Gro­ße Tei­le sind weder inte­gra­ti­ons­wil­lig noch inte­gra­ti­ons­fä­hig. Die Lösung die­ses Pro­blems kann nur hei­ßen: Kein Zuzug mehr, und wer hei­ra­ten will, soll­te dies im Aus­land tun. Stän­dig wer­den Bräu­te nachgeliefert.

Es ist ein Skan­dal, daß die Müt­ter der zwei­ten, drit­ten Genera­ti­on immer noch kein Deutsch kön­nen, es allen­falls die Kin­der kön­nen, und die ler­nen es nicht wirk­lich. Es ist ein Skan­dal, wenn tür­ki­sche Jun­gen nicht auf weib­li­che Leh­rer hören, weil ihre Kul­tur so ist. Inte­gra­ti­on ist eine Leis­tung des­sen, der sich inte­griert. Jeman­den, der nichts tut, muß ich auch nicht aner­ken­nen. Ich muß nie­man­den aner­ken­nen, der vom Staat lebt, die­sen Staat ablehnt, für die Aus­bil­dung sei­ner Kin­der nicht ver­nünf­tig sorgt und stän­dig neue klei­ne Kopf­tuch­mäd­chen pro­du­ziert. Das gilt für sieb­zig Pro­zent der tür­ki­schen und für neun­zig Pro­zent der ara­bi­schen Bevöl­ke­rung in Berlin.

Die Tür­ken erobern Deutsch­land genau­so, wie die Koso­va­ren das Koso­vo erobert haben: durch eine höhe­re Gebur­ten­ra­te. Das wür­de mir gefal­len, wenn es ost­eu­ro­päi­sche Juden wären mit einem um 15 Pro­zent höhe­ren IQ als dem der deut­schen Bevöl­ke­rung. […] Man muß davon aus­ge­hen, daß mensch­li­che Bega­bung zu einem Teil sozi­al bedingt ist, zu einem ande­ren Teil jedoch erblich.«

Es ist müßig, aus­ein­an­der­zu­dif­fe­ren­zie­ren, ob die »Empö­rungs­ma­schi­ne « auf­grund des Inhalts oder des Tons sol­cher Wor­te ange­wor­fen wird; sie läuft, wenn sie lau­fen soll, und sie lief bereits nach weni­gen Tagen »auf Hoch­tou­ren«, wie es Frank Plas­berg in sei­ner Sen­dung »Hart aber fair« vom 7. Okto­ber 2009 tref­fend for­mu­lier­te. Und Thi­lo Sar­ra­zin, ehe­ma­li­ger Finanz­se­na­tor Ber­lins, ist tat­säch­lich eine Ziel­schei­be, die man leicht tref­fen kann: Vie­len war leicht ins Gedächt­nis zu rufen, daß er es war, der Hartz-IV Emp­fän­gern emp­foh­len hat­te, sich wär­mer anzu­zie­hen, statt über hohe Heiz­kos­ten zu lamentieren.
Doch mit sei­nen Aus­sa­gen zur Nicht-Inte­grier­bar­keit gan­zer Ein­wan­de­rer­seg­men­te schien auch Sar­ra­zin an eine Gren­ze gesto­ßen zu sein. Indem er die Pro­blem-Aus­län­der aufs Korn nahm, betrat er tabui­sier­ten Bereich, und die Reak­tio­nen kamen wie aus der Pis­to­le geschos­sen: Ken­an Kolat, Vor­sit­zen­der der Tür­ki­schen Gemein­de in Deutsch­land (TGD), hält Sar­ra­zins Äuße­rung für »uner­hört«, und die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Grü­nen, Rena­te Kün­ast, sag­te gegen­über der FAZ: »Sar­ra­zins Men­schen­ver­ach­tung ist untrag­bar«. Die Zeit gab sogar die Titel­sei­te her, damit Jörg Lau sein Urteil ver­hän­gen durf­te: Sar­ra­zin dozie­re »in schnodd­ri­gem Ton […] über die Miß­stän­de des Ein­wan­de­rungs­lan­des Deutsch­land […] Er koket­tiert auch mit rechts­ra­di­ka­len Denk­fi­gu­ren […] Wer die fünf eng bedruck­ten Sei­ten in Lett­re Inter­na­tio­nal liest […], steht ver­blüfft vor der Tat­sa­che, daß ein pro­mi­nen­ter SPD-Mann am rech­ten Rand ent­lang­gran­telt, wäh­rend die kon­ser­va­tiv-libe­ra­len Koali­tio­nä­re über einer moder­nen Inte­gra­ti­ons­po­li­tik brü­ten.« Den Gip­fel aber erreich­te sicher Ste­phan Kra­mer, Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden: »Ich habe den Ein­druck, daß Sar­ra­zin mit sei­nem Gedan­ken­gut Göring, Goe­b­bels und Hit­ler gro­ße Ehre erweist. Er steht in geis­ti­ger Rei­he mit den Herren.«
Die­ser Höhe­punkt der Dif­fa­mie­rung, der so recht ein Abgrund ist, war aber bereits der Wen­de­punkt in die­sem »Fall«: Kra­mer hat­te die Faschis­mus- Keu­le aus­ge­packt, wo doch das Faschis­mus-Flo­rett genügt hät­te. Denn eigent­lich lief alles wie immer: Da kommt jemand und sagt sei­ne Mei­nung oder legt unbe­que­me Fak­ten dar. Die öffent­li­che Empö­rung ist groß. Man schreit nach Kon­se­quen­zen, am bes­ten wäre es, der Ket­zer ver­lö­re sei­ne Anstel­lung oder öffent­li­che Posi­ti­on, damit weder er noch ein mög­li­cher Nach­ah­mer je wie­der auf den Plan tre­te. Was noch bei Mar­tin Hoh­mann (ehe­mals CDU) und Eva Her­man effek­tiv funk­tio­nier­te, näm­lich die öffent­li­che Stig­ma­ti­sie­rung und Unter­drü­ckung unbe­que­mer Mei­nun­gen, das ist mit Sar­ra­zin an sei­ne Gren­zen gestoßen.
Einer der Grün­de dafür ist, daß nach und nach vie­le Pro­mi­nen­te Sar­ra­zin den Rücken stärk­ten. So führ­te der Deutsch­land­funk am 5. Okto­ber 2009 ein Inter­view mit Hans-Olaf Hen­kel, dem ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen Indus­trie. Er sag­te über Sar­ra­zin: »Nicht das, was er gesagt hat, ist ein Skan­dal, son­dern ein Skan­dal ist, wie die deut­schen, die meis­ten deut­schen Medi­en und vie­le poli­ti­sche Vor­bil­der mit ihm umge­hen. Das ist nach mei­ner fes­ten Über­zeu­gung eine wirk­li­che Gra­na­te, denn hier wird erst mal ein Anschlag auf unse­re im Grund­ge­setz doch zuge­si­cher­te Mei­nungs­frei­heit vor­ge­nom­men; außer­dem ist die Reak­ti­on völ­lig kon­tra­pro­duk­tiv, denn man hät­te sich auch mit sei­nen Vor­schlä­gen aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, das hat man nicht getan; und drit­tens, und das ist eigent­lich das Aller­schlimms­te: Wir wer­den hier Zeu­gen eines, wie ich fin­de, unglaub­li­chen und schänd­li­chen Ver­nich­tungs­feld­zu­ges gegen einen Men­schen.« Bild.de zitier­te den Poli­tik­for­scher Pro­fes­sor Arnulf Baring: »In der Sache kann Sar­ra­zin nie­mand wider­le­gen: Deutsch­land hat ein mas­si­ves Pro­blem mit Zuwan­de­rern aus der Tür­kei und dem ara­bi­schen Raum! Nur: Im Lan­de der Lei­se­tre­ter und der poli­ti­schen Kor­rekt­heit wird jeder, der Klar­text redet, gleich nie­der­ge­macht. Erbärm­lich!« Und der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk mel­de­te sich im Cice­ro zu Wort: »Wir haben uns – unter dem Deck­man­tel der Rede­frei­heit und der unbe­hin­der­ten Mei­nungs­äu­ße­rung – in einem Sys­tem der Unter­wür­fig­keit, bes­ser gesagt: der orga­ni­sier­ten sprach­li­chen und gedank­li­chen Feig­heit ein­ge­rich­tet, das prak­tisch das gan­ze sozia­le Feld von oben bis unten para­ly­siert. […] Man möch­te mei­nen, die deut­sche Mei­nungs-Besit­zer-Sze­ne habe sich in einen Käfig vol­ler Feig­lin­ge ver­wan­delt, die gegen jede Abwei­chung von den Käfig­stan­dards kei­fen und het­zen.« Slo­ter­di­jk spricht von einer »Skla­ven­spra­che« und der Stra­fe, die dem­nächst auf Wahr­heit ste­hen soll: »Exis­tenz­ver­nich­tung«.

Wenn Sar­ra­zin auch nicht mit Unter­stüt­zung durch Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens rech­nen konn­te, so konn­te er sich doch sicher sein, daß er mit sei­nen Äuße­run­gen den deut­schen Nor­mal­bür­gern aus dem Her­zen spre­chen wür­de. Laut einer soge­nann­ten reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge von TNS Emnid, die Bild am Sonn­tag in Auf­trag gab, stim­men 51 Pro­zent der Deut­schen den Aus­sa­gen Sar­ra­zins zu. Ver­gleicht man die­sen Wert jedoch mit zahl­rei­chen ande­ren aus Inter­net­fo­ren oder Online-Por­ta­len eta­blier­ter Medi­en, weiß man nicht mehr, ob man der Emnid-Umfra­ge ihre Reprä­sen­tanz noch abneh­men soll: Die Inter­net­prä­senz der Zei­tung Die Welt star­te­te eine neue Umfra­ge, nach­dem die ers­te über Nacht gefälscht und dann schließ­lich ent­fernt wor­den sein soll. Das Ergeb­nis dort: 71 Pro­zent hal­ten die Kri­tik an Sar­ra­zin nicht für gerecht­fer­tigt. Und eine Umfra­ge auf Bild.de ergab 83 Pro­zent pro Sar­ra­zin. Auch inter­es­sant sind die vie­len posi­ti­ven Leser­brie­fe, die die FAZ im Lau­fe der Debat­te abge­druckt hat. Zwar sind sie nicht reprä­sen­ta­tiv für die Deut­schen, aber hier läßt sich eben­falls eine Zustim­mung von 80 Pro­zent für Sar­ra­zin errech­nen. Am 9. Okto­ber 2009 hat­te Bert­hold Koh­ler, einer der Her­aus­ge­ber der FAZ, bereits auf der Titel­sei­te dar­auf hin­ge­wie­sen: »Leser­brie­fe sind nicht die Frucht reprä­sen­ta­ti­ver Befra­gun­gen. Doch zeigt der Post­ein­gang einer Zei­tung recht ver­läß­lich an, ob ein The­ma die Leser lang­weilt oder auf­wühlt. […] Aus den meis­ten der vie­len Brie­fe, die die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung dazu errei­chen, spricht Empö­rung – sel­ten über Sar­ra­zin, in gro­ßer Mehr­heit aber über die Kri­tik an ihm. Der Tenor lau­tet: Da wird einer dafür gegei­ßelt und viel­leicht sogar noch mit dem Ver­lust sei­nes Amtes bestraft, daß er die Wahr­heit gesagt hat.« Wei­ter heißt es dort: »Sar­ra­zins Sekre­ta­ri­at wird in die­sen Tagen Schwie­rig­kei­ten haben, die Zustim­mung zu bewäl­ti­gen. Alles klei­ne Nazis? Es schreibt viel­mehr die poli­ti­sche Mit­te, die es satt­hat, als frem­den­feind­lich beschimpft zu wer­den, nur weil sie nicht län­ger mit den Dog­men eines geschei­ter­ten Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus trak­tiert wer­den will, für den jeder geschäch­te­te Ham­mel eine kul­tu­rel­le Berei­che­rung ist.«
Die­se Sät­ze berüh­ren den wohl ent­schei­den­den Punkt: Die erfahr­ba­re Rea­li­tät des mul­ti­kul­tu­rel­len Expe­ri­ments gibt Sar­ra­zin recht. Wer ihm zustim­men will, muß nicht zuvor dicke Bücher lesen, um sei­ne Zustands­be­schrei­bung nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Die brei­te Mas­se erlebt die mul­ti­kul­tu­rel­le Rea­li­tät jeden Tag. Das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied zu dem, was etwa Eva Her­man als Pro­blem­be­reich ansprach und wor­aus ihr ein Strick gedreht wur­de. 2007 äußer­te sie sich in einem Gespräch über ihr neu­es Buch zur Fami­li­en­po­li­tik und stol­per­te dabei in ein Minen­feld: »Mit den 68ern wur­de damals prak­tisch alles das, alles, was wir an Wer­ten hat­ten, – es war ’ne grau­sa­me Zeit, das war ein völ­lig durch­ge­knall­ter, hoch­ge­fähr­li­cher Poli­ti­ker, der das deut­sche Volk ins Ver­der­ben geführt hat, das wis­sen wir alle, – aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Wer­te, das sind Kin­der, das sind Müt­ter, das sind Fami­li­en, das ist Zusam­men­halt – das wur­de abgeschafft.«
In der dar­auf­hin ein­set­zen­den Medi­en­kam­pa­gne hat­te Her­man mit dem Pro­blem zu kämp­fen, daß sie und ihre Ver­tei­di­ger argu­men­ta­tiv stets weit aus­ho­len und his­to­ri­sche Ein­ord­nun­gen und Klar­stel­lun­gen vor­neh­men muß­ten, letzt­lich also den dif­fe­ren­zier­ten Blick auf die Geschich­te ein­zu­for­dern hat­ten. Die Anstren­gungs­be­reit­schaft des Durch­schnitts­deut­schen reicht dafür jedoch nicht aus. Dicke Bücher zu wäl­zen, um zu einem aktu­el­len Streit­punkt Stel­lung bezie­hen zu kön­nen, ist nun ein­mal nicht jeder­manns Sache. Also ver­ließ man sich auf die Medi­en, die ja als vier­te Gewalt eigent­lich kri­ti­sche Auf­klä­rung betrei­ben sol­len. Daß die­se kri­ti­sche Auf­klä­rung nicht gelang, son­dern viel­mehr schnur­stracks zur ein­mü­ti­gen öffent­li­chen Hin­rich­tung mutier­te, fiel nur den­je­ni­gen auf, die etwa den Fall Hoh­mann noch nicht ver­ges­sen hatten.
Die­ses sys­te­ma­ti­sche Vor­ge­hen gegen freie Geis­ter hat Felix Men­zel in sei­nem Buch Medi­en­ri­tua­le und poli­ti­sche Iko­nen in der Theo­rie beschrie­ben. Die »ein­ge­üb­ten Rede­wen­dun­gen, die unter ver­schie­de­nen Spre­chern Soli­da­ri­tät her­vor­ru­fen«, nennt er Mikro­ri­ten: »Wer sich dem nicht fügt, wird aus­ge­grenzt. « Das funk­tio­nier­te bei Her­man und ein­ge­schränkt auch noch bei Sar­ra­zin. Das beson­de­re an die­sem Aus­gren­zungs­me­cha­nis­mus ist, daß er kei­nes offen­kun­di­gen Befehls bedarf, son­dern von jedem Ange­hö­ri­gen der soge­nann­ten »Zivil­ge­sell­schaft« mit gutem Gewis­sen im täg­li­chen Sprech­vor­gang zur Anwen­dung gebracht wird: Wer einen Mikro­ri­tus begeht, lebt mit dem guten Gewis­sen, der all­ge­mei­nen Ord­nung zuträg­lich gewe­sen zu sein.
Was kaum jemand bedenkt, ist jedoch, daß Mikro­ri­tua­le die nächs­te Stu­fe vor­be­rei­ten: Mesori­tua­le schaf­fen Hier­ar­chien in Sub­kul­tu­ren und Sys­te­men: »Im Jour­na­lis­mus und in der Poli­tik haben Mesori­tua­le ins­be­son­de­re die Funk­ti­on, Ehr­er­bie­tung und sozia­len Sta­tus anzu­zei­gen sowie Über­gän­ge von einem Amt zu einem höhe­ren oder nie­de­ren zu voll­zie­hen«, schreibt Men­zel. Zur Aus­füh­rung die­ses Ritu­als kam es jedoch im Fall Sar­ra­zin nicht mehr ein­deu­tig: Sei­ne sozia­le Äch­tung kam den Nor­mal-Deut­schen sowie­so, aber eben auch einer nicht gerin­gen Zahl Pro­mi­nen­ter frag­wür­dig vor. Die Mecha­nis­men der Aus­gren­zung und Äch­tung spran­gen nicht so rich­tig an, weil sie zu offen­sicht­lich gegen die Erfah­rungs­wirk­lich­keit der Men­schen im mul­ti­kul­tu­rel­len Labor in Gang gebracht wer­den soll­ten. Die Wirk­lich­keit ist in die­sem Sin­ne der Sand im Getrie­be sol­cher Theo­rien. Der Stein, den Sar­ra­zin aus der Mau­er gebro­chen hat, bleibt lie­gen. Das könn­te irgend­wann ein­mal im Rück­blick als Start­si­gnal für die Wie­der­auf­nah­me unter­drück­ter Debat­ten gedeu­tet wer­den. Hoffentlich.

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