Und die Männlichkeit stirbt nicht in der Welt

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

Das Verlagshaus Gruner + Jahr hat im Oktober 2009 drei neue Männermagazine auf den Markt gebracht: GalaMEN, Business Punk und BEEF!. Im Mittelpunkt der Magazine stehen modebewußte Alleskönner, die ihren Frauen das Windelnwechseln abnehmen, passionierte Hobbyköche sind, aber trotzdem auf der Karriereleiter immer höher klettern. Die Titelgeschichte von GalaMEN dreht sich um Brad Pitt, der die Inkarnation dieses Typs sein soll.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Die kon­ser­va­ti­ve Flan­ke die­ses Maga­zins deckt der­weil eine Repor­ta­ge von Mar­cus Luft über den ZDF-Mode­ra­tor Stef­fen Sei­bert ab. Der 49jährige kon­ver­tier­te Katho­lik lebt mit sei­ner Frau und drei Kin­dern in Wies­ba­den. »Wer­te wie Fami­lie, Gebor­gen­heit, Treue« sei­en ihm sehr wich­tig, aber er genießt auch ger­ne mal das Leben und »tanzt bis mor­gens um fünf«. »Man kann sein Glück ruhig in der kit­schi­gen Pri­vat­heit fin­den – die eige­ne Läs­sig­keit muß dadurch aber noch lan­ge nicht ver­lo­ren­ge­hen«, faßt Luft Sei­berts Lebens­phi­lo­so­phie zusammen.
Wesent­lich auf­schluß­rei­cher als Gala­MEN und das Män­ner-Koch­ma­ga­zin BEEF! ist jedoch Busi­ness Punk. Die­ses mit einer Auf­la­ge von 100.000 gestar­te­te Maga­zin mit dem Mot­to »Work hard. Play hard.« ist vor­ran­gig an Män­ner zwi­schen 25 und 39 adres­siert, die anders sein und trotz­dem jede Men­ge Koh­le ver­die­nen wol­len. Busi­ness Punks wür­den sich mit Erfolg gegen Tra­di­tio­nen auf­leh­nen, durch Extra­va­ganz und Unkon­ven­tio­na­li­tät Auf­merk­sam­keit auf sich zie­hen und die­se dann in Geld umwan­deln, erklärt man uns in meh­re­ren Arti­keln. Richard Bran­son, der Grün­der des Vir­gin-Impe­ri­ums, sei der Pro­to­typ die­ser Spe­zi­es. Das »Enfant ter­ri­ble der bri­ti­schen Wirt­schaft«, dem unter ande­rem Flug­li­ni­en, Raum­schif­fe und TV-Anbie­ter gehö­ren, habe »mit so viel unver­schäm­ter Lust Erfolg«, daß dies jeder auf­stre­ben­de jun­ge Mann nach­ah­men müsse.
Die­se Stra­te­gie wird in dem Heft fast durch­weg als himm­lisch ein­fach ange­prie­sen. Nur an einer Stel­le darf »Media Markt«-Gründer Wal­ter Gunz aus der Rei­he tan­zen und mit »Gärt­ner-Kon­ser­va­tis­mus« die hei­le Welt der Busi­ness Punks ein­trü­ben: »Jeder Quer­den­ker muß sein Hand­werk ken­nen, immer wie­der an sich arbei­ten. Es ist wie mit einem Gar­ten, der nur schön ist, wenn man ihn stän­dig pflegt.«
Wäh­rend die Mehr­zahl der Tex­te in Busi­ness Punk Geld, Sex und Auf­merk­sam­keit als wich­tigs­te Wer­te abfei­ern, gelingt es Tomo Mir­ko Pavlo­vic mit einem Por­trait über US-Prä­si­dent Barack Oba­ma an den Kern der pro­ble­ma­ti­schen Züge des heu­ti­gen Män­ner­bil­des vor­zu­drin­gen. »Barack Oba­mas Männ­lich­keit und Rei­fe wir­ken befreit von allen tes­to­ste­ron­ge­steu­er­ten Ego­a­t­ta­cken, federnd leicht und unan­greif­bar schwebt er von Ter­min zu Kon­fe­renz, in sich ruhend, fast unmensch­lich beherrscht«, stellt Pavlo­vic zunächst fest. Außer­dem wir­ke der ers­te schwar­ze US-Prä­si­dent selbst­kri­tisch, lern­fä­hig, intel­lek­tu­ell, »las­ziv wie distan­ziert, stets läs­sig und streng zugleich«.
Oba­mas Popu­la­ri­tät führt Pavlo­vic auf des­sen »Dis­si­mu­la­ti­on« zurück. Die­sen Begriff ver­wen­det er in Anleh­nung an den Phi­lo­so­phen Jean Baudril­lard, der dar­un­ter das stän­di­ge Leug­nen und Ver­ste­cken eigent­lich vor­han­de­ner Qua­li­tä­ten ver­stand. Die meis­ten Poli­ti­ker und Unter­neh­mer wür­den männ­li­che Macht und Dau­er­po­tenz simu­lie­ren. Oba­ma hin­ge­gen ver­ber­ge sei­ne Mäch­tig­keit hin­ter einer unschul­di­gen Mas­ke, die ihn ver­hält­nis­mä­ßig schmäch­tig erschei­nen läßt. Folgt man der Argu­men­ta­ti­on von Pavlo­vic, dann ist die Zurück­nah­me von Männ­lich­keit das Erfolgs­re­zept für das her­vor­ra­gen­de Image des Frie­dens­no­bel­preis­trä­gers 2009.
Das Pro­ble­ma­ti­sche am heu­ti­gen Män­ner­bild ist damit ent­tarnt: Gesell­schaft und Öffent­lich­keit wün­schen sich Dis­si­mu­lan­ten, die ihre wah­ren Qua­li­tä­ten und Stär­ken ver­ste­cken. Män­ner sind gefragt, die alles kön­nen, dies aber nicht zu sehr beto­nen. »Oba­ma deu­tet sei­ne heim­lich gezüch­te­ten Mus­keln nur an«, beschreibt Pavlo­vic die Mas­ke­ra­de des US-Prä­si­den­ten. Was gegen­wär­tig gera­de vie­len intel­li­gen­ten Män­nern fehlt, ist der Mut, nor­mal zu sein und das absur­de Spiel der Dis­si­mu­la­ti­on zu been­den. Nur indem man(n) so ist, wie man eben ist, strahlt man ech­te Authen­ti­zi­tät aus und kann Wahr­haf­tig­keit verkörpern.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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