Warum Herta Müller?

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

von Frank Lisson

Bei allem Respekt: Hätte man letztes Jahr in irgendeiner deutschen Stadt Germanistik-Studenten gefragt, wer Herta Müller sei, hätte kaum einer auf die Schriftstellerin verwiesen. Vermutlich kann man in drei Jahren wieder fragen und ein ähnliches Ergebnis erzielen.

 Gastbeitrag

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Der­zeit jedoch ist alles anders: Im Som­mer 2009 wur­de bekannt, daß Her­ta Mül­lers neu­es Buch, Atemschau­kel, für den Deut­schen Buch­preis nomi­niert wor­den sei – wie üblich ein Text, den bis dato eigent­lich noch nie­mand kann­te. Der Deut­sche Buch­preis, initi­iert von den gro­ßen Ver­lags­häu­sern, dient dazu, Bücher und Autoren bekannt zu machen, die sonst nur weni­ge Leser fin­den wür­den. Er ist ein zusätz­li­ches kul­tur­be­trieb­li­ches Instru­ment zur Regu­lie­rung des Buch­mark­tes. Denn was der Betrieb bewirbt und in den Buch­han­dels­ket­ten aus­legt, wird auto­ma­tisch gekauft und verbreitet.
Pünkt­lich zum zwan­zigs­ten Jah­res­tag der Auf­lö­sung des »Ost­blocks« erin­nert Her­ta Mül­ler also in der Atemschau­kel an die Schre­cken kom­mu­nis­ti­scher Herr­schaft, und nun hat sie den Deut­schen Buch­preis zwar nicht, dafür aber die welt­weit höchs­te Lite­ra­tur-Aus­zeich­nung erhal­ten: den Nobel­preis. Wie­so aber wird gera­de ein sol­ches Buch vom Betrieb pro­te­giert, das aus­nahms­wei­se ein­mal die »ande­ren Lager« beschreibt, obwohl in unse­rem Gedächt­nis doch eigent­lich nur Platz für die »einen Lager« ist?
Man darf fol­gen­de Tak­tik dahin­ter ver­mu­ten: Indem Her­ta Mül­lers Beschrei­bung des Leids in den sowje­ti­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern so ins Ram­pen­licht gerückt wur­de, hat der Betrieb sei­ne Schul­dig­keit die­sen Opfern gegen­über getan und für einen gewis­sen »Aus­gleich« gesorgt. Denn: »Der Lite­ra­tur­no­bel­preis ver­schafft dabei viel­leicht auch einer Per­spek­ti­ve Beach­tung, die gegen­über den Holo­caust-Erfah­run­gen bis­her zurück­tre­ten muß­te.« (Tages­spie­gel vom 9. Okto­ber 2009).
Daß der Kom­mu­nis­mus die mit Abstand größ­te Todes- und Ernied­ri­gungs­ma­schi­ne­rie des 20. Jahr­hun­derts war, läßt sich heu­te ein­fach nicht mehr leug­nen. Die Milieus, die auch im Wes­ten so lan­ge das Grau­sa­me am Kom­mu­nis­mus igno­rier­ten, begin­nen, sich die­ser Tat­sa­che zu stel­len. Gleich­zei­tig darf das alte Tabu, wonach eigent­lich nur der »Faschis­mus« für das »rich­tig Böse« in der Welt ver­ant­wort­lich sei, nicht berührt wer­den. Denn selt­sa­mer­wei­se geht vom Kom­mu­nis­mus nach wie vor ein beacht­li­cher »Zau­ber« aus, wor­an auch hun­dert Mil­lio­nen Tote offen­bar nichts ändern konn­ten. Wer seit den 70er Jah­ren im Wes­ten mit dem Kom­mu­nis­mus koket­tier­te oder wenigs­tens genau wuß­te, daß der »wah­re Feind« auf der ande­ren Sei­te ste­he, hat­te deut­lich bes­se­re Chan­cen, im Kul­tur­be­trieb anzu­kom­men als jemand, der die Sache kri­ti­scher sah.
Obwohl Anti­kom­mu­nis­tin, wur­de Her­ta Mül­ler vom Kul­tur­be­trieb gedul­det. Denn sie ver­stieß nie gegen die herr­schen­den Regeln, schäm­te sich für ihren SS-Vater und zeig­te früh Distanz zu ihrer Volks­grup­pe, den Bana­ter Schwa­ben. Sie wur­de in Form von Prei­sen regel­mä­ßig sub­ven­tio­niert, aber nicht spür­bar in die Öffent­lich­keit getra­gen. »Denn ihre Nach­rich­ten aus der Angst­welt des Kom­mu­nis­mus berühr­ten man­che Kri­ti­ker all­zu pein­lich.« (Micha­el Nau­mann, Tages­spie­gel vom 11. Okto­ber 2009)
Nun benutzt die den Kul­tur­be­trieb domi­nie­ren­de Genera­ti­on der »Sym­pa­thi­san­ten« Mül­lers Buch dazu, sich über die höchs­te Aus­zeich­nung gewis­ser­ma­ßen rein­zu­wa­schen. Man über­nimmt selbst die Rol­le des Klä­gers, bevor das The­ma von den »fal­schen Leu­ten« besetzt wird. So bleibt die alte Deu­tungs­ho­heit erhal­ten. Auf­ar­bei­tung ist mög­lich, ja sogar erwünscht, solan­ge sich die Kri­tik am Kom­mu­nis­mus in den rich­ti­gen Bah­nen bewegt, das heißt, man selbst nicht mit­an­ge­klagt wird. Gut, man sei zwar naiv gewe­sen, damals, als man die Augen vor dem roten Ter­ror ver­schloß und ihn häu­fig sogar deck­te, aber das »rich­tig Böse« trägt trotz­dem eine ande­re Farbe.
Viel­leicht woll­ten die­se Leu­te an Her­ta Mül­ler jetzt etwas gut­ma­chen. Sie emp­fan­den leich­te Gewis­sens­bis­se, nach­dem sie sich auf den Hor­ror, der für vie­le bis heu­te nur auf einem »Umset­zungs­feh­ler« beruh­te, nun end­lich ein­ge­las­sen haben. Sie muß­ten »offen­siv« wer­den, um wei­ter­hin die Kon­trol­le über die mora­li­schen Macht­ver­hält­nis­se zu behalten.

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