Neue Plattenbauten

 

von Claus Wolfschlag

In der Straße, in der sich Ellen Kositzas Elternhaus befindet, stand bis vor wenigen Tagen noch ein schmuckes Gründerzeithäuschen.

 Gastbeitrag

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Es war kein opu­len­tes archi­tek­to­ni­sches Meis­ter­werk, ein eher schlich­tes Gebäu­de, doch hob es sich durch sei­ne Fens­ter­rah­mun­gen, ein wenig stei­ner­nen Zie­rat, einen klei­nen Erker aus dem Einer­lei der übri­gen 50er- und 60er-Jah­re-Bebau­ung wohl­tu­end her­vor. Das ist nun Geschichte.

Das Haus steht zwar noch, aber es wur­de die­ser Tage optisch ange­gli­chen. Die kunst­vol­len Fens­ter­rah­mun­gen wur­den alle abge­schla­gen, die Fens­ter recht­eckig angepaßt. Alles unwie­der­bring­lich ver­lo­ren. Und die Besit­zer sind wahr­schein­lich noch rich­tig stolz auf ihr Zer­stö­rungs­werk. Die Ursa­che ist ein­fach zu benen­nen: Der Wahn der Wär­me­dämm­plat­ten hat wie­der ein­mal um sich gegriffen.

Das Haus ist kein Ein­zel­fall in dem Ort. Schon vor Jah­ren traf es unweit ein bezau­bern­des klei­nes Gebäu­de mit baro­ckem Walm­dach. „Das ist aber süß“, sag­te ein Freund auf Besuch, mit dem ich einst dar­an vor­über­schlen­der­te. Mitt­ler­wei­le ist von Süße nichts mehr zu erken­nen. Hart­schaum­plat­ten von der Brei­te einer Sof­a­pols­te­rung sind längst über die Fas­sa­de geklebt. Die grü­nen Fens­ter­lä­den gibt es nicht mehr, auch nicht die Rah­mun­gen aus Sand­stein. Statt des­sen hat man Fens­ter­bän­ke aus schä­bi­gem Blech unter die tief­ge­schnit­te­nen block­ar­ti­gen Licht­öff­nun­gen ein­ge­hängt. Und wer meint, dies sei­en regio­na­le Ein­zel­fäl­le, der sieht sich getäuscht. In Archi­tek­tur­fo­ren berich­ten zahl­rei­che Schrei­ber über Fäl­le aus ihrer Lebens­welt, berich­ten, wie der Wahn der Wär­me­däm­mung pri­mär den Wes­ten Deutsch­lands über­rollt. Vor allem Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len schei­nen den Berich­ten nach betrof­fen. Über­all wird mitt­ler­wei­le wie­der Stuck abge­schla­gen und wer­den nicht denk­mal­ge­schütz­te Grün­der­zeit­ler dau­er­haft verschandelt.

Es scheint sich eine vier­te Wel­le bau­künst­le­ri­scher Zer­stö­rung breit­zu­ma­chen. Nach den Bom­ben­an­grif­fen des Zwei­ten Welt­kriegs folg­ten die Flä­chen­sa­nie­run­gen und Ent­stu­ckungs­maß­nah­men der Nach­kriegs­zeit. „Unfunk­tio­na­ler“ Bau­schmuck galt als rück­schritt­li­ches Phä­no­men, und ihm wur­de nach der For­mel von Adolf Loos, daß das Orna­ment ein Ver­bre­chen sei, sowohl in West wie in Ost der Kampf ange­sagt. Allein in Ber­lin-Kreuz­berg, einem der größ­ten Grün­der­zeit­vier­tel Euro­pas, wur­de bis 1979 der Stuck von etwa 1.400 Häu­sern mit öffent­li­cher För­de­rung abge­schla­gen (Her­aus kamen sol­che trau­ri­ge Ergeb­nis­se). Die­ses Phä­no­men der “Moder­ni­sie­rung” war übri­gens ein weit­ge­hend auf Deutsch­land beschränk­tes, was aller­dings heu­te auch mit der teils schlech­ten Qua­li­tät hie­si­gen grün­der­zeit­li­chen Mör­tel­s­tucks begrün­det wird. Bis­lang sind die Bemü­hun­gen um eine Wie­der­her­stel­lung von Stuck­fas­sa­den weit­ge­hend auf Städ­te in den öst­li­chen Bun­des­län­dern beschränkt, allen vor­an das vor­bild­li­che Leip­zig. Nach der Ent­stu­ckung kam noch die Kunst­stoff­schin­del-Mode der 70er Jah­re, die vor allem vie­le länd­li­che Fach­werk­häu­ser traf. Und nun ist die „ener­ge­ti­sche Sanie­rung“ mit­tels Wär­me­dämm­plat­ten dran. Aus die­sem stets kul­tu­rell ver­nich­tend wir­ken­den Zer­stö­rungs­werk kom­men dann im Stadt­bild Ergeb­nis­se von extrem zwei­fel­haf­ter Qua­li­tät heraus.

Dis­ku­tan­ten in den Archi­tek­tur­fo­ren befürch­ten, daß die Atta­cke der Dämm­plat­ten vor allem West­deutsch­lands Stadt­bil­der nach­hal­tig zum Nega­ti­ven umkrem­peln könn­te, da dort weni­ger Gebäu­de unter Denk­mal­schutz ste­hen, somit es kei­ne Abwehr­me­cha­nis­men gibt.

Trei­ben­de Kraft im Wär­me­dämm-Wahn sind die „Grü­nen“, die sich mit dem Argu­ment des Kli­ma­schut­zes der For­cie­rung der Wär­me­däm­mung ver­schrie­ben haben und kon­kre­te Zeit­plä­ne vorlegen.

Nun ist gegen Kli­ma­schutz und ener­gie­po­li­ti­sche Inno­va­tio­nen über­haupt nichts ein­zu­wen­den, eine Däm­m­or­gie jedoch, deren kul­tu­rel­le und gesund­heit­li­che Fol­gen unab­seh­bar sind, ändert hin­ge­gen gar nichts an den öko­lo­gi­schen Ver­hält­nis­sen, son­dern ver­min­dert allen­falls nur etwas deren Fahrt. Kri­ti­ker sehen zudem in dem Dämm­plat­ten-Wahn kei­nen rech­ten Nut­zen, so daß der Ver­dacht einer effek­ti­ven Lob­by-Arbeit der Dämm­plat­ten-Indus­trie im Raum steht. Inter­es­sant könn­te blei­ben, ob der Trend auch durch die Ent­wick­lung neu­er Tech­ni­ken, däm­men­de Ver­put­ze, Innen­däm­mung oder min­des­tens Zie­gel­sa­nie­rung gestoppt wer­den kann. Für das Haus in Kositz­as alter Hei­mat käme das zwar zu spät. Unse­rer Bau­kul­tur und der Hei­lung unse­rer Orts­bil­der wäre es aber zu wünschen.

 

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