Girls’ Day

Der lange Reigen der frühlingsüblichen Frauenfeste nimmt heute wieder Fahrt auf. It's Girls' Day! Die Nomenklatur ist dabei vielfältig, ...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

… hier im anglo­pho­ben und apo­stro­phun­si­che­ren Mit­tel­deutsch­land wird er als „Mäd­chen­zu­kunfts­tag“ began­gen, im süd­deut­schen Raum ist (in apo­stro­phi­scher Hin­sicht selbst­be­wußt) vom Girl´s und Boy´s Day die Rede.

Die früh­jähr­li­che Rei­he der Frau­en­gedenk­ta­ge (erst Inter­na­tio­na­ler Tag gegen aus­schließ­lich weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung, dann Inter­na­tio­na­ler Frau­en­tag, zwei Wochen drauf der Equal Pay Day gegen finan­zi­el­le Benach­tei­li­gung von Frau­en­ar­beit, dem­nächst Mut­ter­tag) mar­kiert die Säku­la­ri­sie­rung der alten weib­li­chen Kult­fes­te , die der obskur blei­ben­den Ost­ara gewid­met waren oder zum ers­ten Mai als Bel­ta­ne /Walpurgisnacht gefei­ert wur­den. Der Mai als Mari­en­mo­nat hin­ge­gen erschien seit je weni­ger eventtauglich.

Heu­te also Girls´ Day, der sein Vor­bild in den USA hat und 2001 u.a. auf Initia­ti­ve von Ali­ce Schwar­zer auch hier­zu­lan­de ein­ge­führt wur­de. Mitt­ler­wei­le haben sich auch ande­re euro­päi­sche Län­der wie das Koso­vo und Polen (in der Schweiz heißt es „Toch­ter­tag“) der Vor­rei­ter­rol­le Deutsch­lands ange­schlos­sen. Als Geld­ge­ber fun­gie­ren hier­zu­lan­de das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um, das Minis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung sowie die EU.

Am Girls´ Day wer­den Schü­le­rin­nen der 5.–10. Klas­se vom Unter­richt frei­ge­stellt, um in frau­en­un­ty­pi­sche Berufs­fel­der „hin­ein­zu­schnup­pern“. Die Teil­neh­mer­zahl ist von 1.800 Schü­le­rin­nen im Anfangs­jahr auf rund 130.000 gestie­gen. Ob das Blitz­prak­ti­kum für Mädels letzt­lich wie gewünscht in einer Kfz-Werk­statt oder einem Phy­sik­la­bor statt­fin­det oder, wie häu­fi­ger prak­ti­ziert, in einem Kin­der­gar­ten, im Nagel­stu­dio oder in der Kon­di­to­rei, wird nicht überprüft.

Beklagt wird auf dem amt­li­chen Flug­zet­tel zur Akti­on (muß man erwäh­nen, daß das Girls´ Day-Logo mäd­chen­haft ver­spielt und in Pink­tö­nen daher­kommt?), daß sich „mehr als die Hälf­te der weib­li­chen Aus­zu­bil­den­den für einen von zehn mäd­chen­ty­pi­schen Aus­bil­dungbe­ru­fen ent­schei­den – kein ein­zi­ger aus dem natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Bereich ist dar­un­ter.“ Ein wenig beißt sich da die Gen­der-Argu­men­ta­ti­on selbst in den Schwanz: Ist es laut Gen­der-Main­strea­ming-Dik­ti­on nicht bereits eine Form von Dis­kri­mi­nie­rung, Beru­fe wie Kran­ken­schwes­ter, Fri­seu­rin und der­glei­chen abwer­tend als „mäd­chen­ty­pisch“ zu bezeichnen?

Neben der frau­en­rol­len­kri­ti­schen Ziel­set­zung benen­nen die Initia­to­ren auch wirt­schaft­li­che Grün­de, wes­halb Frau­en sich um Stel­len in Werk­stät­ten und IT-Zen­tra­len bemü­hen sol­len: Weil auf­grund der demo­gra­phi­schen Lage „der qua­li­fi­zier­te Nach­wuchs fehlt, ist es wich­tig, daß Mäd­chen ihr Berufs­spek­trum erwei­tern.“ Das klingt einleuchtend.

Schau­en wir aber auf die eben­falls minis­te­ri­ell ver­ant­wor­te­te Begrün­dung des flan­kie­ren­den Pro­jekts „Neue Wege für Jungs“, so heißt es dort: Da der Bedarf an Fach­kräf­ten in Pflege‑, Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­ru­fen stei­ge, sol­len Jun­gen ver­stärkt für die­ses Spek­trum inter­es­siert wer­den. Aus öko­no­mi­schen Grün­den erscheint der for­cier­te Rol­len­auf­bruch also nicht logisch.

Gene­rell fällt auf, daß sich das „kli­schee­spren­gen­de“ Image männ­li­cher­seits schwe­rer ver­kauft. Dabei tun die Ver­an­stal­ter ihr Mög­lichs­tes, den Jungs ihre Ver­si­on des Girls´ Day  nahe­zu­brin­gen. Die ent­spre­chen­de Sei­te bie­dert sich unter der Adres­se https://www.respekt-jungs.de/an, wir sehen eine Mau­er mit auf­ge­mal­ten Paro­len wie „Was geht?“ und „Ich hab Bock“. In einer Daten­bank sind deutsch­land­weit meh­re­re tau­send Stel­len annon­ciert, auf denen sich die puber­tie­ren­den Kna­ben „frei von Geschlech­terkli­schees aus­pro­bie­ren“ sollen.

Die zwei Mädels, die soeben hier im Büro flei­ßig ihre Hän­de rüh­ren, freu­en sich jeden­falls über den schul­frei­en Tag. Wie jedes Jahr hocken im Kin­der­gar­ten ein paar Prak­ti­kan­tin­nen her­um, und der Klemp­ner, der unser Haus gera­de an die brand­neue Zwangs­ka­na­li­sa­ti­on anschließt, hat zwei Schulkna­ben im Schlepp­tau. Unse­re Prak­ti­kan­tin­nen hier, 11 und 13, wis­sen von kei­ner Klas­sen­ka­me­ra­dIn, die/der sich heu­te in einem dezi­diert dem ande­ren Geschlecht zuge­schrie­be­nen Beruf umschaut. Maxi­mal: ein Mäd­chen macht eine Run­de beim MDR, ein ande­res auf dem Tower des Flug­ha­fens. Ein Jun­ge hilft im Blu­men­la­den – der aller­dings sei­ner Mut­ter gehört. Ansons­ten: eine hilft der Mut­ti beim Bet­ten­ma­chen im Alten­heim, eine ande­re in der Büche­rei, die nächs­te im Kos­me­tik­stu­dio. Die Jungs schau­en sich KfZ-Werk­stät­ten an oder hel­fen der Elek­tri­ke­rin. Man muß sagen: Der eman­zi­pa­to­ri­sche Bedarf ist hier­zu­lan­de nicht hoch. Fami­li­en­mo­del­le, in denen die Frau Gym­na­si­al­leh­re­rin und der Mann Last­wa­gen­fah­rer ist, sind hier die Regel, da wird kein „Rol­len­wech­sel“ für nötig befunden.

Eine Stun­de Vor – und eine für Nach­be­rei­tung sind schu­li­scher­seits vor­ge­se­hen. Unse­re Prak­ti­kan­tin­nen schüt­teln den Kopf: Vor­be­rei­tung habe es kei­ne gege­ben, die Lehr­kräf­te hät­ten sie gar nicht auf den Tag auf­merk­sam gemacht und auf Nach­fra­ge von sei­ten der Schü­ler „eher die Augen verdreht“.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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