8. Mai 2010

8. Mai 1945 – Die deutsche Tragödie

Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag von Walter Hueck

Anmerkung: Heute vor 65 Jahren kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Damit war die Niederlage Deutschlands besiegelt. Dieses Datum wird heute als "Tag der Befreiung" fröhlich gefeiert, weil man sich mittlerweile auf Seiten der Sieger wähnt. Bis dahin war es ein weiter Weg, den die Alliierten und eine deutsche Minderheit vorgegeben haben.

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Der folgende Bericht fängt die erste Lektion der Umerziehung im Mai 1945 paradigmatisch ein. Es handelt sich um das Schlußkapitel des Buches Odyssee in grünen Hosen (1949) von Walter Hueck (1898-1972). Hueck schildert darin die Erlebnisse des "fried- und freiheitsliebenden Fallschirmjäger-Sanitätsfeldwebel Hans Dieter Wohlgemut" im letzten Kriegsjahr. Über Hueck ist nicht viel mehr in Erfahrung zu bringen, als daß er Philosoph und Arzt wider Willen (so ein Buchtitel von 1962) war. Er hatte Medizin studiert, schrieb aber lieber philosophische Bücher, in denen er eine bemerkenswerte Philosophie der Polarität und des "Sowohl-Als-Auch" entwarf. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Arzt dienstverpflichtet, lebte dann in München und nahm sich 1972 das Leben.

Wir warteten in Hedwigenkoog, komfortabel in einer Offiziers-Baracke untergebracht und dem süßen Nichtstun ergeben, auf die Gefangenschaft, von der wir uns eine baldige Entlassung erhofften. Aber kurios: der Gegner, vor dem wir an die tausend Meilen davongelaufen waren, stellte nunmehr die Verfolgung ein und weigerte sich, uns vollends einzuholen. Es gab keine Kampftätigkeit mehr, der Friede kam über die Watten und Marschen, der blasse Frühlingshimmel wurde durch keinen Jabo-Spuk mehr beeinträchtigt, aber der Tommy machte keine Anstalten, den Kaiser-Wilhelm-Kanal nordwärts zu überschreiten. Er beschränkte sich mit britischem Phlegma darauf, die gesamte Halbinsel abzusperren und betrachtete ganz Norderdithmarschen als ein riesiges Gefangenenlager, aus dem niemand entwischen konnte.

Am nächsten Sonntag fand ein Feldgottesdienst statt, zu dem sich der Wesselburener Gemeindepfarrer angesagt hatte, der dem Barackenlazarett dann und wann einen seelsorgerischen Besuch abzustatten pflegte. Ich sah der Veranstaltung mit einigem Unbehagen entgegen. Wir kamen nicht sehr fromm aus diesem Kriege zurück. Wir glaubten nicht mehr ohne Vorbehalt an Gott, der alle Haare auf unserem Haupt gezählt hatte. Wir waren in mancherlei Hinsicht verstockt und von einer gereizten Empfindlichkeit. Es war schwer, zu uns von Dingen zu sprechen, die über Marschverpflegung und Quartiersorgen hinausgingen. Würde der Mann den rechten Ton finden? Was wir brauchten, war gewiß nicht der „Dank des Vaterlandes“, den wir nach dieser unsagbaren Katastrophe nicht erwarteten, da wir mit aller Treue und Tapferkeit letzten Endes nur unermeßlich Unheil angerichtet hatten. Was vielmehr nottat, das waren ganz schlichte einfache Worte der Begrüßung in der verwüsteten Heimat, eine Bekundung des festen einträchtigen Zusammenstehens für unser unglückliches Vaterland, und ein wenig Hoffnung und Vertrauen, das uns den Weg in die Zukunft eröffnete. Wenn dieser Pfarrer eine Brücke zu Gott bauen wollte, dann durfte er den ersten Pfeiler nicht im Himmel errichten, sondern mußte, behutsam Stein auf Stein fügend, auf dieser platten Erde zu bauen beginnen...

Der Gottesmann kam. Er trat weißhaarig und ehrwürdig vor den improvisierten Altar der großen Zentral-Baracke. Und dann hielt er uns eine Bußpredigt! Es stellte sich heraus, daß der Herr Pastor, der es mit der Bekennenden Gemeinde hielt, wegen seiner aufrechten Haltung von den Nazis verfolgt und sogar für einige Monate in ein Konzentrationslager verschleppt worden war. Wir wußten nicht gerade viel von den Konzentrationslagern, aber es hatten sich allerlei üble Dinge herumgesprochen, und so brachten wir den unglücklichen Opfern dieses Terrorsystems ehrliche Sympathien entgegen. Aber der Wesselburener Pfarrer betrachtete offenbar die ganze Welt aus der Konzentrationslager-Perspektive. Er predigte über die dort verübten Greueltaten, als ob sich in diesem Weltkriege nichts anderes ereignet habe, er erwähnte mit keinem Wort den großen Opfergang der feldgrauen Jugend, das Inferno der zerbombten Städte oder das himmelschreiende Elend der von Hof und Heimat vertriebenen Flüchtlingstrecks. Nun, der alte Mann wußte es vielleicht nicht besser; es war schließlich begreiflich, daß er in erster Linie das Unheil des Straf- und Mordlagers vor Augen hatte, von dem er so fatale Dinge zu berichten wußte.

Doch nun begann er uns Vorwürfe zu machen. Er sprach von unserer Schuld. Das Blut der Gefolterten und Gemordeten klebe an unseren Händen. Unsere Pflicht sei es gewesen, die Unglücklichen zu befreien und das Gewaltsystem zu stürzen. Für den Antichrist hätten wir gekämpft und die Sache der Hölle verteidigt. Und nun sollten wir mutig unsere Schuld bekennen und ein neues Leben anfangen, das einzig der Reue und Buße, der Sühnung und Wiedergutmachung gewidmet sein müsse.

Was war das? Wir glaubten nicht recht zu verstehen. Wir hörten mit eisigem Schweigen zu, während dumpfe Empörung in unseren Herzen aufwallte. War es zu glauben? Wir sollten daran schuld sein, daß eine verblendete und von Gott geschlagene Generation, die nicht die unsere war und sich sicherlich nicht auf die deutschen Landesgrenzen beschränkte, - daß sie diesen Hitler zur Macht und Übermacht hatte kommen lassen, bis er schließlich seinen ruchlosen Krieg entfesseln konnte? Wir, die wir als grüne Schulbuben in diesen Krieg verschleppt worden waren und nun erschöpft aus seinen Schlachten, aus seinen Gluthöllen und Eiswüsten zurückkehrten, ohne noch recht an unsere Rettung glauben zu können? Man hatte uns ein Gewehr in die Hand gedrückt und befohlen, für Deutschland zu kämpfen und zu sterben, - was konnten wir dafür, wenn man Schindluder mit uns getrieben und unser junges Leben für eine schlechte Sache geopfert hatte? Wir hatten uns tapfer und redlich sechs endlose Jahre lang mit allen Schrecken der Hölle herumgeschlagen, und nun empfing man uns hier mit einer Moralpredigt und schob uns die Schuld für die ganze Geschichte in die Schuhe! Es war kaum zu glauben, aber der eifernde Pfarrer wollte es uns einreden.

Und in welchem Ton sprach dieser Priester von unserem Volk und Vaterland? Als ob die Deutschen ein wahrer Aussatz unter den Völkern seien, als ob dieses unselige und irregeleitete Volk nicht wahrlich genug gestraft sei und abzubüßen habe, als ob die mindeste Gefahr bestehe, daß es sich unter dem Donnersturz dieses Zusammenbruches seiner Schuld und Verantwortung leichthin entschlagen werde! Als ob wir Deutschen in unserer Gesamtheit den Krieg gewollt hätten, als ob wir mit Hussa und Heissa aufgebrochen seien, um die Juden zu massakrieren und die Welt zu erobern, als ob wir nicht vielmehr, genau wie all die anderen Völker, diabolischer Hinterlist und brutaler Gewalt zum Opfer gefallen wären! Nein, wahrlich, das ging nicht an. Dieser Mann traf nicht den richtigen Ton. Er machte aus dem ehernen Gang einer sophokleischen Tragödie eine Moralpauke, er war nicht fromm genug, um sich stumm und erschüttert vor dem Spruch der Gottheit zu beugen, er verstieß mit seinen weißen Haaren und dem schwarzen Priestergewand gegen die Weihe und Würde des welthistorischen Schicksals, das trotz aller Mordbuben und Schurkentaten im Untergang des faustischen Abendlandes beschlossen lag…

Das ganze deutsche Volk, fuhr der Geistliche fort, habe das Recht auf Leben und Existenz verwirkt, es müsse seine Schuld auf sich nehmen und auf Generationen hinaus an der Wiedergutmachung des begangenen Unrechts arbeiten. Das war unerträglich. Man hatte uns übel mitgespielt und uns schauerlich um unsere Jugend betrogen, wir würden es ohnehin weiß Gott schwer genug haben, uns auch den Trümmerbergen der Gegenwart herauszuarbeiten – aber hatten wir nicht ein Recht auf die Zukunft, ein unverlierbares Recht auf unser eigenes Leben? Wir bezwangen die kalte Empörung unseres Herzens, aber wir erhoben uns wie ein Mann und verließen diesen unwürdigen Gottesdienst.

Natürlich gab es einen Riesenskandal, der Kommandeur machte uns eine Szene und entzog uns für drei Tage die Fleischration, aber es gab sicherlich keinen unter uns, der sich durch ein bißchen Magenknurren zu „einem mutigen Bekenntnis unserer Schuld“ hätte bewegen lassen. Die Sache war erledigt, und da wir alten Landser nichts so sehr verabscheuten wie politische Debatten, geriet der unselige Pfarrer bald in Vergessenheit.


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