8. Mai 1945 – Die deutsche Tragödie

Ein Gastbeitrag von Walter Hueck

Anmerkung: Heute vor 65 Jahren kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Damit war die Niederlage Deutschlands besiegelt. Dieses Datum wird heute als "Tag der Befreiung" fröhlich gefeiert, weil man sich mittlerweile auf Seiten der Sieger wähnt. Bis dahin war es ein weiter Weg, den die Alliierten und eine deutsche Minderheit vorgegeben haben.

 Gastbeitrag

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Der fol­gen­de Bericht fängt die ers­te Lek­ti­on der Umer­zie­hung im Mai 1945 para­dig­ma­tisch ein. Es han­delt sich um das Schluß­ka­pi­tel des Buches Odys­see in grü­nen Hosen (1949) von Wal­ter Hueck (1898–1972). Hueck schil­dert dar­in die Erleb­nis­se des “fried- und frei­heits­lie­ben­den Fall­schirm­jä­ger-Sani­täts­feld­we­bel Hans Die­ter Wohl­ge­mut” im letz­ten Kriegs­jahr. Über Hueck ist nicht viel mehr in Erfah­rung zu brin­gen, als daß er Phi­lo­soph und Arzt wider Wil­len (so ein Buch­ti­tel von 1962) war. Er hat­te Medi­zin stu­diert, schrieb aber lie­ber phi­lo­so­phi­sche Bücher, in denen er eine bemer­kens­wer­te Phi­lo­so­phie der Pola­ri­tät und des “Sowohl-Als-Auch” ent­warf. Im Zwei­ten Welt­krieg wur­de er als Arzt dienst­ver­pflich­tet, leb­te dann in Mün­chen und nahm sich 1972 das Leben.

Wir war­te­ten in Hed­wi­gen­koog, kom­for­ta­bel in einer Offi­ziers-Bara­cke unter­ge­bracht und dem süßen Nichts­tun erge­ben, auf die Gefan­gen­schaft, von der wir uns eine bal­di­ge Ent­las­sung erhoff­ten. Aber kuri­os: der Geg­ner, vor dem wir an die tau­send Mei­len davon­ge­lau­fen waren, stell­te nun­mehr die Ver­fol­gung ein und wei­ger­te sich, uns voll­ends ein­zu­ho­len. Es gab kei­ne Kampf­tä­tig­keit mehr, der Frie­de kam über die Wat­ten und Mar­schen, der blas­se Früh­lings­him­mel wur­de durch kei­nen Jabo-Spuk mehr beein­träch­tigt, aber der Tom­my mach­te kei­ne Anstal­ten, den Kai­ser-Wil­helm-Kanal nord­wärts zu über­schrei­ten. Er beschränk­te sich mit bri­ti­schem Phleg­ma dar­auf, die gesam­te Halb­in­sel abzu­sper­ren und betrach­te­te ganz Nor­der­dith­mar­schen als ein rie­si­ges Gefan­ge­nen­la­ger, aus dem nie­mand ent­wi­schen konnte.

Am nächs­ten Sonn­tag fand ein Feld­got­tes­dienst statt, zu dem sich der Wes­sel­bu­re­ner Gemein­de­pfar­rer ange­sagt hat­te, der dem Bara­cken­la­za­rett dann und wann einen seel­sor­ge­ri­schen Besuch abzu­stat­ten pfleg­te. Ich sah der Ver­an­stal­tung mit eini­gem Unbe­ha­gen ent­ge­gen. Wir kamen nicht sehr fromm aus die­sem Krie­ge zurück. Wir glaub­ten nicht mehr ohne Vor­be­halt an Gott, der alle Haa­re auf unse­rem Haupt gezählt hat­te. Wir waren in man­cher­lei Hin­sicht ver­stockt und von einer gereiz­ten Emp­find­lich­keit. Es war schwer, zu uns von Din­gen zu spre­chen, die über Marsch­ver­pfle­gung und Quar­tier­sor­gen hin­aus­gin­gen. Wür­de der Mann den rech­ten Ton fin­den? Was wir brauch­ten, war gewiß nicht der „Dank des Vater­lan­des“, den wir nach die­ser unsag­ba­ren Kata­stro­phe nicht erwar­te­ten, da wir mit aller Treue und Tap­fer­keit letz­ten Endes nur uner­meß­lich Unheil ange­rich­tet hat­ten. Was viel­mehr not­tat, das waren ganz schlich­te ein­fa­che Wor­te der Begrü­ßung in der ver­wüs­te­ten Hei­mat, eine Bekun­dung des fes­ten ein­träch­ti­gen Zusam­men­ste­hens für unser unglück­li­ches Vater­land, und ein wenig Hoff­nung und Ver­trau­en, das uns den Weg in die Zukunft eröff­ne­te. Wenn die­ser Pfar­rer eine Brü­cke zu Gott bau­en woll­te, dann durf­te er den ers­ten Pfei­ler nicht im Him­mel errich­ten, son­dern muß­te, behut­sam Stein auf Stein fügend, auf die­ser plat­ten Erde zu bau­en beginnen…

Der Got­tes­mann kam. Er trat weiß­haa­rig und ehr­wür­dig vor den impro­vi­sier­ten Altar der gro­ßen Zen­tral-Bara­cke. Und dann hielt er uns eine Buß­pre­digt! Es stell­te sich her­aus, daß der Herr Pas­tor, der es mit der Beken­nen­den Gemein­de hielt, wegen sei­ner auf­rech­ten Hal­tung von den Nazis ver­folgt und sogar für eini­ge Mona­te in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt wor­den war. Wir wuß­ten nicht gera­de viel von den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, aber es hat­ten sich aller­lei üble Din­ge her­um­ge­spro­chen, und so brach­ten wir den unglück­li­chen Opfern die­ses Ter­ror­sys­tems ehr­li­che Sym­pa­thien ent­ge­gen. Aber der Wes­sel­bu­re­ner Pfar­rer betrach­te­te offen­bar die gan­ze Welt aus der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger-Per­spek­ti­ve. Er pre­dig­te über die dort ver­üb­ten Greu­el­ta­ten, als ob sich in die­sem Welt­krie­ge nichts ande­res ereig­net habe, er erwähn­te mit kei­nem Wort den gro­ßen Opfer­gang der feld­grau­en Jugend, das Infer­no der zer­bomb­ten Städ­te oder das him­mel­schrei­en­de Elend der von Hof und Hei­mat ver­trie­be­nen Flücht­lings­trecks. Nun, der alte Mann wuß­te es viel­leicht nicht bes­ser; es war schließ­lich begreif­lich, daß er in ers­ter Linie das Unheil des Straf- und Mord­la­gers vor Augen hat­te, von dem er so fata­le Din­ge zu berich­ten wußte.

Doch nun begann er uns Vor­wür­fe zu machen. Er sprach von unse­rer Schuld. Das Blut der Gefol­ter­ten und Gemor­de­ten kle­be an unse­ren Hän­den. Unse­re Pflicht sei es gewe­sen, die Unglück­li­chen zu befrei­en und das Gewalt­sys­tem zu stür­zen. Für den Anti­christ hät­ten wir gekämpft und die Sache der Höl­le ver­tei­digt. Und nun soll­ten wir mutig unse­re Schuld beken­nen und ein neu­es Leben anfan­gen, das ein­zig der Reue und Buße, der Süh­nung und Wie­der­gut­ma­chung gewid­met sein müsse.

Was war das? Wir glaub­ten nicht recht zu ver­ste­hen. Wir hör­ten mit eisi­gem Schwei­gen zu, wäh­rend dump­fe Empö­rung in unse­ren Her­zen auf­wall­te. War es zu glau­ben? Wir soll­ten dar­an schuld sein, daß eine ver­blen­de­te und von Gott geschla­ge­ne Genera­ti­on, die nicht die unse­re war und sich sicher­lich nicht auf die deut­schen Lan­des­gren­zen beschränk­te, – daß sie die­sen Hit­ler zur Macht und Über­macht hat­te kom­men las­sen, bis er schließ­lich sei­nen ruch­lo­sen Krieg ent­fes­seln konn­te? Wir, die wir als grü­ne Schul­bu­ben in die­sen Krieg ver­schleppt wor­den waren und nun erschöpft aus sei­nen Schlach­ten, aus sei­nen Glut­höl­len und Eis­wüs­ten zurück­kehr­ten, ohne noch recht an unse­re Ret­tung glau­ben zu kön­nen? Man hat­te uns ein Gewehr in die Hand gedrückt und befoh­len, für Deutsch­land zu kämp­fen und zu ster­ben, – was konn­ten wir dafür, wenn man Schind­lu­der mit uns getrie­ben und unser jun­ges Leben für eine schlech­te Sache geop­fert hat­te? Wir hat­ten uns tap­fer und red­lich sechs end­lo­se Jah­re lang mit allen Schre­cken der Höl­le her­um­ge­schla­gen, und nun emp­fing man uns hier mit einer Moral­pre­digt und schob uns die Schuld für die gan­ze Geschich­te in die Schu­he! Es war kaum zu glau­ben, aber der eifern­de Pfar­rer woll­te es uns einreden.

Und in wel­chem Ton sprach die­ser Pries­ter von unse­rem Volk und Vater­land? Als ob die Deut­schen ein wah­rer Aus­satz unter den Völ­kern sei­en, als ob die­ses unse­li­ge und irre­ge­lei­te­te Volk nicht wahr­lich genug gestraft sei und abzu­bü­ßen habe, als ob die min­des­te Gefahr bestehe, daß es sich unter dem Don­ner­sturz die­ses Zusam­men­bru­ches sei­ner Schuld und Ver­ant­wor­tung leicht­hin ent­schla­gen wer­de! Als ob wir Deut­schen in unse­rer Gesamt­heit den Krieg gewollt hät­ten, als ob wir mit Hus­sa und Heis­sa auf­ge­bro­chen sei­en, um die Juden zu mas­sa­krie­ren und die Welt zu erobern, als ob wir nicht viel­mehr, genau wie all die ande­ren Völ­ker, dia­bo­li­scher Hin­ter­list und bru­ta­ler Gewalt zum Opfer gefal­len wären! Nein, wahr­lich, das ging nicht an. Die­ser Mann traf nicht den rich­ti­gen Ton. Er mach­te aus dem eher­nen Gang einer sopho­klei­schen Tra­gö­die eine Moral­pau­ke, er war nicht fromm genug, um sich stumm und erschüt­tert vor dem Spruch der Gott­heit zu beu­gen, er ver­stieß mit sei­nen wei­ßen Haa­ren und dem schwar­zen Pries­ter­ge­wand gegen die Wei­he und Wür­de des welt­his­to­ri­schen Schick­sals, das trotz aller Mord­bu­ben und Schur­ken­ta­ten im Unter­gang des faus­ti­schen Abend­lan­des beschlos­sen lag…

Das gan­ze deut­sche Volk, fuhr der Geist­li­che fort, habe das Recht auf Leben und Exis­tenz ver­wirkt, es müs­se sei­ne Schuld auf sich neh­men und auf Genera­tio­nen hin­aus an der Wie­der­gut­ma­chung des began­ge­nen Unrechts arbei­ten. Das war uner­träg­lich. Man hat­te uns übel mit­ge­spielt und uns schau­er­lich um unse­re Jugend betro­gen, wir wür­den es ohne­hin weiß Gott schwer genug haben, uns auch den Trüm­mer­ber­gen der Gegen­wart her­aus­zu­ar­bei­ten – aber hat­ten wir nicht ein Recht auf die Zukunft, ein unver­lier­ba­res Recht auf unser eige­nes Leben? Wir bezwan­gen die kal­te Empö­rung unse­res Her­zens, aber wir erho­ben uns wie ein Mann und ver­lie­ßen die­sen unwür­di­gen Gottesdienst.

Natür­lich gab es einen Rie­sen­skan­dal, der Kom­man­deur mach­te uns eine Sze­ne und ent­zog uns für drei Tage die Fleischra­ti­on, aber es gab sicher­lich kei­nen unter uns, der sich durch ein biß­chen Magen­knur­ren zu „einem muti­gen Bekennt­nis unse­rer Schuld“ hät­te bewe­gen las­sen. Die Sache war erle­digt, und da wir alten Land­ser nichts so sehr ver­ab­scheu­ten wie poli­ti­sche Debat­ten, geriet der unse­li­ge Pfar­rer bald in Vergessenheit.

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