Sezession
1. Dezember 2008

Autorenportrait Alain de Benoist

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 27/Dezember 2008

sez_nr_274von Michael Böhm

Alain de Benoist gilt als „Meisterdenker" der „Nouvelle Droite" - der „Neuen Rechten" -, aber eigentlich hat er sich nie wirklich in diesem Begriff erkannt. Zwar hat sich diese Zuweisung etabliert, um die Ideenformation um den französischen Philosophen zu beschreiben. Es gibt wohl kein neueres Werk zur Geschichte der politischen Ideen, das nicht diese „Vordenker"-Position bemüht. Ebenso ist es aber eine Tatsache, daß de Benoist nie auf die Idee gekommen wäre, solches Etikett sich zu eigen zu machen - die Frage, wo er sich politisch-ideologisch verortet, hat ihn nie interessiert. „Persönlich", so erklärte er etwa im Vorwort zu seinem 1977 erschienenen Buch Vu de droite (Von rechts gesehen), „läßt mich die Frage, ob ich rechts oder links bin, vollkommen gleichgültig. Zur Zeit sind die Ideen, die in diesem Buch verteidigt werden, rechts; sie sind jedoch nicht notwendigerweise rechts. Ich könnte mir sehr gut Situationen vorstellen, in denen sie links sind." Genau wie dieses sibyllinische Urteil verblüffen auch die unterschiedlichen Positionen, die Alain de Benoist im Laufe seines intellektuellen Lebens eingenommen hatte: In seinem ersten Buch Salant devant l'opinion (1963) ergreift er leidenschaftlich Partei für die Kämpfer der Organisation armée secrète, die sich de Gaulles Aufgabe von Algerien widersetzten. Zwanzig Jahre später wendet er sich gegen jede Form des Kolonialismus, einschließlich des kulturellen. Während er als Student das Konzept einer „nationalistischen Ethik" entwirft, ist er gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein Verfechter der übernationalen Reichsidee und versteht sie als Alternative zum Brüsseler Zentralismus. Und operiert er noch in der Mitte der 1960er Jahre mit rassebiologischen Argumentationen, so verurteilt er zehn Jahre später „ohne Ausnahme alle Rassismen" und beschwört den Reichtum der verschiedensten Identitäten und Kulturen.

Gewiß, Intellektuelle können innerhalb von wenigen Jahren manchmal die unterschiedlichsten Standpunkte einnehmen. Doch erfolgte das bei Alain de Benoist im Unterschied zu anderen stets unter dem Zeichen eines unbedingten Prinzips: dem Anti-Egalitarismus, der Ablehnung der Gleichheitslehre. Sie durchzieht alle seine doktrinären Positionen bis heute, und sie läßt seine Reflexionen derzeit auch als Ausdruck eines „rechten Denkens" erscheinen - sein rätselhaftes Wort wird dadurch erhellt. Ungleichheit als das Grundprinzip der menschlichen Natur, ja des Lebens schlechthin - das war gemeinhin akzeptierte Maxime all derer, die seit dem Jahre 1789 die Konsequenzen der Französischen Revolution zu revidieren gedachten: von den ersten Verteidigern des Ancien Régime bis hin zu Hitler und Mussolini. Doch ist de Benoist, obgleich väterlicherseits von aristokratischer Herkunft, weder ein monarchistischer Reaktionär noch ein Apologet des Faschismus. Sein Anti-Egalitarismus ist zutiefst ästhetischer Natur und durchzogen von einem philanthropischen Ethos: Seit nunmehr über vierzig Jahren widmet er sich in seinem publizistischen Schaffen dem Kampf für den Erhalt der Verschiedenheit der Welt und gegen die Reduktion des Mannigfaltigen auf das Eine. „Das Glück bei einer Reise", sagte er einmal, „ist, noch verschiedene, verwurzelte Lebensgepflogenheiten zu beobachten; ist, die Völker in ihrem eigenen Rhythmus zu sehen: Völker, mit einer anderen Hautfarbe, mit einer anderen Kultur, mit einer anderen Mentalität - und zu wissen, daß sie stolz darauf sind. Ich glaube, daß das den Reichtum der Welt bildet und daß der Egalitarismus dabei ist, ihn zu töten".


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