Statt Blumen

Ja, ich gebe es zu – auch ich lese die FAZ. Zumindest teilweise. Unter der Woche, morgens vor dem Aufbruch gen Universität, ...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

… schnup­pe­re ich gern bei einer Tas­se Tee in den Feuil­le­ton hin­ein und infor­mie­re mich über den libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Blick auf zeit­geis­ti­ge Ereignisse.

Am Mitt­woch, dem 5. Mai die­ses Jah­res, zog jedoch nicht der Bericht über Dani­el Cohn-Ben­dits Oppo­si­ti­on gegen­über der israe­li­schen Sied­lungs­po­li­tik mei­nen Blick auf sich, und auch den Bericht über eine neue Aus­stel­lung auf der Wewels­burg bemerk­te ich erst spä­ter. Was zual­ler­erst mei­ne Auf­merk­sam­keit erreg­te, war – eine Gedenkanzeige.

Dabei war es zuge­ge­be­ner­ma­ßen das dar­in pran­gen­de Eiser­ne Kreuz, das mei­nen Blick auf sich zog. Stut­zen ließ mich aller­dings die Anzei­ge selbst, und zwar auf­grund der Tat­sa­che, daß es sich offen­bar nicht um eine Todes‑, son­dern viel­mehr um eine Geburts­tags­an­zei­ge han­del­te. Da stand: „Ernst-August Weiss, Prof. der Mathe­ma­tik, H. d. R. der Pio­nie­re. Geb. 5.5. 1900. Gest. 9.2. 1942. Die Zeit ver­geht, sie heilt nicht / den Schmerz sei­nes Soh­nes. Ernst-August Weiss, Dr. rer. nat. et rer. pol., M.A.“.

Das zu lesen mach­te mich sehr nach­denk­lich. Da trau­er­te also ein Sohn um sei­nen vor 68 Jah­ren (ver­mut­lich) gefal­le­nen Vater. Davon aus­ge­hend, daß die­ser Sohn wahr­schein­lich auch schon zu den sprich­wört­li­chen „älte­ren Semes­tern“ gehört, kann man wohl anneh­men, daß die­se Geden­k­an­zei­ge nicht die ers­te war, die er für sei­nen Vater geschal­tet hat. Die­ser Gedan­ken­gang und die bei­den Ver­se, die trotz ihrer beschei­de­nen Wort­wahl soviel Trau­er und Gram in sich bar­gen, soll­ten mich an jenem Mitt­woch noch den gan­zen Tag bedrü­cken. Auch spä­ter, in mei­nen Vor­le­sun­gen, war ich geis­tig wei­ter­hin damit befaßt, über die­se Zufalls­ent­de­ckung zu grübeln.

Ein gefal­le­ner Vater, ein in Schmerz zurück­ge­las­se­ner Sohn. Eine stil­le Erin­ne­rung im „tri­via­len“ Teil eines gro­ßen Tages­blat­tes. Wie schnell über­liest man so etwas? Wie vie­le Leser mögen wohl beim Bemer­ken des Eiser­nen Kreu­zes inner­lich die Augen ver­dreht und schnell umge­blät­tert haben? Aber: War dies nicht Geden­ken in sei­ner reins­ten, in sei­ner – soweit das Wort in die­sem Zusam­men­hang pas­sen mag – schöns­ten Form? Eine klei­ne, stil­le Notiz des Schmer­zes, der nun am Platz einer gelieb­ten Per­son sitzt, die jäh aus dem Leben geris­sen wurde?

Dage­gen: Was für über­flüs­si­ge Men­schen sind jene, die Trau­er­ver­an­stal­tun­gen zur poli­ti­schen Selbst­in­sze­nie­rung miß­brau­chen? Wie wider­wär­tig gebär­den sich sol­che, die an Orten der Mah­nung Lei­chen­tei­le in Beton ein­gie­ßen wollen?

Wie arm wir sind, daß wir nicht ein­mal zu schmerz­haf­ten Anläs­sen von unse­rer Medi­en­geil­heit und unse­rem zwang­haf­ten Buh­len um Auf­merk­sam­keit las­sen kön­nen. Wie arm wir sind, daß wir nicht mehr wür­dig zu trau­ern wis­sen. Wie arm.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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