Sezession
19. Mai 2010

Studie über Südafrika

Erik Lehnert

Pünktlich in die Vorbereitungsphase der Nationalmannschaft auf die Fußball-Weltmeisterschaft hinein erscheint die Studie 16 des IfS Südafrika. Vom Scheitern eines multiethnischen Experiments. Diese Studie ist eines der wenigen Gegengewichte zu einer „Verschwörung der Schönredner“ und befaßt sich mit dem Scheitern des Landes, das einmal als das "power house" des Kontinents galt.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Im April 1994 beendete Südafrika den Wandel vom international isolierten Pariastaat zum weltweit bejubelten »Wunder«. Dieses bestand darin, daß die weiße Minderheit wider Erwarten friedlich die Macht an die schwarze Mehrheit abgab. Sogar noch im Jahr 2000, sechs Jahre nach dem Wandel, schrieb Thomas Knemeyer: "Neben der deutschen Wiedervereinigung gilt die Wende am Kap als das gelungenste Unterfangen einer friedlichen gesellschaftlichen Transformation. Was den Deutschen die Vereinigung von Ost und West, war in Südafrika die Versöhnung von Schwarz und Weiß."

In dieser Analogie wurde jedoch nicht berücksichtigt, daß Südafrika, im Gegensatz zur damaligen Bundesrepublik Deutschland, über kein homogenes Staatsvolk verfügte, sondern ein multiethnisches Konstrukt darstellt, dessen Grenzen im 19. Jahrhundert von den Kolonialherren willkürlich bestimmt wurden. Lediglich der für das Land am Kap inflationär verwendete Begriff "Regenbogennation" deutet auf die rassische, ethnische und kulturelle Vielfalt des Landes hin. In diesem Zusammenhang wird Heterogenität, entgegen aller historischen und aktuellen Erfahrung, als "Stärke" betrachtet.

Wie bei fast jeder Machtübernahme in Afrika waren die Prognosen für das Land von einem extremen Optimismus bestimmt, der weniger auf realistischen Einschätzungen als vielmehr auf ideologisch gefärbten Utopien und Hoffnungen beruhte. Vor allem die weltanschauliche Unbeirrbarkeit in der Entwicklungspolitik und ein außerordentliches Vertrauen in die Führungsqualitäten der jeweils favorisierten afrikanischen Befreiungspolitiker sind seit dem Beginn der Entkolonialisierung ausschlaggebend für die Einschätzungen westlicher Meinungsführer. Nelson Mandela, als erster schwarzer Präsident des Landes, wurde zur Ikone westlicher Medien und Entscheidungsträger. Um ihn entstand ein internationaler Personenkult, der naturgemäß Erwartungen generierte, die weder er noch seine Nachfolger erfüllen konnten.

Die vorliegende Studie zeigt hingegen, daß Südafrika in allen Bereichen (v.a. Bildung, innere und äußere Sicherheit, medizinische Versorgung) hinter den Standard von 1990 zurückgefallen ist - in einem Maß, das die Stabilität und den Bestand der Nation gefährdet. Und das multiethnische Experiment ist sowieso gescheitert: Diskriminiert werden jetzt die Weißen und gewählt wird entlang ethnischer Grenzen. Ein Vertreter der Mischlinge brachte es auf den Punkt: Wo er früher nicht weiß genug war, sei er jetzt nicht schwarz genug.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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