21. Mai 2010

Der Hauptfeind des Liberalen

Martin Lichtmesz

Mitte Juni ist die nächste Staffel der Kaplaken lieferbar, darunter eine Neuauflage des klassischen, unvermindert aktuellen Essays "Gegen die Liberalen" von Armin Mohler aus dem Jahr 1988.  Eine der zentralen, wohl zum Teil von Alain de Benoist ("Die entscheidenden Jahre", 1982) inspirierten Thesen des Aufsatzes ist, daß der Hauptfeind des Rechten nicht der Kommunist (resp. der Linke) sei, sondern der Liberale, denn dieser sei ein "Feind, der bereits innerhalb der Burg agiert und unsere Abwehr so weich macht, daß der äußere Feind eindringen kann."

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Umgemünzt auf die heutige Zeit und auf die veränderte Lage müßte man wohl sagen, daß nicht der uns bedrängende Islam oder die Massenzuwanderung unser "Hauptfeind" ist, sondern vorzüglich die eigenen Eliten, die sie zulassen, schönreden, aktiv fördern und dabei das eigene Staatsvolk entmachten und schädigen.  Radikaler gesagt, ist es das liberale Denken an sich, das sich zum Immunschwächevirus ausgebildet hat. Hier gibt es natürlich kaum mehr Unterschiede zwischen Linken und Liberalen - was die wesentlichen Sprüchlein und Standardphrasen betrifft, herrscht eine breite rosa-rote Allianz, die von der Linken bis zur FDP mit gleichlautenden Erklärungen von guten, also toleranzintegrationsdemokratischen Absichten aufwartet.

So gesehen gibt es natürlich auch kaum noch authentische Konservative ohne liberalen Rückenmarkschwund mehr, und das ist auch in den innerlich zermürbten USA der Fall, die man auf Politically Incorrect immer noch als den großen starken Mann betrachtet, von dem man sich flehentlich "Befreiung" erhofft. Aber diesmal werden die Amis nicht kommen und die rettende Atombombe schmeißen. Denn inzwischen zerbröseln die Vereinigten Staaten genauso an demographischen Trends, multirassischen und multikulturellen Spannungen und hohen, unassimilierbaren Einwanderungsquoten wie die europäischen Kernländer.  Und hier wie dort ist der Liberalismus nicht fähig, die Geister, die er rief, wieder zu bannen, weil er in seinen eigenen Prämissen gefangen ist.

All diese Entwicklungen sind schon vor Jahrzehnten verblüffend scharf gesehen worden - etwa von James Burnham, dem Autor des Klassikers "The Managerial Revolution" (1941), in seinem 1965 auf deutsch erschienenen Buch "Begeht der Westen Selbstmord?" (Suicide of the West), einer der hellsichtigsten Abrechnungen mit dem "Syndrom" des Liberalismus überhaupt.

Dieses erstaunliche Buch wäre einen ganzen Aufsatz wert, hier sei nur im Anschluß an Mohlers Feinderklärung aus dem Kapitel "Pas d'ennemi à gauche - Kein Feind von links" zitiert, das Aufschluß darüber geben mag, warum auch heute in der Bundesrepublik die Extremismusdebatte zu krassen Ungunsten der politischen Rechten geführt wird.

Die Regel, die jedermann durch exaktes Quellenstudium des liberalen Verhaltens in einem bestimmten Zeitabschnitt verifizieren kann, sollte vielleicht folgendermaßen zusammengefaßt werden: Der Hauptfeind steht rechts. Wenn man den Liberalismus als Außenstehender betrachtet, könnte man vielleicht exakter sagen: der Lieblings- und Vorzugsfeind steht rechts. Diese Regel ist eine Sache des Gefühls, des Prinzips, des Verhaltens und der Geschichte.  Sie ist der Grundparameter des Liberalismus und wird ebenso als persönliche Haltung wie als politische Tendenz verstanden. (...)

Ein Liberaler mag zugeben, daß es auch links eine "Bedrohung" gibt oder geben kann; einem Liberalen kommt eine Bedrohung von links jedoch rein gefühlsmäßig anders vor als eine Bedrohung von rechts. In liberaler Sicht vertreten manche Angehörige der Linken eindeutig falsche Ansichten und mögen sogar erheblich vom Wege abweichen können, und doch fühlt der Liberale instinktiv, daß ihre "Intentionen" gut sind, daß sie die rechten Ziele verfolgen, und daß man daher die Möglichkeit hat, sich mit ihnen zusammenzusetzen, die Dinge zu besprechen und die Differenzen zu überwinden. (...)

Aber die Extremisten auf der Rechten sind eine andere Brut, meint der Liberale. Mit ihnen kommt man nicht weit mit vernünftigen Methoden und Kompromissen. Nicht nur sind ihre Methoden destruktiv, provokatorisch und feuergefährlich - nein, ihre Ziele sind ganz falsch, und selbst in ihren Ansichten sind viele von rechts offensichtlich bösartig. Leute von rechts sind nämlich derart angefüllt mit reaktionären Vorurteilen und antiintellektuellen Verklemmungen, daß es wirklich sinnlos ist, mit ihnen auf der Basis von Diskussion und Verhandlungen zusammenarbeiten zu wollen.

Während die "liberale Gemeinde des Westens" sich zu "einer soliden und leidenschaftlichen Front gegen die totalitäre Bedrohung durch Faschismus und Nazis" zusammenschloß, hat es aus ihren Reihen gegen die "nicht weniger totalitäre kommunistische Bedrohung" niemals einen vergleichbar kompromißlosen Widerstand gegeben:

Viele Liberale - viele Tausende von ihnen - fanden es mit ihren Prinzipien durchaus vereinbar, daß ihre Namen als Förderer öffentlicher Komitees, Anliegen, Organisationen und Petitionen neben den Namen von Kommunisten oder bekannten kommunistischen Mitläufern erschienen. Die gleichen Liberalen hätten sich, politisch gesprochen, jedoch selbst die Kehlen durchgeschnitten, wenn sie öffentlich mit Faschisten oder mit Faschisten Sympathisierenden auf diese Weise in Verbindung gebracht worden wären, und hätten es abgelehnt, irgendeine Verbindung zwischen sich und den Vertretern der Rechten, die vom Faschismus selbst noch weit entfernt waren, in der Öffentlichkeit herstellen zu lassen. (...)

Burnham zählt als außenpolitische Beispiele die ungleiche Behandlung Francos und Titos, Batistas und Castros durch die Liberalen auf, sowie die Indifferenz und gewollte Blindheit gegenüber kommunistischen Verbrechen:

Links eingestellte Gewerkschaftler und marxistische Politiker, von Franco massakriert, erregen die Aufmerksamkeit des Liberalen nachdrücklicher als Nonnen, Priester und traditionsfreundliche Bauern, die von Francos Widersachern abgeschlachtet wurden. Wie jeder normale Mensch entflammt ein Liberaler in gebührender Indignation bei dem Gedanken an die Todeslager der Nazis: ja, der Liberale belebt seine schreckliche Erinnerung noch Jahre nach dem Verschwinden der Naziherrschaft immer wieder und wieder durch Bücher, Artikel, Filme und Fernsehsendungen.  Der Gedanke aber an Katýn - jene wissenschaftlich akkurate Schlachtung fast des ganzen polnischen Offizierskorps durch die sowjetische Geheimpolizei - wird eingeschläfert und gibt keine Funken mehr.

Burnham stellt fest, daß die "liberale Tendenz, den Feind auf der Rechten zu sehen, nichts Zufälliges oder Temporäres" ist, sondern "im Wesen des Liberalismus" selbst liegt.

So wichtig ist dem Liberalismus sein Feind von rechts, daß er ihn erfinden muß, wenn er nicht existiert. Hier liegt meiner Ansicht nach der Grund dafür, daß Journalisten, Historiker, Filmregisseure, Fernsehproduzenten, Romanciers, Prediger und demagogische Politiker das öffentliche Interesse am Nazismus ununterbrochen halten, und zwar mit einer Überbetonung, die keine historische Berechtigung hat. (...)

Wenn wir den Liberalismus in seiner Existenz begreifen wollen, nicht als einen abstrahierten Komplex von Prinzipien, sondern als eine geschichtliche Tendenz des Menschen, der bestimmte Ideen vertritt, bestimmte Gefühle hat und seine Handlungen nach bestimmten Linien ausrichtet, dann müssen wir erkennen, daß der Feind von rechts integraler Bestandteil der Definition des Liberalismus ist.

Ohne Feind von rechts gibt es keinen Liberalismus.

Bild: James Burnham, Quelle: Wikipedia


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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