Der Hauptfeind des Liberalen

Mitte Juni ist die nächste Staffel der Kaplaken lieferbar, darunter eine Neuauflage des klassischen, unvermindert aktuellen Essays "Gegen die Liberalen" von Armin Mohler aus dem Jahr 1988.  Eine der zentralen, wohl zum Teil von Alain de Benoist ("Die entscheidenden Jahre", 1982) inspirierten Thesen des Aufsatzes ist, daß der Hauptfeind des Rechten nicht der Kommunist (resp. der Linke) sei, sondern der Liberale, denn dieser sei ein "Feind, der bereits innerhalb der Burg agiert und unsere Abwehr so weich macht, daß der äußere Feind eindringen kann."

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Umge­münzt auf die heu­ti­ge Zeit und auf die ver­än­der­te Lage müß­te man wohl sagen, daß nicht der uns bedrän­gen­de Islam oder die Mas­sen­zu­wan­de­rung unser “Haupt­feind” ist, son­dern vor­züg­lich die eige­nen Eli­ten, die sie zulas­sen, schön­re­den, aktiv för­dern und dabei das eige­ne Staats­volk ent­mach­ten und schä­di­gen.  Radi­ka­ler gesagt, ist es das libe­ra­le Den­ken an sich, das sich zum Immun­schwä­che­vi­rus aus­ge­bil­det hat. Hier gibt es natür­lich kaum mehr Unter­schie­de zwi­schen Lin­ken und Libe­ra­len – was die wesent­li­chen Sprüch­lein und Stan­dard­phra­sen betrifft, herrscht eine brei­te rosa-rote Alli­anz, die von der Lin­ken bis zur FDP mit gleich­lau­ten­den Erklä­run­gen von guten, also tole­ranz­in­te­gra­ti­ons­de­mo­kra­ti­schen Absich­ten aufwartet.

So gese­hen gibt es natür­lich auch kaum noch authen­ti­sche Kon­ser­va­ti­ve ohne libe­ra­len Rücken­mark­schwund mehr, und das ist auch in den inner­lich zer­mürb­ten USA der Fall, die man auf Poli­ti­cal­ly Incor­rect immer noch als den gro­ßen star­ken Mann betrach­tet, von dem man sich fle­hent­lich “Befrei­ung” erhofft. Aber dies­mal wer­den die Amis nicht kom­men und die ret­ten­de Atom­bom­be schmei­ßen. Denn inzwi­schen zer­brö­seln die Ver­ei­nig­ten Staa­ten genau­so an demo­gra­phi­schen Trends, mul­ti­ras­si­schen und mul­ti­kul­tu­rel­len Span­nun­gen und hohen, unassi­mi­lier­ba­ren Ein­wan­de­rungs­quo­ten wie die euro­päi­schen Kern­län­der.  Und hier wie dort ist der Libe­ra­lis­mus nicht fähig, die Geis­ter, die er rief, wie­der zu ban­nen, weil er in sei­nen eige­nen Prä­mis­sen gefan­gen ist.

All die­se Ent­wick­lun­gen sind schon vor Jahr­zehn­ten ver­blüf­fend scharf gese­hen wor­den – etwa von James Burn­ham, dem Autor des Klas­si­kers “The Mana­ge­ri­al Revo­lu­ti­on” (1941), in sei­nem 1965 auf deutsch erschie­ne­nen Buch “Begeht der Wes­ten Selbst­mord?” (Sui­ci­de of the West), einer der hell­sich­tigs­ten Abrech­nun­gen mit dem “Syn­drom” des Libe­ra­lis­mus überhaupt.

Die­ses erstaun­li­che Buch wäre einen gan­zen Auf­satz wert, hier sei nur im Anschluß an Moh­lers Feinder­klä­rung aus dem Kapi­tel “Pas d’en­ne­mi à gau­che – Kein Feind von links” zitiert, das Auf­schluß dar­über geben mag, war­um auch heu­te in der Bun­des­re­pu­blik die Extre­mis­mus­de­bat­te zu kras­sen Unguns­ten der poli­ti­schen Rech­ten geführt wird.

Die Regel, die jeder­mann durch exak­tes Quel­len­stu­di­um des libe­ra­len Ver­hal­tens in einem bestimm­ten Zeit­ab­schnitt veri­fi­zie­ren kann, soll­te viel­leicht fol­gen­der­ma­ßen zusam­men­ge­faßt wer­den: Der Haupt­feind steht rechts. Wenn man den Libe­ra­lis­mus als Außen­ste­hen­der betrach­tet, könn­te man viel­leicht exak­ter sagen: der Lieb­lings- und Vor­zugs­feind steht rechts. Die­se Regel ist eine Sache des Gefühls, des Prin­zips, des Ver­hal­tens und der Geschich­te.  Sie ist der Grund­pa­ra­me­ter des Libe­ra­lis­mus und wird eben­so als per­sön­li­che Hal­tung wie als poli­ti­sche Ten­denz verstanden. (…)

Ein Libe­ra­ler mag zuge­ben, daß es auch links eine “Bedro­hung” gibt oder geben kann; einem Libe­ra­len kommt eine Bedro­hung von links jedoch rein gefühls­mä­ßig anders vor als eine Bedro­hung von rechts. In libe­ra­ler Sicht ver­tre­ten man­che Ange­hö­ri­ge der Lin­ken ein­deu­tig fal­sche Ansich­ten und mögen sogar erheb­lich vom Wege abwei­chen kön­nen, und doch fühlt der Libe­ra­le instink­tiv, daß ihre “Inten­tio­nen” gut sind, daß sie die rech­ten Zie­le ver­fol­gen, und daß man daher die Mög­lich­keit hat, sich mit ihnen zusam­men­zu­set­zen, die Din­ge zu bespre­chen und die Dif­fe­ren­zen zu überwinden. (…)

Aber die Extre­mis­ten auf der Rech­ten sind eine ande­re Brut, meint der Libe­ra­le. Mit ihnen kommt man nicht weit mit ver­nünf­ti­gen Metho­den und Kom­pro­mis­sen. Nicht nur sind ihre Metho­den destruk­tiv, pro­vo­ka­to­risch und feu­er­ge­fähr­lich – nein, ihre Zie­le sind ganz falsch, und selbst in ihren Ansich­ten sind vie­le von rechts offen­sicht­lich bös­ar­tig. Leu­te von rechts sind näm­lich der­art ange­füllt mit reak­tio­nä­ren Vor­ur­tei­len und anti­in­tel­lek­tu­el­len Ver­klem­mun­gen, daß es wirk­lich sinn­los ist, mit ihnen auf der Basis von Dis­kus­si­on und Ver­hand­lun­gen zusam­men­ar­bei­ten zu wollen.

Wäh­rend die “libe­ra­le Gemein­de des Wes­tens” sich zu “einer soli­den und lei­den­schaft­li­chen Front gegen die tota­li­tä­re Bedro­hung durch Faschis­mus und Nazis” zusam­men­schloß, hat es aus ihren Rei­hen gegen die “nicht weni­ger tota­li­tä­re kom­mu­nis­ti­sche Bedro­hung” nie­mals einen ver­gleich­bar kom­pro­miß­lo­sen Wider­stand gegeben:

Vie­le Libe­ra­le – vie­le Tau­sen­de von ihnen – fan­den es mit ihren Prin­zi­pi­en durch­aus ver­ein­bar, daß ihre Namen als För­de­rer öffent­li­cher Komi­tees, Anlie­gen, Orga­ni­sa­tio­nen und Peti­tio­nen neben den Namen von Kom­mu­nis­ten oder bekann­ten kom­mu­nis­ti­schen Mit­läu­fern erschie­nen. Die glei­chen Libe­ra­len hät­ten sich, poli­tisch gespro­chen, jedoch selbst die Keh­len durch­ge­schnit­ten, wenn sie öffent­lich mit Faschis­ten oder mit Faschis­ten Sym­pa­thi­sie­ren­den auf die­se Wei­se in Ver­bin­dung gebracht wor­den wären, und hät­ten es abge­lehnt, irgend­ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen sich und den Ver­tre­tern der Rech­ten, die vom Faschis­mus selbst noch weit ent­fernt waren, in der Öffent­lich­keit her­stel­len zu lassen. (…)

Burn­ham zählt als außen­po­li­ti­sche Bei­spie­le die unglei­che Behand­lung Fran­cos und Titos, Batis­tas und Cas­tros durch die Libe­ra­len auf, sowie die Indif­fe­renz und gewoll­te Blind­heit gegen­über kom­mu­nis­ti­schen Verbrechen:

Links ein­ge­stell­te Gewerk­schaft­ler und mar­xis­ti­sche Poli­ti­ker, von Fran­co mas­sa­kriert, erre­gen die Auf­merk­sam­keit des Libe­ra­len nach­drück­li­cher als Non­nen, Pries­ter und tra­di­ti­ons­freund­li­che Bau­ern, die von Fran­cos Wider­sa­chern abge­schlach­tet wur­den. Wie jeder nor­ma­le Mensch ent­flammt ein Libe­ra­ler in gebüh­ren­der Indi­gna­ti­on bei dem Gedan­ken an die Todes­la­ger der Nazis: ja, der Libe­ra­le belebt sei­ne schreck­li­che Erin­ne­rung noch Jah­re nach dem Ver­schwin­den der Nazi­herr­schaft immer wie­der und wie­der durch Bücher, Arti­kel, Fil­me und Fern­seh­sen­dun­gen.  Der Gedan­ke aber an Katýn – jene wis­sen­schaft­lich akku­ra­te Schlach­tung fast des gan­zen pol­ni­schen Offi­ziers­korps durch die sowje­ti­sche Geheim­po­li­zei – wird ein­ge­schlä­fert und gibt kei­ne Fun­ken mehr.

Burn­ham stellt fest, daß die “libe­ra­le Ten­denz, den Feind auf der Rech­ten zu sehen, nichts Zufäl­li­ges oder Tem­po­rä­res” ist, son­dern “im Wesen des Libe­ra­lis­mus” selbst liegt.

So wich­tig ist dem Libe­ra­lis­mus sein Feind von rechts, daß er ihn erfin­den muß, wenn er nicht exis­tiert. Hier liegt mei­ner Ansicht nach der Grund dafür, daß Jour­na­lis­ten, His­to­ri­ker, Film­re­gis­seu­re, Fern­seh­pro­du­zen­ten, Roman­ciers, Pre­di­ger und dem­ago­gi­sche Poli­ti­ker das öffent­li­che Inter­es­se am Nazis­mus unun­ter­bro­chen hal­ten, und zwar mit einer Über­be­to­nung, die kei­ne his­to­ri­sche Berech­ti­gung hat. (…)

Wenn wir den Libe­ra­lis­mus in sei­ner Exis­tenz begrei­fen wol­len, nicht als einen abs­tra­hier­ten Kom­plex von Prin­zi­pi­en, son­dern als eine geschicht­li­che Ten­denz des Men­schen, der bestimm­te Ideen ver­tritt, bestimm­te Gefüh­le hat und sei­ne Hand­lun­gen nach bestimm­ten Lini­en aus­rich­tet, dann müs­sen wir erken­nen, daß der Feind von rechts inte­gra­ler Bestand­teil der Defi­ni­ti­on des Libe­ra­lis­mus ist.

Ohne Feind von rechts gibt es kei­nen Liberalismus.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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