Krisen-Vernebelung

Joint, fiee.visuelle, Henning-Hraban-Ramm, pixelio.devon Claus Wolfschlag

Die heraufziehende Wirtschaftskrise, die auch eine Systemkrise werden wird, bringt Bewegung in die politische Szenerie. Leute im eigenen Bekanntenkreis, denen bis vor kurzem keine noch so gewichtig vorgetragene Warnung das Wässerchen ihrer Gewißheit vom ewigen Wohlstand und sicheren Fortbestand unserer Gesellschaftsform, vom „unumkehrbaren“ Prozeß der EU-Einigung trüben konnte, fangen auf einmal an, nachdenklich zu werden.

 Gastbeitrag

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Von dro­hen­den Auf­stän­den und Bür­ger­krieg ist auf ein­mal die Rede, und daß alles noch so unheim­lich ruhig sei hier und erst recht in Grie­chen­land. Ein ande­res Zei­chen für die begin­nen­de Unru­he sind die hek­ti­schen Reform­ver­su­che und wirr wir­ken­den Ideen aus dem Bereich der alten Nomen­kla­tu­ra, mit denen man die über­kom­me­nen Zustän­de zu ret­ten versucht.

In den Nie­der­lan­den sind nun Ver­tre­ter der links­li­be­ra­len Füh­rungs­eli­ten mit dem Vor­schlag vor­ge­prescht, sämt­li­che Dro­gen zu lega­li­sie­ren, also nicht nur Can­na­bis, son­dern auch den Ver­kauf von Koka­in und Hero­in zu erlau­ben. Dies ist eine ohne­hin alte Posi­ti­on in der kon­tro­ver­sen Dis­kus­si­on vom Umgang mit den har­ten Dro­gen. So ver­tre­ten Links­li­be­ra­le eher die Auf­fas­sung, die­se Dro­gen zu lega­li­sie­ren, um dadurch der Mafia den Boden zu ent­zie­hen, zugleich sau­be­ren Stoff unter die Kon­su­men­ten zu brin­gen, der weni­ger Krank­heits­ri­si­ken birgt, und durch eine den Her­stel­lungs­kos­ten ange­mes­se­ne Preis­po­li­tik die Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät und sozia­le Ver­elen­dung Süch­ti­ger zu verhindern.

Kon­ser­va­ti­ve hin­ge­gen befürch­ten ten­den­zi­ell mit einer Lega­li­sie­rung ein Anwach­sen der Sucht nach har­ten Dro­gen, gera­de unter Jugend­li­chen, die nun weit­aus leich­ter ange­fixt wer­den, also den Weg in den Ein­stieg fin­den kön­nen – mit allen Fol­gen auch für das Sozi­al­ge­fü­ge und die Wirt­schafts­leis­tung des Lan­des. Von der see­li­schen Ver­fas­sung der Men­schen ganz abgesehen.

In den Nie­der­lan­den hat der Vor­stoß aller­dings einen aktu­el­len Auf­hän­ger. Die Links­li­be­ra­len erklä­ren, daß sie sich von einer Lega­li­sie­rung mit ein­her­ge­hen­der Besteue­rung der Dro­gen ein sat­tes Mehr an staat­li­chen Ein­nah­men ver­spre­chen. Statt 15 Mil­li­ar­den Euro jähr­lich durch die Schä­den der Beschaf­fungs­kri­mi­na­li­tät und die auf­wen­di­ge Dro­gen­fahn­dung zu ver­lie­ren, wür­de der Staat nun ein finan­zi­el­les Plus aus dem Kon­sum von Koka­in und Hero­in ziehen.

Das ist natür­lich eine mora­lisch heik­le Posi­ti­on. Der Staat ver­dient an der Sucht sei­ner Bür­ger. Doch steht die­se nicht in der Tra­di­ti­on staat­li­cher Dop­pel­mo­ral, auch hier­zu­lan­de? Einer­seits ver­bie­tet der Staat das Rau­chen inner­halb von Gast­stät­ten­räum­lich­kei­ten (ein Ver­bot, das zumin­dest für klei­ne­re Eck­bars, die exis­ten­ti­ell bedroht waren, wie­der gelo­ckert wur­de), ande­rer­seits fährt er sat­te Gewin­ne aus der Tabak­steu­er ein. Ähn­li­ches gilt für die Steu­er auf alko­ho­li­sche Geträn­ke, wäh­rend es im Gegen­zug immer mal wie­der poli­ti­sche Vor­stö­ße gibt, deren Wer­bung weit­ge­hend zu ver­bie­ten. Man könn­te auch die Mine­ral­öl­steu­er anfüh­ren, die kei­nes­falls vor­ran­gig für öko­lo­gi­sche Aus­gleichs­pro­jek­te ver­wen­det wird.

Fazit: Der Staat ver­dient kräf­tig mit an den Sün­den, die von der Poli­tik offi­zi­ell und oft so ger­ne – und manch­mal aus­ge­spro­chen pene­trant – ange­mahnt wer­den. Inso­fern wäre eine – natür­lich “kri­tisch” und „auf­klä­re­risch“ beglei­te­te – Dro­gen­frei­ga­be bei gleich­zei­ti­ger Besteue­rung eine logi­sche Konsequenz.

Doch der nie­der­län­di­sche Vor­stoß könn­te noch einen drit­ten Grund neben der Suche nach Finanz­quel­len und der Hoff­nung auf Ver­wirk­li­chung alter links­li­be­ra­ler Posi­tio­nen haben. Dro­gen len­ken ab. Sie beein­träch­ti­gen das Den­ken, das kla­re Erken­nen der Wirk­lich­keit und das Reagie­ren dar­auf. Wer im Hero­in­rausch den Abend auf der Couch ver­gam­melt, stellt kei­ne unbe­que­men Fra­gen mehr, er sorgt sich nicht um sei­ne Zukunft, er ent­wi­ckelt kei­ne poli­ti­sche Akti­vi­tät, die den herr­schen­den Eli­ten bedroh­lich wer­den könn­te. Ein Schuß nur, und die Ver­hält­nis­se bekom­men eine rosa­ro­te Far­be. Was kann den Links­li­be­ra­len lie­ber sein? Schließ­lich mühen sich ihre Ver­tre­ter in den Inter­views und Talk­shows der TV-Kanä­le fast täg­lich damit ab, gera­de die­sen Ein­druck bei den glot­zen­den Zuschau­ern zu hin­ter­las­sen: “Es wird schon, lehnt Euch zurück, Schmet­ter­lin­ge wer­den Eure Nasen­spit­zen kit­zeln, wenn der nächs­te Auf­schwung kommt…” Doch die Dro­ge Fern­se­hen könn­te lang­sam ihre Wir­kung ver­lie­ren. War­um dann nicht här­te­re Ban­da­gen zulassen?

Das erin­nert ein wenig an ein Motiv in Joss Whe­dons Sci­ence-Fic­tion-Action-Film “Sere­ni­ty – Flucht in neue Wel­ten” (2005). Eine Regie­rung hat dar­in an der Bevöl­ke­rung eine dro­gen­ähn­li­che Sub­stanz namens Pax (lat. Frie­de) getes­tet, mit der die Pla­ne­ten­be­woh­ner beru­higt und sozia­le Aggres­sio­nen unter­drückt wer­den soll­ten. Bei den meis­ten Leu­ten funk­tier­te das Expe­ri­ment offen­bar. Sie hör­ten mit allen Akti­vi­tä­ten des täg­li­chen Lebens auf, ver­ga­ßen sogar die Nah­rungs­auf­nah­me, und ver­hun­ger­ten ein­fach. Bei einer Min­der­heit aller­dings führ­te das Gan­ze zum Gegen­teil. Sie wur­den so etwas wie U‑Bahn-Mes­ser­ste­cher im Dauerrausch.

Der Rausch, die Ver­ne­be­lung trifft auch auf ein weit ver­brei­te­tes Bedürf­nis in unse­rer hie­si­gen Bevöl­ke­rung. Die Ablen­kung, die Ver­drän­gung scheint seit jeher ein all­ge­mein­gül­ti­ges Ver­hal­tens­mus­ter. Das Absa­cken beim Fei­er­abend­bier auf der Couch, die Fuß­ball­über­tra­gun­gen und Fern­seh­se­ri­en, die ewig glei­chen täg­li­chen Spa­zier­gän­ge mit dem Hund, dem wir Für­sor­ge ent­ge­gen­brin­gen wol­len und mit dem wir Lie­be simu­lie­ren, die unend­li­che Musik­ku­lis­se in den Beklei­dungs­lä­den, die “Promi”-Geschwätzigkeit in den Bou­le­vard­me­di­en, das Han­dy-Dis­play, der zur Rou­ti­ne gewor­de­ne Small­talk mit den immer glei­chen Denk­scha­blo­nen. All die­se unbe­wußt voll­zo­ge­nen Hand­lun­gen kön­nen doch so her­vor­ra­gend der Ablen­kung von uns die­nen, unse­ren See­len, unse­ren Lebens­um­stän­den. Nur nicht nach­den­ken, nur nicht wei­ter­ent­wi­ckeln, scheint die Devi­se. Und all dies dient dadurch auch den­je­ni­gen, die dar­an ver­die­nen. Die har­ten Dro­gen wären dem­nach nur noch die Spit­ze des Eis­bergs jener rie­si­gen abstump­fen­den Enter­tain­ment­be­schal­lung, die in unse­re Leben hin­ein­wirkt und der wir uns auch gar nicht voll­ends ent­zie­hen kön­nen oder wollen.

Foto: fiee.visuelle, Hen­ning-Hraban-Ramm, pixelio.de

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