Sezession
26. Mai 2010

Selbstmarketing und Kartoffelkrieg

Martin Lichtmesz / 14 Kommentare

Wenn ich etwas an "Endstation Rechts" bewundere, dann vor allem deren cleveres Marketing. Anderseits kann man immer mit Publicity rechnen, wenn man ins richtige Horn stößt, seien die Einfälle noch so lahm. Mit den Kalauern und Antifasprüchlein des satirischen Modelabels "Storch Heinar" haben es die Macher jedenfalls schon Ende 2008 auf Spiegel Online geschafft. Zuletzt gab es im Dezember 2009 Schützenhilfe, als der originale "Thor Steinar" gegen die Parodisten klagte. Nun hat auch noch die taz darüber berichtet.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zwar ist die ganze "Storch Heinar"-Linie eher niedlich als lustig oder bissig ("Benito Storcholini", hihi) und ihre Zielscheiben sind mehr als wohlfeil, aber zweifellos finden sich im Umkreis der ER-Leserschaft genug schlichte und kindliche Gemüter, die das Zeug nicht nur kaufen, sondern auch noch anziehen, sich dabei ungeheuer geistreich vorkommen und dem Projekt damit ein paar Kröten abwerfen.

Als müßte man es noch extra dazusagen (man muß wohl), wird ER-Spiritus rector Mathias Brodkorb mit dem quasi entschuldigenden Satz zitiert, Storch Heinar bliebe "intellektuell weit hinter dem zurück, was wir sonst tun".  Daran anschließend geht der Artikel dazu über, Brodkorb Raum für sein nicht minder cleveres Selbstmarketing und -branding zu geben. Da läßt zunächst ein Sound aufhorchen, dessen Abwesenheit ER bisher von anderen Seiten ähnlicher Machart abhob und auch Konservative neugierig gemacht hat:

Sein Engagement hat sich auf die Aufklärung über die Neue Rechte verlagert, hier sieht er eine "Riesenbildungslücke" und eine Gefahr: "Wir sind alle auf Neonazis fixiert und sehen oft nicht, daß es subtilere Möglichkeiten gibt, rechtsextrem und menschenverachtend zu sein." Viele Stunden widmet er der Lektüre neuer Publikationen und der Jungen Freiheit.

Da klingt wieder das alte Lied von den "subtil getarnten Rechtsextremen" an,  gegen das sich JF und sonstige neuen, alten und ex-neuen Rechten seit eh und je wehren, und das nicht zuletzt Brodkorb selbst als einer der wenigen in seinem Lager für sein Publikum zurechtzurücken suchte.  Nun ist die "Neue Rechte" offenbar also doch wieder ganz brandgefährlich und "menschenverachtend", wie das abgedroschene Klingel- und Nonsenswörtchen so geht.

Und was treibt man abgesehen vom Storch sonst noch intellektuell Hochwertiges auf ER? Tatsache ist, daß der Inhalt nun schon seit geraumer Zeit zu über den Daumen gepeilt 90 Prozent aus jenem stinknormalen, ebenso unreflektierten wie merkwürdig akribischen NPD-Watching und -Bashing besteht, das man zur Genüge von zig anderen Seiten kennt.  Wer dementsprechende Neigungen verspürt und sonst nichts besseres zu tun hat, kann sich dort täglich mit neuen spannenden Kapiteln der NPD-Endlos-Soap-Opera aus der Durchschnittsfeder von Oliver Cruzcampo, Robert Scholz oder Hanka Kliese versorgen, während Brodkorb selbst nur mehr selten in Erscheinung tritt, und wenn, sich dann auch gerne in dem nämlichen öden Genre betätigt.

Nicht, daß ich die Berichterstattung über die "Neue Rechte" und was dafür gehalten wird, auf ER vermissen würde - im Gegenteil sähe ich die Rubrik lieber überhaupt gestrichen, nicht nur, weil sie dort nicht hingehört, sondern weil Seiten dieser Art ohnehin überflüssig sind und nach weltanschaulicher Überwachung schmecken. Aber die taz hebt diesen Aspekt der "Neue Rechte"-Aufklärung nun einmal prominent hervor, was viel über das Image der Seite aussagt.

Als nächstes folgt der Kern der inzwischen schon recht verbreiteten Brodkorb-Legende:

Brodkorb kämpft mit Argumenten, erkenntnistheoretischen, anthropologischen, und plädiert für eine Menschenrechtspädagogik an den Schulen.

Im Gegenteil wird nämlich auf ER so gut wie überhaupt nicht mit "Argumenten gekämpft". In erster Linie wird sachlich dokumentiert (was in diesen Kreisen schon als große Leistung, mitunter als Provokation gilt), verdaulich zusammengefaßt und zitiert, hin und wieder kritisch oder ironisch kommentiert, aber eine tatsächliche, ernsthafte Auseinandersetzung mit den Begriffen und Positionen der Neuen Rechten (und nebenbei auch der NPD), wie die taz suggeriert, findet nicht statt.

Hier werden stattdessen reine Kartoffelkriege geführt, die den Gegner taktisch umschleichen, sich aber nicht auf das offene Schlachtfeld wagen.  Denn dort könnte es wahrhaft ungemütlich werden. Eine politische Diskussion muß auf politischer Ebene geführt werden und nicht auf erkenntnistheoretischer. Das gleiche gilt für die historische Ebene. Und was die Anthropologie betrifft, so hat die Rechte ja gerade hier die gewichtigsten Argumente auf ihrer Seite, auch wenn die Fama der populären Irrtümer das anders wissen will.

Das ist natürlich keine Eigenart von ER: Der Kartoffelkrieg ist das Grundprinzip, der "modus operandi" der Schwafelzone. Das entspringt folgerichtig der (in Richard Wagners Worten) "Leitkultur der Tabuisierung", in der wir leben.

Brodkorb und ER haben sich der Rechten allenfalls auf einer verkehrspolizeilichen Ebene gestellt: als selbsternannte Durchwinker, als differenzierungsfreudige Käferbestimmer und als Korrektur zu den blindlings drauflosschlagenden, intellektuell überforderten Übereifrigen, die die Kampf-gegen-Rechts-Szene dominieren.

Dem entspricht, daß die politische Position, von der aus auf ER argumentiert und kommentiert wird, insbesondere von Brodkorb selbst, unklar bleibt. Welchen Demos etwa vertritt ein demokratischer Politiker? Wofür und für wen übernimmt er Verantwortung, wen repräsentiert er? Es gibt offenbar auch so etwas wie eine linke "Mimikry". Damit ist die argumentative Auseinandersetzung schon von Anfang an behindert, wenn nicht verunmöglicht. Denn um was genau streitet man sich eigentlich?

Diese Diffusität des Standorts zieht sich freilich überhaupt quer durch die deutsche Linke, was auch deren übermäßige Fixierung auf "Nazis" und die NPD, den "Kampf gegen Rechts" und das Vorantreiben und Köcheln der Vergangenheitsbewältigung erklärt.

Daß es am Ende ja doch weniger um den argumentativen Kampf und die Dinge selbst geht, sondern um die Behauptung der Selbstevidenz einer spezifischen Ideologie, verrät die von der taz überlieferte Begründung Brodkorbs, warum "Menschenrechtspädagogik an den Schulen" gelehrt werden sollte:

"Ansonsten haben wir keine überzeugten Demokraten, sondern konditionierte Menschen."

Als true believer ist Brodkorb die köstliche Ironie dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht bewußt.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (14)

Platon
26. Mai 2010 08:27

Schade, dass Brodkorb nun auf einmal versucht, die Neue Rechte in die die "böse" Ecke zu stellen.

Jason Bourne
26. Mai 2010 09:41

Hier kann man nur mit maximaler Wachsamkeit die Gesetze zum Schutz vor Extremismus (Volksverhetzung § 130 Abs. 2 StGB) für sich selbst nutzen.
Diese Gesetze sind scharf formuliert - und das ist mal wirklich gut so.
Denn damit muss ich eben auch das Recht haben, mich selbst vor dessen Missbrauch zu schützen! Denn wer mich in dieser Form angreift, muss, wenn er den zu Grunde liegenden Tatbestand nicht eindeutig beweisen kann, mit einer Strafanzeige wegen Verleumdung (§ 187 StGB, Freiheitsstrafe bis zu 1 Jahr) rechnen.
Hier sehe ich für die "Neue Rechte" erheblichen Nachholbedarf, die demokratische Gesinnung zu zeigen und die Redefreiheit zu verteidigen. Wer mit fest hinter der Verfassung steht, hat einen Anspruch, diese zur eigenen Freiheit zu nutzen.

Meist reicht die Gewährung der Aussicht auf die Anzeige aus.

Rudi Ratlos
26. Mai 2010 10:09

@ Platon

"auf einmal"?

Auf einer "gegen Nazis"-Seite sich ständig an der Neuen Rechten abzuarbeiten, ist ja wohl nichts anderes. Seine gönnerhafte "Differenzierung" ist doch nur ein verführerisches Angebot für Naturen, die endlich geliebt werden wollen. Böse sind wir trotzdem.

Toni Roidl
26. Mai 2010 11:08

Warum macht Ihr hier eigentlich Reklame für diesen Quatsch? Schon der Titel! »Endstation rechts« - was ein Schwachsinn!
Das einzig Interessante ist die Vermarktungsidee: Warum gibt es noch kein SiN-Merchandising? Wo bleiben die T-Shirts (ach so, wir »Rechte« sagen ja Tee-Hemden ;-), Aufkleber, etc.? Euer Poster ist ja gut und schön, aber das kann man ja nur drinnen zeigen. Also her mit der K&K-Kollektion!

Platon
26. Mai 2010 11:20

@ Rudi Ratlos

Wahrscheinlich hast Du recht.

Sebastian
26. Mai 2010 13:28

@ Toni
Stimmt, im Moment ist man da noch auf die eigene Kreativität angewiesen. Aber via "Spreadshirt" und Co. ist da einiges möglich. Mein dezent schlamm-grünes Shirt mit dem kleinen "Etiam si omnes..."-Aufdruck auf der rechten Brust gefällt übrigens nicht nur mir gut! Wenn K&K vorhaben (unter kreativer Leitung von Lichtmesz und Wolfschlag) so etwas aufzuziehen: Ein eigener Spreadshirt-Laden ist, wie durch "RCQT" bekannt, rasch und m.W. kostenlos eingerichtet.

Nils Wegner
26. Mai 2010 13:32

Da kann ich mich Toni nur anschließen. Seit der Einführung des "Rechts aufwärts"-Logos träume ich schon von Aufnähern, Hemden und animierten .gif-Avataren für Internetforen... :)

d.n.
26. Mai 2010 13:58

Diese Diffusität des Standorts zieht sich freilich überhaupt quer durch die deutsche Linke, was auch deren übermäßige Fixierung auf „Nazis“ und die NPD, den „Kampf gegen Rechts“ und das Vorantreiben und Köcheln der Vergangenheitsbewältigung erklärt.

Das ist der springende Punkt. Die Linke versucht, ihr Schweigen zu zentralen politischen und gesellschaftlichen Fragen durch das Hervorheben mitunter recht drastischer Antworten der Rechten zu übertünchen. Ein Beispiel und ein gutes Lehrstück zugleich ist etwa das folgende Radiointerview mit Holger Apfel anläßlich der sächsischen Landtagswahl im vorigen Jahr:

https://www.youtube.com/watch?v=XdJ4wmEnOXQ&feature=player_embedded

Bei ca. 3:20 wird es interessant: Die Radiomoderatorin fragt Apfel, wie viele Ausländer in Deutschland leben sollten und wer nach seiner Vorstellung Deutscher ist. Berechtigte Fragen, die Antworten bleiben unbefriedigend. Ob diese Fragen überhaupt befriedigend zu beantworten sind, sein dahingestellt: Jedenfalls sind dies Fragen, mit denen die Linke kaum konfrontiert wird. Oder wann hat ein Medienvertreter das letzte Mal die Laschets, Pofallas und Edathys gefragt, wer Deutscher ist – jeder Türke und Neger mit deutschem Paß? Oder die Einwanderungspolitik an konkreten Zahlen festmachen wollen (wie etwa Friedmann im Rahmen der Sarrazin-Debatte Erik Lehnert nach seinen Wunschvorstellungen vom Ausländeranteil in deutschen Schulklassen gefragt hat…). Was genau ist die linke Wunschvorstellung dieses multikulturellen Experiments? – Verhältnisse von 50 zu 50 zu schaffen? Die Linke weiß, daß ihre Antworten auf solche Fragen gänzlich unbefriedigend wären und das Volk mehr vergraulen würden als die schrillsten Töne der Rechten.

Martin
26. Mai 2010 14:33

... eigentlich irgendwie Kindergarten, oder?

Die richtige Klamottenmarke ist wichtiger, als echtes politsches Standing ...

... und Brodkorb macht sich wichtig, in dem er einfach nur was-auch immer-rechtes kommentiert - nicht beachten, wäre hier die Devise ...

Mit Kochs Abgang steht der rechte Flügel der CDU ungedeckt und weit offen ... wo ist die Partei, die daraus was machen könnte, ist doch wichtiger, als Klamotten ...

PS:
Wer unbedingt sich einkleiden will, der kann ja zu Moskau Lotte

https://www.moskaulotte.de/

greifen oder hier

https://www.rcqt.de/Laden/

mal reinschauen ...

Timotheus
26. Mai 2010 16:08

Ach... Ich hab überhaupt keine Lust mich mit ER oder sonst irgendwelchen NPD-Fanseiten auseinanderzusetzen. Verstehe auch nicht, wieso man derlei überhaupt unternehmen sollte. Was bringt das?

netzwerkrecherche
26. Mai 2010 17:41

@Toni Roidl
Schritt in die Masse oder Schritt aus der Masse? Mit Postern und Stickern und Ikonen schafft man Quantität und befriedigt den Konsumidioten im Menschen. Diese Bedürfnisse können andere wahrlich besser stillen.

Im Übrigen gilt auch für das, was hier als "Linke" selektiert wird und sich so auch selbst kategorisiert: Daß der gemeinsame Feind definiert werden muß, um das eigene Kampfkollektiv zusammenschweißen und zum Endsieg führen zu können.

Kleber
26. Mai 2010 23:03

Aufkleber wären voll supi. Motive von rcgt mit Hinweis auf die SiN. Wäre ne neue Einnahmequelle und Werbung. Zusätzlich sorgt man für einen einigermaßen geregelten Tagesablauf von diversen "gegen rechts"-Kämpfern, wenn Sie versuchen die Aufkleber zu finden und abzumachen.

Toni Roidl
27. Mai 2010 09:41

»Zusätzlich sorgt man für einen einigermaßen geregelten Tagesablauf von diversen „gegen rechts“-Kämpfern, wenn Sie versuchen die Aufkleber zu finden und abzumachen.«

Haha! Das stimmt! Vielleicht werden sogar Vollzeitstellen dafür geschaffen. Also kurbeln wir mal den Arbeitsmarkt an... ;-)

Flex
27. Mai 2010 12:03

Was ist denn hier los?!
Wo sind die lesenswerten Kommentare, wie sie hier vor kurzer Zeit noch zu finden waren?

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