Sezession
1. Dezember 2008

Ein Vorspiel nur: der Zürcher Literaturstreit 1966

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 27/Dezember 2008

sez_nr_275von Günter Scholdt

Zu den bemerkenswertesten Kulturphänomenen gehört, daß das künstlerische Ringen um das Schöne sein Gegenteil nicht ausschließt, sondern im Sinne einer Ästhetik des Häßlichen vor allem in der Moderne auf zahlreiche Podeste hob. Dies geschah nach etlichen Kontroversen, in denen es um die Abwendung vom vorbildlichen Helden oder literaturpädagogischen Ideal zugunsten der unbeschränkten Berechtigung des Autors ging, sich intensivst mit menschlichen Abgründen oder gesellschaftlichen Abfallgruben zu beschäftigen. Gegner solcher Gestaltungsfreiheit warnten davor, alles erdenklich Negative zu Papier und auf die Bühne zu bringen. Doch ihr Erfolg war, je mehr wir uns der Gegenwart nähern, eher gering, wie die heutige Literatur- oder gar Filmpraxis zumindest in den westlichen Ländern nachdrücklich beweist.

Den vielleicht letzten nennenswerten Versuch, die Uhr zurückzustellen, unternahm Emil Staiger in seiner Philippika vom 17. Dezember 1966, die den (zweiten) „Zürcher Literaturstreit" entfachte. Das Tondokument seiner Ausführungen ist kürzlich wieder aufgetaucht und von der Frankfurter Allgemeinen (11. Juni 2008) als eine der „berüchtigtsten Reden der Literaturgeschichte" bezeichnet worden: Anlaß genug, sich noch einmal rückblickend damit zu beschäftigen, zumal die daraus erwachsende Kontroverse zu den paradigmatischen (verlorenen) Schlachten des Konservativismus zählt.
Staiger, eine Art Großordinarius der damaligen Germanistik, stieß mit seiner Rede „Literatur und Öffentlichkeit" sofort auf flammenden Widerspruch, der sich in Dutzenden von Zeitungsartikeln, Autoren-Statements oder wissenschaftlichen Aufsätzen kundtat, die ganze Dokumentations- oder Kommentarbände füllen. Was seinerzeit so vieler Aufregung wert schien, läßt sich im Kern in wenigen Thesen fassen, wobei ich eine periphere Auslassung zur „engagierten Literatur" übergehe:
1. Schriftsteller haben eine sittliche Verantwortung. Nur wenn sie diese wahrnehmen, schaffen sie ästhetische Werte, nicht allein durch bloße Originalität oder Interessantheit. Als ethische Grundbegriffe gelten, um mit Schiller zu sprechen, „Gerechtigkeit, Wahrheit, Maß".
2. Der Autor darf auch das Böse zeigen, doch nicht um seiner selbst willen oder aus geheimer Sympathie, sondern als Teil einer erzieherischen Aufgabe „im Namen des Menschengeschlechts".
3. Einem Großteil moderner Dichter fehlt diese Rechtfertigung. Sie bedienen bloß eine Konjunktur blasierter Nihilisten. Wer wirklich im harten Schicksalskampf stehe, könne sich solche Stimmungen nicht leisten, sondern verlange eher nach einem seelisch kräftigen Spruch oder Kirchenlied.
4. Die Leser sollten sich von der Aura der Kunst und den vermeintlichen ästhetischen Gegebenheiten der Moderne nicht einschüchtern lassen und aus einer großen literarischen Tradition Hoffnung auf künftige Besserung schöpfen.


 Gastbeitrag

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