Sezession
1. Juni 2010

Sex 68

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

von Werner Olles

Als der Augsburger Bischof Walter Mixa es wagte, in der Debatte um die in jüngster Zeit zutage getretenen Mißbrauchsfälle in kirchlichen und weltlichen Bildungseinrichtungen auf die sexuelle Revolution von 1968 ff. als möglichen Auslöser hinzuweisen, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch das Land.

Die heuchlerische Empörung über des Bischofs Ansinnen wurde jedoch beileibe nicht nur von einschlägig linken und/oder grünen Kreisen getragen, auch durchaus liberale und bürgerliche Medien stießen ins gleiche Horn. »68« mitsamt seinen Folgen ist inzwischen bis weit hinein ins bürgerliche Lager sakrosankt, an den »Errungenschaften« der »kleinen Kulturrevolution« darf nicht gerüttelt werden, habe sie doch unsere Gesellschaft »gründlich zivilisiert« (Antje Vollmer). Die gleiche Antje Vollmer war, wie sich jetzt herausstellte, bereits 2002 über die zahlreichen Mißbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule informiert, ohne irgend etwas zu unternehmen. Sie ist noch im Amt, Bischof Mixa ist zurückgetreten.

Gerade Vollmers Haltung macht das Gespenstische an der Debatte aus, die im Grunde von Anfang an eine gesteuerte Kampagne gegen die römisch-katholische Kirche und ihre – zumindest bis zum Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils – auf unverrückbaren moraltheologischen Fundamenten stehende christliche Sexuallehre war. Fast fürchtet man, die Haßtiraden, die der Kirche aus unseren Qualitätsmedien entgegenschlagen, könnten umschlagen in ein ebenso primitives Pogrom. Um so wichtiger ist es, die hehren Ansprüche der prominenten Protagonisten der 68er-Kulturrevolution genauer zu untersuchen und sie mit dem von ihnen produzierten geistigen Unrat zu konfrontieren. Letztlich entpuppt sich die Vollmersche »gründliche Zivilisierung« als großmäuliges Geschwätz und löst sich schließlich vollends in Luft auf.

Man muß dazu nicht einmal die sexuellen Eskapaden des ehemaligen SDSlers und heutigen grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit aus seiner Zeit als Kindergärtner im Kinderladen der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität bemühen, die dieser seinerzeit in seinem Buch Der große Basar so unappetitlich wie genüßlich ausbreitete. Sie sind inzwischen wohlbekannt, ohne dabei jedoch gleichzeitig für Konsequenzen irgendwelcher Art gesorgt zu haben. Auch die infamen Äußerungen seines Parteigenossen Volker Beck Mitte der 1980er Jahre zum Sexualstrafrecht im allgemeinen und zur Sexualität im Umgang mit Kindern im besonderen erregten bis heute kaum Aufsehen. Tatsächlich sind all diese und andere tiefgreifende Veränderungen in der Bewertung sexuellen Verhaltens geprägt von der mythenzerstörenden Aufklärung und der Fortschrittsgläubigkeit der Moderne, die Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung zum Inbegriff der gesamten Zivilisationsgeschichte ernannten. Das Dilemma der 68er war allerdings, daß sie weder die »Dialektik« als »konstitutive Affirmität der Vernunft zur Barbarei« (Frank Böckelmann) verstanden, noch daß sie geistig in der Lage waren, ihren Anteil am letzten Modernisierungsschub und ihre Rolle als nützliche Idioten einer Fundamentalliberalisierung der Gesellschaft zu erkennen. Das ist tragisch, aber nicht zu ändern.


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