Sezession
1. Februar 2009

Juden und NS II

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 28 / Februar 2009

von Karlheinz Weißmann

Der Vorwurf des »Relativismus « wiegt schwer. Er wurde mehr als einmal gegen Stefan Scheil erhoben. Sieht man von den politischen (oder strafrechtlichen) Implikationen ab, geht es vor allem um ein grundsätzliches methodisches Problem: Kann man historische Ereignisse verstehen und beurteilen, ohne diese in »Relationen« zu bringen, das heißt ohne sie in Verbindung zu setzen mit anderen historischen Ereignissen? Die Notwendigkeit eines solchen Relativismus wird eigentlich nur in bezug auf die NSZeit ernsthaft in Frage gestellt. Das gilt auch und gerade für die Analyse der antisemitischen Maßnahmen des NS-Regimes und die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs.Zwar hat auch Scheil keinen Zweifel an der prinzipiellen Kriegsbereitschaft Hitlers, weist allerdings darauf hin, daß die anderen europäischen Staaten und die USA nicht paralysiert auf Berlin starrten, sondern zwischen 1933 und 1939 Gelegenheit hatten, ihre eigenen Konzepte zu entwickeln und deren Verwirklichung vorzubereiten.
Die Brisanz der Analyse Scheils liegt darin, daß er angesichts des Pluralismus in den Politischen Klassen moderner Staaten nicht nur die offizielle Regierungspolitik in den Blick nimmt, sondern auch die Bestrebungen der informellen Gruppen. So stehen einander gegenüber: die deutsche Reichsregierung, die sich nach Scheil im Frühjahr 1939 erst einmal als »saturiert« betrachtete, und Warschau, das im Vertrauen auf die britische »Blankovollmacht « einem Krieg mit Deutschland hoffnungsvoll entgegensah. Entscheidende Verantwortung für die »Blankovollmacht « hatte wiederum die Focus-Gruppe, die den Appeasement-Kurs Chamberlains ablehnte und die wichtigsten Köpfe der liberalen, linken und jüdischen Befürworter einer antideutschen Politik in London vereinte.
Der Focus war auf einen Konfrontationskurs aus, der sich auch durch den Antisemitismus des NS-Staates gerechtfertigt sah, während man in Berlin auch deshalb zu immer schärferen antijüdischen Maßnahmen schritt, weil der Haß gegen jüdische »Drahtzieher« damit so etwas wie einen rationalen Kern besaß: Jedenfalls trug dieser Nebenkonflikt zur Verschärfung des Hauptkonfliktes und damit zur Entstehung der Lage im Sommer 1939 bei, in der sich sowohl Sowjetunion als auch USA als die Umworbenen sahen, die angesichts des Zusammenpralls in der Mitte Europas erst einmal abwarteten, um schließlich als wahre Sieger aus dem Krieg hervorzugehen.

(Stefan Scheil: Churchill, Hitler und der Antisemitismus, Berlin: Duncker & Humblot 2008. 335 S., 28.00 €)


 Gastbeitrag

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