Schmitts und Sanders dramatische Diskurse

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

von Harald Harzheim

Seine Texte seien Inszenierungen, erklärte Heiner Müller die eigene Faszination für Carl Schmitt. Wie der Rechtsgelehrte sein Material nach selbstgesetzten Kategorien sortiert, diese in Spannung zueinander setzt, mit dem Ausnahmezustand Maß nimmt – ein zutiefst theatralisches Verständnis der Welt. Ebenso agiert Hans-Dietrich Sander, der als Hospitant bei Bertolt Brecht begann, später in die Dramaturgie, dann zur Publizistik wechselte: Sein theoretisches OEuvre zeigt nicht bloß zahlreiche Verbindungen zur Bühnenliteratur auf, sondern darüber hinaus auch dramaturgische Färbung.

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Zwei »poli­ti­sche Dra­ma­ti­ker« im Brief­wech­sel, das ver­spricht Explo­si­ves. Ein Ver­dacht, den die Abbil­dung einer Post­kar­te Schmitts an San­der zu bestä­ti­gen scheint. Deren Motiv: Wer­ner Heldts Zeich­nung von Kleists Selbst­mord am Wann­see. Lie­gend die bereits erschos­se­ne Hen­ri­et­te Vogel, der Dra­ma­ti­ker neben ihr, den Revol­ver zum zwei­ten Schuß anhe­bend. 1967 berich­te­te San­der über sei­nen Vor­trag »Deka­denz der Revol­te« an der Uni­ver­si­tät Würz­burg. Alles ver­lief ruhig, bis der Satz fiel: »Wir leben heu­te in einer illoya­len Gesell­schaft, in der jeder jeden abschie­ßen kann«, wor­auf Kurt Lenk aus dem Publi­kum erregt ein­hak­te. Auch Schmitt biß augen­blick­lich an, rief im Ant­wort­schrei­ben aus: »Ihre auf­se­hen­er­re­gen­de For­mu­lie­rung (›jeder kann jeden abschie­ßen‹) ist 100 Pro­zent Tho­mas Hob­bes: jeder kann jeden töten; inso­fern sind wir alle gleich (-bedroht) und herrscht (ge-Lenk­te) Demokratie«.
Mag der Schuß, der töd­li­che Augen­blick eine wir­kungs­vol­le Meta­pher sein: Das rea­le Ster­ben läuft meist lang- und müh­sam. Carl Schmitt the­ma­ti­sier­te es regel­mä­ßig als das eige­ne »Ver­lö­schen«. Da gibt es kei­nen letz­ten Knall, sein Tod läßt sich Zeit. Zuneh­men­de Müdig­keit, nach­las­sen­de Seh­kraft, Ver­lust der Kör­per­kon­trol­le unter »die­sem Regime einer indus­tri­ell-phar­ma­zeu­tisch gesteu­er­ten Heil­kun­de« und der­lei mehr.
Der­art exis­ten­ti­ell ist der Brief­wech­sel aller­dings nur sel­ten. San­der mel­det sich im Mai 1967 erst­mals bei Schmitt, läßt ihm – auf Emp­feh­lung Armin Moh­lers – sei­nen Auf­satz »Der Mythos der Räte« zukom­men. Dies ist der Start(schuß) für eine fast vier­zehn­jäh­ri­ge Bekannt­schaft: San­der ist der »Schü­ler«, auf aka­de­mi­sche Kar­rie­re hof­fend, der von Schmitt Hil­fe aller Art ein­for­dert und den alten »Meis­ter« regel­mä­ßig mit aka­de­mi­schem Hin­ter­trep­pen­klatsch ver­sorgt. Er knüpft ein Spin­nen­netz an Ver­bin­dun­gen, zu Grö­ßen wie Jacob Tau­bes oder Hans-Joa­chim Schoeps, sucht Publi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten, Sti­pen­di­en, ver­rät Schmitt, daß Nico­laus Som­bart gera­de an einem Buch über ihn schrei­be, und so wei­ter. Wenn San­der ver­är­gert ist, macht er durch­aus den »Pet­zer« gegen Drit­te, wie Her­aus­ge­ber Masch­ke bemerkt. Zwar zeigt der Plet­ten­ber­ger Phi­lo­soph dem Werk des Jün­ge­ren sei­ne Wert­schät­zung, auch fin­den sich gemein­sa­me The­men – von Mar­xis­mus bis Hugo Ball –, aber ein wirk­li­cher Gedan­ken­aus­tausch, wie im Brief­wech­sel zwi­schen Schmitt und Ernst Jün­ger, fin­det kaum statt. So geht San­der die mys­ti­sche Ebe­ne des Schmitt­schen Den­kens völ­lig ab. Ver­sucht er, sich auf sie ein­zu­stim­men, wirkt es gestellt. So fragt er in Anknüp­fung an das Luft­krieg­ka­pi­tel in Schmitts Land und Meer: »Hat die Luft nicht einen mythi­schen Dop­pel­cha­rak­ter als das Nichts und der Geist? Inso­fern wären Ent­or­tung, Nihi­lis­mus, Ratio­na­li­sie­rung, Abs­trak­tio­na­li­sie­rung, Flug­we­sen, Atom­ener­gie nur ver­schie­de­ne Sei­ten eines Pro­zes­ses mit einem für uns dunk­len Ziel?« Schmitt geht dar­auf gar nicht erst ein. Und wenn der alte Staats­phi­lo­soph klagt, mit nie­man­dem über sei­nen »Hob­bes-Kris­tall« dis­ku­tie­ren zu kön­nen, kommt er nicht auf die Idee, es sei­nem »Schü­ler« auch nur anzubieten.
Von den tages­po­li­ti­schen Anmer­kun­gen ver­dient vor allem die Pro­vo­ka­ti­on Erwäh­nung, die Wil­ly Brandts legen­dä­rer Knie­fall in War­schau bei San­der aus­lös­te: »Ich kann jetzt ver­ste­hen, daß 1933 vie­le Deut­sche trotz Beden­ken, die mehr oder weni­ger schwer gewo­gen haben moch­ten, für Hit­ler votier­ten.« Die­se Phi­lo­so­phie des »erho­be­nen Haup­tes« um jeden Preis, gegen jeg­li­che Beden­ken, um den Preis der Ver­drän­gung, präg­te spä­ter sei­nen »natio­na­len Impe­ra­tiv«, die­sen Ver­such, sich und sei­ner Leser­schaft »das gute Gewis­sen zurück­ge­ben« zu wol­len. Hin­zu kam, daß er als unbe­sol­de­ter Aka­de­mi­ker (Pre­ka­ri­er, wie man heu­te sagen wür­de) einen »Ver­fol­gungs­wahn « ent­wi­ckel­te, der sei­ner exzen­tri­schen Per­spek­ti­ve auf das Juden­tum einen anti­se­mi­ti­schen Anstrich ver­lieh. Ver­fügt er zur Zeit des Brief­wech­sels dies­be­züg­lich noch über ein selbst­kri­ti­sches Alarm­sys­tem – »Es kann auch sein, daß alles das nur Kom­bi­na­tio­nen mei­ner Phan­ta­sie sind« – so faß­te er sei­ne radi­ka­le Posi­ti­on spä­ter in sei­ne grund­le­gen­de Schrift über den jüdi­schen Geist in der Moder­ne: Die Auf­lö­sung aller Din­ge.
Im letz­ten Akt des Brief­wech­sels hat Schmitt sich plötz­lich ins Schwei­gen zurück­ge­zo­gen. San­der ver­sucht ein paar Anläu­fe zur Restau­ra­ti­on, erzählt, zitiert, fragt. Aber aus unge­nann­ten Grün­den woll­te der alte Ein­sied­ler aus Plet­ten­berg ihn nicht mal mehr am Tele­fon spre­chen. Vorhang.

(Carl Schmitt und H.-D. San­der: Werk­statt-Dis­cor­si. Brief­wech­sel 1967–1981, hrsg. von Gün­ter Masch­ke und Erik Leh­nert, Schnell­ro­da: Antai­os 2009. 528 S., 44.00 €)

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