Sezession
1. April 2009

Katholischer Antisemitismus? Kaum.

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

Die Geschichte der Kirche sei eine Kriminalgeschichte, so wird gelegentlich behauptet. Der Anspruch, den die Kirche erhebt, stehe in Widerspruch zu ihrem Handeln. Antikirchliche Ressentiments entladen sich dann gestützt auf Halbwissen und Verallgemeinerungen. Insbesondere das Verhalten der kirchlichen Vertreter zur Zeit des NS-Regimes wird gerne thematisiert, wenn es um die »Sünden der Kirche« geht. Haben die Vertreter der Kirche zu den Vergehen der Nationalsozialisten geschwiegen? Haben sie sich stets oder auch nur weitgehend auf die Seite der Machthaber gestellt? Ist die Kirche mitschuldig an der Judenverfolgung? Ist die Kirche in ihrem Kern antisemitisch, wie in jüngster Vergangenheit oftmals behauptet wurde?Der Kirchenhistoriker Michael F. Feldkamp, ein ausgewiesener Fachmann für diese Thematik, hat die Fakten analysiert und ermöglicht somit Urteile über diese Vorurteile. Ihm kam zu Nutzen, daß seit 2006 die Akten des Pontifikats Pius XI. (1922–1939) im Vatikan öffentlich zugängig sind. So bezieht der Autor nach sorgfältigem Quellenstudium Position gegen den Zeitgeist, »der gespeist wird von einer seit vielen Jahren politisch korrekt betriebenen Geschichtsschreibung.«
Was das Buch von Feldkamp auszeichnet, ist die differenzierte Betrachtungsweise. Er unterscheidet genau zwischen dem Verhalten des Papstes, der deutschen Bischofskonferenz, profilierten Priestern und Laien. Versagen kann nur wenigen Einzelnen angelastet werden. Die schlechtesten Wahlergebnisse erhielt die NSDAP immer in überwiegend katholischen Gebieten. Zahlreiche antikirchliche Maßnahmen seit der Machtergreifung wurden als Kampfansage an die katholische Kirche verstanden. Die Konfrontation spitzte sich zu. Papst Pius XII. plante eine Enzyklika zur Verurteilung des Rassismus, die wegen des plötzlichen Todes des Papstes nicht mehr erscheinen konnte. Und er informierte nachweislich 1942 (!) die Alliierten über die Judenmorde.
Feldkamp zieht das Fazit, daß der Papst und die katholischen Bischöfe in Deutschland sich leiten ließen von der Sorge für das Wohl der Menschen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus hätten von ihnen nicht verhindert werden können. Trotz allem aber kann die katholische Kirche »für sich in Anspruch nehmen, die größte Bewegung gegen den Nationalsozialismus gewesen zu sein.«

(von Georg Alois Oblinger Michael F. Feldkamp: Mitläufer, Feiglinge, Antisemiten? Katholische Kirche und Nationalsozialismus Augsburg: St. Ulrich Verlag 2009. 205 S., 18.90 €)


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