Sezession
1. April 2009

Habermas lesen mit Bolz

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Habermas ist eine Chiffre, zweifellos. Wenige lesen ihn, viele zitieren ihn, zu den Begriffen, die er erfand, ist er selbst geworden: Er ist »Verfassungspatriot«, »handelt kommunikativ« und pflegt den »herrschaftsfreien Diskurs« in der »neuen Unübersichtlichkeit«. Er ist der Philosoph der BRD und derjenige der 68er. Er ist eine Instanz, er muß eingeordnet werden. Mit wem könnte man ihn vergleichen? Michael Funken richtet in seinem Interviewbuch (14 Gespräche) diese Frage an Norbert Bolz, einen luziden Habermaskritiker. Er fragt: »Karl Jaspers, an dem zu Lebzeiten keiner vorbeikam, und sein Zeitgenosse Martin Heidegger, der Klassiker wurde – welchen Weg wird Habermas nehmen in 30, 40 Jahren?« Bolz: »Na also, für mich gibt’s überhaupt keinen Zweifel, daß natürlich Habermas den Weg von Jaspers gehen wird.« Funken: »Jaspers?« Bolz: »Absolut. Ich halte die Philosophie von Habermas nicht für eine große Philosophie. Ihn mit Heidegger zu vergleichen, halte ich für absurd.«
Das sind mal deutliche Worte: Habermas wird also verschwinden. Das besondere an den Antworten von Bolz ist der direkte Ton. Er nennt Habermas den selbstbewußten »Exponenten der Reedukation« und lobt ihn hinterhältig, wenn er ihm »große Sensibilität für den Zeitgeist« zuspricht. Bolz leistet in seinen knappen Antworten, was ein guter Lehrer hin und wieder tun sollte: dem Schüler die Lektüre eines Meters unnützer Literatur zu ersparen. Fündig werden bei Habermas? »Wofür man sich interessiert, das ist die Möglichkeit, links zu sein, ohne sich zu blamieren«. Philosoph der Neuen Linken? »Die 68er waren kurz davor zu erwachen. Habermas hat ihnen ermöglicht weiterzuträumen«. Aber seine Wirkung … »da muß man unterscheiden, inwieweit ein Denker seine Fans beruhigt, oder inwieweit seine Theorie die Wirklichkeit aufschließt«. Allein wegen Bolz also lohnt sich die Lektüre der Funken- Gespräche. Auch Wolfgang Schäuble kommt zu Wort, zahnlos, und Gregor Gysi, unaufrichtig, weil er dem Gerede vom »herrschaftsfreien Diskurs« nicht widerspricht – dabei ist er doch Politiker, und weiß, wie Oligarchen diskutieren. Sympathischer: Joschka Fischer, der mit seiner hemdsärmligen Straßenherkunft kokettiert und ein bißchen über Habermas’ Warnung vor einem Linksfaschismus erzählt. Fischer hält die Wirkung solcher Einwürfe für gering: Er selbst hat sich jedenfalls dadurch von gar nichts abhalten lassen.

(Michael Funken (Hrsg.): Über Habermas. Gespräche mit Zeitgenossen
Darmstadt: Primus-Verlag 2008. 192 S., 24.90 €)


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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