NSDAP II

pdf der Druckfassung aus Sezession 29 / April 2009

Tilman Jens: Demenz. Abschied
von meinem Vater
, Gütersloh:
Gütersloher Verlagshaus
2009. 144 S., 17.95 €

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ver­mut­lich brach­te Til­man Jens in der FAZ als ers­ter den Begriff der »Nebel­ker­ze« ins Spiel, der spä­ter von einem Rezen­sen­ten des Tages­spie­gels auf Gün­ter Grass abge­feu­ert wur­de. Jens kenn­zeich­ne­te damit die Pro­sa des Ban­des Jahr­gang 1926/27. Erin­ne­run­gen an die Jah­re unter dem Haken­kreuz, in der den pro­mi­nen­ten Ver­blie­be­nen der Flak­hel­fer-Genera­ti­on, unter ihnen Sieg­fried Lenz und Die­ter Hil­de­brandt, die Chan­ce ein­ge­räumt wer­den soll­te, frei­mü­tig über ihre Jugend im »Drit­ten Reich« Aus­kunft zu geben. Dem ging ein gro­ßes Auf­de­cken von Pro­mi-Namen vor­aus; Par­tei­ge­nos­sen, von denen es kei­ner gedacht hät­te. Das Ergeb­nis nann­te Jens »ent­täu­schend «: »Kei­ne Fra­gen. Kei­ne Brü­che. Ein letz­tes Mal wer­den Nebel­ker­zen gezün­det.« Nicht anders, nur ungleich schmerz­haf­ter ver­hielt es sich mit der Por­tal­fi­gur von Jens’ eige­nem Leben, sei­nem nun 86jährigen Vater Wal­ter Jens, von dem er in sei­nem Buch Demenz nun »Abschied« nimmt. Der eins­ti­ge Rhe­to­rik­pro­fes­sor lei­det seit 2004 an Demenz, die ihn der Spra­che und Erin­ne­rung beraub­te und ins Klein­kind­sta­di­um regre­die­ren ließ. Til­man Jens’ Buch ist nicht nur ein Abschied von dem Men­schen, der sein Vater einst war, es ist auch ein Abschied vom Bild des makel­lo­sen Mora­lis­ten und Bewäl­ti­gers, das sich die­ser jahr­zehn­te­lang ange­maßt hat. In einer dra­ma­tur­gisch stim­mi­gen Koin­zi­denz brach Jens’ Demenz kurz nach Bekannt­wer­den sei­ner NSDAP-Mit­glied­schaft aus. Jens, »der Feind bil­li­ger Aus­re­den, der unbeug­sa­me Advo­kat der Klar­heit«, der sich stets zum Anti­fa­schis­ten der ers­ten Stun­de sti­li­siert hat­te, reagier­te mit Aus­flüch­ten, ja Lügen auf die Ent­hül­lung. Til­man Jens ist klug genug, den eigent­li­chen Sün­den­fall des Vaters zu erken­nen: »War­um hat er (…) nie­mals über die Zeit des eige­nen Ver­führtseins gere­det, geschrie­ben, obwohl ihn das The­ma, bei ande­ren, so umtrieb?«
Am Ende der quä­len­den Aus­ein­an­der­set­zung, die sich auf eine gan­ze Genera­ti­on libe­ra­ler Mei­nungs­füh­rer erstreckt, steht die Erkennt­nis, daß es die »Berufs­an­klä­ger« selbst waren, die »erin­ne­rungs­feind­lich « (Wal­ter Jens) gewirkt haben. Jens, der ver­meint­li­che »Soli­tär und Ein­zel­gän­ger, der cou­ra­gier­te Nein-Sager« war ein Kon­for­mist des jus­te milieu, der den Rücken­wind des Zeit­geis­tes stets hin­ter sich wuß­te. Das im senio­ren­freund­li­chen Groß­druck gehal­te­ne Büch­lein sei­nes Soh­nes wirft ein bezeich­nen­des Licht auf den immer­grü­nen Kom­plex »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung«, der weit davon ent­fernt ist, Alters­schwä­che zu zeigen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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