Hinter den Masken, unter der Narrenkappe: Joachim Fernau

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

Bücher und ihre Autoren haben oft unerwartete Schicksale. Joachim Fernaus Hauptwerke sind zwar immer noch bei seinem Hausverlag Herbig greifbar oder werden in Antiquariaten zu 2-Euro-Preisen verramscht, das große Publikum, das einst Hunderttausende zählte, hat ihn allerdings vergessen. Es ist bezeichnend, daß nun zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors die erste Monographie überhaupt in einem elitären und dezidiert politischen Kleinverlag erscheint.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Seit das Mas­sen­pu­bli­kum weg­ge­fal­len ist, ist ein ver­schwo­re­ner Kern an Lesern übrig­ge­blie­ben, der das Fernau­sche Werk wie einen Schatz hütet und nach jedem Schnip­sel giert, der den Stem­pel sei­nes Lieb­lings­au­tors trägt. Mit dem zeit­li­chen Abstand zeigt sich, daß Fern­aus Bücher trotz ihrer einst immensen Popu­la­ri­tät viel­leicht immer schon nur weni­gen Lesern gehört haben. Fernau schrieb außer­dem für ein klas­sisch gebil­de­tes Publi­kum, das es in die­ser Form nicht mehr gibt. Geblie­ben sind aller­dings die Waden­bei­ßer. Wer heu­te den Namen Fern­aus in die Netz­such­ma­schi­ne »Goog­le« ein­gibt, bekommt an der Spit­ze einen kon­kur­renz­los mie­sen Bei­trag des Baye­ri­schen Rund­funks aus dem Jah­re 2001 auf­ge­lis­tet, in dem der Autor als seich­ter Quatsch­kopf abge­wer­tet wird. Eine seriö­se lite­ra­ri­sche Wür­di­gung Fern­aus steht indes­sen immer noch aus.
Armin Moh­ler war einer der ers­ten, die tie­fer hin­ter die Auto­ren­mas­ken des »Phä­no­mens Fernau« blick­ten und den klas­sisch kon­ser­va­ti­ven Pes­si­mis­mus unter der »Nar­ren­kap­pe« erkann­ten. Hin­ter der vor­geb­lich iro­ni­schen Distanz von Fern­aus Geschichts­dar­stel­lun­gen mach­ten sich ein lei­den­schaft­li­ches Enga­ge­ment und eine unbeug­sa­me Per­sön­lich­keit bemerk­bar. Hier zeig­te sich jemand unbe­ein­druckt von den Vor­ga­ben des Zeit­geis­tes und leis­te­te sich eine Ket­ze­rei nach der ande­ren gegen die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Denk- und Sprach­re­ge­lun­gen. Ein Autor, der sein Ich so unmit­tel­bar durch sei­ne Bücher spre­chen ließ, muß auch als Mensch inter­es­sie­ren. »In unse­rem Zeit­al­ter der Ersatz­re­li­gio­nen ist dem Schrift­stel­ler zu sei­ner Funk­ti­on des Bücher­schrei­bens noch eine ande­re auf­ge­bür­det: er wird – ob er will oder nicht – außer­dem noch zum Seel­sor­ger, zum See­len­füh­rer«, schrieb Moh­ler. Daß Fern­aus Publi­kum in sei­nen Büchern mehr such­te als blo­ße Unter­hal­tung, zei­gen die aus­ge­wähl­ten Brief­wech­sel mit Lesern, die unter dem Titel In dem Hau­se auf dem Ber­ge von der Wit­we des Autors her­aus­ge­ge­ben wur­den. Dar­in zeigt sich aller­dings nicht nur sei­ne ein­fühl­sa­me Anteil­nah­me, son­dern auch sein ent­schie­de­ner Wil­le zur Abgren­zung und Unab­hän­gig­keit. Der­sel­be Autor, der oft in sei­nen Büchern sein Inners­tes offen­leg­te, schirm­te zugleich das unmit­tel­bar Bio­gra­phi­sche und Pri­va­te ab. Vie­les an sei­nem Leben blieb undurch­sich­tig. Beson­ders die Jahr­zehn­te vor dem schrift­stel­le­ri­schen Ruhm, die Fernau spä­ter als »ver­lo­re­ne Jah­re« bezeich­ne­te, lagen lan­ge im dun­keln. Tro­cke­ne Fak­ten waren bekannt. Aber wie hat­te er die 42 Jah­re sei­nes Lebens ver­bracht, ehe er mit Deutsch­land, Deutsch­land über alles … schlag­ar­tig bekannt wur­de? Was hat­te es tat­säch­lich mit sei­ner Tätig­keit als Kriegs­be­richt­erstat­ter der Waf­fen-SS und »Durchhalte«-Propagandist auf sich, die er nie­mals bereu­te? Wie hat­ten sei­ne Erleb­nis­se in der Zwi­schen­kriegs­zeit, im Drit­ten Reich und im Welt­krieg sein Geschichts­bild geformt? Fra­gen, die sich nun mit dem bei Antai­os erschie­ne­nen Leseund Bil­der­buch zu Leben und Werk des Autors annä­hernd beant­wor­ten las­sen. Die Her­aus­ge­ber Götz Kubit­schek und Erik Leh­nert hat­ten dabei inti­men Zugriff auf Fern­aus Nach­laß. In dem rei­ch­il­lus­trier­ten Band brei­ten sie ihre Fund­stü­cke mit anste­cken­der Ent­de­cker­lust aus. Neben vie­len pri­va­ten Fotos, die bis in die Kind­heit Fern­aus zurück­rei­chen, fin­den sich Abbil­dun­gen von Zeich­nun­gen und Gemäl­den, Buch­um­schlä­gen, per­sön­li­chen Doku­men­ten, frü­hen Zei­tungs­ar­ti­keln und auf­schluß­rei­chen Trou­vail­len wie einer Lis­te von Kino­fil­men, die Fernau im Ber­lin des Jah­res 1930 sah. Dar­un­ter ist auch man­ches Skur­ri­le wie hand­schrift­li­che Ent­wür­fe von Non­sens-Wer­be-Gedich­ten für »Dr. Oetker«-Produkte oder Ver­wei­se auf pseud­onym ver­faß­te Tri­vi­al­ro­ma­ne und heu­te gnä­dig ver­ges­se­ne Soft­sex-Film­chen, die nach Vor­la­gen Fern­aus ent­stan­den. Kei­ne Fra­gen wer­den mehr offen­blei­ben über die »kon­tro­ver­sen « Jah­re des Autors. Sowohl sei­ne Tätig­keit als Kriegs­be­richt­erstat­ter, des­sen Tex­te unter ande­rem im Schwar­zen Korps und im Völ­ki­schen Beob­ach­ter erschie­nen sind, als auch die von Peter Wapnew­ski in denun­zia­to­ri­scher Absicht los­ge­tre­te­ne Kam­pa­gne wer­den aus­führ­lich doku­men­tiert und kon­tex­tua­li­siert. Die­se Mono­gra­phie ist nicht nur Leit­fa­den und unver­zicht­ba­res Kom­pen­di­um für alte, neue und zukünf­ti­ge Anhän­ger, son­dern auch das fes­seln­de Doku­ment eines Lebens, in dem sich das Pri­va­te mit dem Schick­sal der Nati­on zu einem kom­ple­xen Gesamt­bild jen­seits aller Bewäl­ti­gungs­kli­schees ver­schränkt. Auf das vom Ver­lag für die­sen Herbst ange­kün­dig­te, bis dato unver­öf­fent­lich­te Frag­ment Tau­send Tage, in dem Fernau die ers­te Zeit sei­nes Ein­sat­zes als Kriegs­be­richt­erstat­ter pro­to­kol­liert, ist man gespannt.

(Götz Kubit­schek und Erik Leh­nert (Hrsg.): Joa­chim Fernau. Leben und Werk in Tex­ten und Bil­dern, Schnell­ro­da: Edi­ti­on Antai­os 2009. 141 S., 24 €)

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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