Deutscher Jude

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

Unter der Überschrift »Gespräch « schildert Ernst von Salomon in seinem Bestseller Die Geächteten die Überlegungen, die zur Ermordung Walther Rathenaus führten. Die jungen Männer, allesamt mit Freikorpserfahrung, litten an der Situation ihres Vaterlandes, das durch den verlorenen Krieg und den Versailler Vertrag am Boden war, und wollten den Befreiungsschlag. Rathenau, seit 1921 Minister, galt als Erfüllungspolitiker, der auf die Forderungen der Alliierten einging und sie nicht als absurd ablehnte.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erfül­lungs­po­li­ti­ker waren ande­re auch. Der Grund, war­um die Wahl aus­ge­rech­net auf Rathen­au fiel, war weni­ger anti­se­mi­ti­schen Moti­ven als der beson­de­ren Rol­le, die Rathen­au seit dem Ers­ten Welt­krieg spiel­te, geschul­det. Hin­zu kam eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on, die Rathen­au aus­strahl­te. Des­halb erhält Salo­mon die Anwei­sung, nicht so viel von ihm zu lesen: »Das macht Dich nur weich!« In vie­lem, was sie umtrieb, dürf­ten sei­ne Mör­der sich in sei­nen Schrif­ten wie­der­erkannt haben. Etwa in der unbe­ding­ten For­de­rung nach »ech­ter Auto­ri­tät « und der Fest­stel­lung, daß es auch in der mecha­ni­sier­ten Welt auf See­le, Per­sön­lich­keit, Cha­rak­ter ankom­me. So wie Rathen­aus Tod stell­ver­tre­tend für etwas war, das er nur sym­bo­li­sier­te, so ver­lief auch sein Leben in die­sem Sinne.
Lothar Gall will den Rathen­au-Bio­gra­phien nicht ein­fach eine wei­te­re anfü­gen, son­dern anhand der Per­son Rathen­aus eine Epo­che beschrei­ben. Er sieht in Rathen­au qua­si den »Mann ohne Eigen­schaf­ten«, der die Sehn­süch­te und Gedan­ken sei­ner Epo­che spie­gelt. Nicht Rathen­au hat dem­nach der Epo­che sei­nen Stem­pel auf­ge­drückt, son­dern umge­kehrt. Die The­se hat etwas für sich: Rathen­au ist nie der Ori­gi­nel­le, der Prä­gen­de, der Ers­te. Sein Vater baut die AEG auf. Er selbst wür­de lie­ber Künst­ler wer­den, stu­diert dann aber doch Maschi­nen­bau, ohne sich dort beson­ders her­vor­zu­tun. Bei eini­gen Auf­ga­ben in der Fir­ma bewährt er sich mäßig und sitzt spä­ter in zahl­rei­chen Auf­sichts­rä­ten. Den Kampf um den AEG-Vor­stands­vor­sitz ver­liert er nach dem Tod des Vaters gegen Felix Deutsch. Bekannt wird er immer­hin durch sei­ne kul­tur­kri­ti­schen Schrif­ten, ange­fan­gen mit dem Auf­satz »Höre, Isra­el« bis zu dem erfolg­rei­chen Buch Von kom­men­den Din­gen. Doch Aner­ken­nung erringt er erst, als er die deut­sche Roh­stoff­ver­sor­gung im Ers­ten Welt­krieg orga­ni­siert. Des­halb ist Rathen­au durch­aus typisch für eine Epo­che, die Effi­zi­enz mit Kul­tur­kri­tik zu ver­bin­den wußte.

(Lothar Gall: Walt­her Rathen­au. Por­trait einer Epo­che, Mün­chen: C.H. Beck 2009. 298 S., 22.90 €)

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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