Sezession
1. Juni 2010

Kindertag

Ellen Kositza

Es heißt, nach sieben Jahren an einem neuen Wohnort fühle man sich „heimisch“. Wir haben diese quasi-magische Zahl seit ein paar Monaten überschritten, ohne daß uns eine solche Zäsur deutlich wurde. Wir fühlen uns schon lange äußerst wohl hier in Sachsen-Anhalt. Ein paar Sitten und Gebräuche irritieren uns nach wie vor - ohne daß dies unser Wohlbefinden beeinträchtigen würde.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Heute beispielsweise ist Kindertag, der hier mit ähnlichem Aufwand gefeiert wird wie der Frauentag und der Männertag, der anderswo Vatertag oder gar Christi Himmelfahrt heißt. (Im Westen und offiziell nun in Gesamtdeutschland begeht man den Kindertag seit zwanzig Jahren eher unbemerkt am 20.9.)

Am Kindertag wird den Kindern an der Kindergartentür zum Ehrentag mit Handschlag gratuliert, überall gibt's Geschenke für die Kleinen, es ist hausaufgabenfrei, die Kita wird mit bunten Ketten aus sogenannten Fruchtzwergen (leergegessenen natürlich, dies kann kein DDR-Relikt sein) geschmückt, es gibt Kuchen, Roster und das hierzulande übliche süßliche, ungetoastete und labbrige Weißmehltoastbrot. Im Nachbarland Sachsen wirbt das „Modellbahnland Erzgebirge“ damit, daß man dort „den Internationalen Kindertag in DDR-Nostalgie“ feiere.

 Ja, mit der DDR-Nostalgie hat man´s schon noch deutlich, es hängen auch Plakate , die zum DDR-Sportfest  - „die wohl spaßigste Sportveranstaltung Mitteldeutschlands“ - in einem Nachbarort einladen.

Und: Vor zwei Wochen wurde wieder rundum gejugendweiht, was das Zeug hielt. 21 von 26 Schülern aus der Klasse unserer Ältesten „hatten Jugendweihe“, fürs nächste Jahr haben sich aus der Klasse unserer zweiten Tochter 22 von 25 angemeldet. Das Jugendweihen hat keinen nennenswerten staatsbürgerlichen/ philosophischen o.ä. Hintergrund, sondern bedeutet in der Hauptsache ein Saufgelage. Vorher wurden eigens alle Eltern (also auch die Nicht jugendweihenden) in die Schule zu einem ausführlichen Gespräch mit einer hauptamtlichen Drogenberaterin eingeladen, die dringend mahnte, es nicht zuu wild angehen zu lassen. (Was dem Vernehmen nach nicht fruchtete – gruselige Geschichten vom Sekt-Kotzen vierzehnjähriger Mädchen wurden erzählt.)

Verblüffend ist ferner immer wieder aufs Neue, wie sehr die wohl auf statistischen Wahrheiten fußende Sachsen-Anhalt- Parole „Wir stehen früher auf“ zutrifft: Handwerker rücken stets pünktlich um sechs Uhr morgens an, im weiteren Tageslauf wird um halb zwölf (im Kindergarten um elf ) „Mittagbrot“ gegessen, um halb sechs Abendbrot, und nach sechs werden die Rolläden heruntergelassen – dann sollte tunlichst auch nicht mehr an der Tür geläutet werden. Kreissägen, Rasenmähen und Flexen den ganzen Sonntag über gelten hingegen nicht als unmanierlich, gehören vielmehr für die Nachkömmlinge des Arbeiterstaates zum guten Ton.

Persönlich irritierend ist für uns, daß unsere Kinder häufig abrutschen aus dem Hochdeutschen ins sachsen-anhaltische Idiom, dazu zählen Wendungen wie „auf Orbeit“ genauso wie das derzeit hier im Hause häufig eingeflochtene „orst“, das im Brandenburgischen „urst“ ausgesprochen wird, sich von franz. ours, Bär ableiten soll  und eine Steigerungsform analog zu „total“ oder „übelst“ darstellt: orst witzig also oder orst gemein.

Wohinter ich noch nicht gekommen bin: Zur Krönung der Kindertags-Feierlichkeiten heute gibt´s im Kindergarten Gottspeise. Das ist dasselbe, was andere Leute Wackelpudding oder Götterspeise nennen. Hier also die monotheistische Version. Wie das?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.