Kindertag

Es heißt, nach sieben Jahren an einem neuen Wohnort fühle man sich „heimisch“. Wir haben diese quasi-magische Zahl seit ein paar Monaten überschritten,...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

ohne daß uns eine sol­che Zäsur deut­lich wur­de. Wir füh­len uns schon lan­ge äußerst wohl hier in Sach­sen-Anhalt. Ein paar Sit­ten und Gebräu­che irri­tie­ren uns nach wie vor – ohne daß dies unser Wohl­be­fin­den beein­träch­ti­gen würde.

Heu­te bei­spiels­wei­se ist Kin­der­tag, der hier mit ähn­li­chem Auf­wand gefei­ert wird wie der Frau­en­tag und der Män­ner­tag, der anders­wo Vater­tag oder gar Chris­ti Him­mel­fahrt heißt. (Im Wes­ten und offi­zi­ell nun in Gesamt­deutsch­land begeht man den Kin­der­tag seit zwan­zig Jah­ren eher unbe­merkt am 20.9.)

Am Kin­der­tag wird den Kin­dern an der Kin­der­gar­ten­tür zum Ehren­tag mit Hand­schlag gra­tu­liert, über­all gibt’s Geschen­ke für die Klei­nen, es ist haus­auf­ga­ben­frei, die Kita wird mit bun­ten Ket­ten aus soge­nann­ten Frucht­zwer­gen (leer­ge­ges­se­nen natür­lich, dies kann kein DDR-Relikt sein) geschmückt, es gibt Kuchen, Ros­ter und das hier­zu­lan­de übli­che süß­li­che, unge­toas­te­te und labb­ri­ge Weiß­mehl­toast­brot. Im Nach­bar­land Sach­sen wirbt das „Modell­bahn­land Erz­ge­bir­ge“ damit, daß man dort „den Inter­na­tio­na­len Kin­der­tag in DDR-Nost­al­gie“ feiere.

Ja, mit der DDR-Nost­al­gie hat man´s schon noch deut­lich, es hän­gen auch Pla­ka­te , die zum DDR-Sport­fest  – „die wohl spa­ßigs­te Sport­ver­an­stal­tung Mit­tel­deutsch­lands“ – in einem Nach­bar­ort einladen.

Und: Vor zwei Wochen wur­de wie­der rund­um geju­gend­weiht, was das Zeug hielt. 21 von 26 Schü­lern aus der Klas­se unse­rer Ältes­ten „hat­ten Jugend­wei­he“, fürs nächs­te Jahr haben sich aus der Klas­se unse­rer zwei­ten Toch­ter 22 von 25 ange­mel­det. Das Jugend­wei­hen hat kei­nen nen­nens­wer­ten staatsbürgerlichen/ phi­lo­so­phi­schen o.ä. Hin­ter­grund, son­dern bedeu­tet in der Haupt­sa­che ein Sauf­ge­la­ge. Vor­her wur­den eigens alle Eltern (also auch die Nicht jugend­wei­hen­den) in die Schu­le zu einem aus­führ­li­chen Gespräch mit einer haupt­amt­li­chen Dro­gen­be­ra­te­rin ein­ge­la­den, die drin­gend mahn­te, es nicht zuu wild ange­hen zu las­sen. (Was dem Ver­neh­men nach nicht fruch­te­te – gru­se­li­ge Geschich­ten vom Sekt-Kot­zen vier­zehn­jäh­ri­ger Mäd­chen wur­den erzählt.)

Ver­blüf­fend ist fer­ner immer wie­der aufs Neue, wie sehr die wohl auf sta­tis­ti­schen Wahr­hei­ten fußen­de Sach­sen-Anhalt- Paro­le „Wir ste­hen frü­her auf“ zutrifft: Hand­wer­ker rücken stets pünkt­lich um sechs Uhr mor­gens an, im wei­te­ren Tages­lauf wird um halb zwölf (im Kin­der­gar­ten um elf ) „Mit­tag­brot“ geges­sen, um halb sechs Abend­brot, und nach sechs wer­den die Rol­lä­den her­un­ter­ge­las­sen – dann soll­te tun­lichst auch nicht mehr an der Tür geläu­tet wer­den. Kreis­sä­gen, Rasen­mä­hen und Fle­xen den gan­zen Sonn­tag über gel­ten hin­ge­gen nicht als unma­nier­lich, gehö­ren viel­mehr für die Nach­kömm­lin­ge des Arbei­ter­staa­tes zum guten Ton.

Per­sön­lich irri­tie­rend ist für uns, daß unse­re Kin­der häu­fig abrut­schen aus dem Hoch­deut­schen ins sach­sen-anhal­ti­sche Idi­om, dazu zäh­len Wen­dun­gen wie „auf Orbeit“ genau­so wie das der­zeit hier im Hau­se häu­fig ein­ge­floch­te­ne „orst“, das im Bran­den­bur­gi­schen „urst“ aus­ge­spro­chen wird, sich von franz. ours, Bär ablei­ten soll  und eine Stei­ge­rungs­form ana­log zu „total“ oder „übelst“ dar­stellt: orst wit­zig also oder orst gemein.

Wohin­ter ich noch nicht gekom­men bin: Zur Krö­nung der Kin­der­tags-Fei­er­lich­kei­ten heu­te gibt´s im Kin­der­gar­ten Gott­spei­se. Das ist das­sel­be, was ande­re Leu­te Wackel­pud­ding oder Göt­ter­spei­se nen­nen. Hier also die mono­the­is­ti­sche Ver­si­on. Wie das?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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