Faszination des Faschismus: Der Erlkönig

Auf der Rangliste meiner Lieblingsbücher steht Michel Tourniers Der Erlkönig (dt. 1972) ziemlich weit oben. Gestern holte ich es wieder aus dem Schrank, begann mit der Lektüre und war abermals hingerissen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Hin­ter­her blät­ter­te ich das Pro­gramm­heft des Deutsch­land­funks für Juni durch und sah: Am 6. und am 13. Juni um 18.30 Uhr sen­det Deutsch­land­ra­dio je andert­halb Stun­den den Erl­kö­nig (den Vol­ker Schlön­dorff als „Der Unhold“ ver­film­te) als Hör­spiel! Tol­ler Zufall – oder nein: natür­lich ein schick­sal­haf­tes „Zei­chen“, das so recht zu Tour­niers Meis­ter­werk paßt, in dem der­glei­chen „Zei­chen“ eine wesent­li­che Rol­le spie­len. Alles ist Sym­bol in die­sem Buch, jede Beob­ach­tung, jede Bege­ben­heit weist auf eine über­ge­ord­ne­te Mis­si­on hin.

Vor Jah­ren habe ich meh­re­re Lese­an­läu­fe abge­bro­chen; der Stoff fas­zi­nier­te mich zwar, erschien mir aber als letzt­lich per­vers und im gan­zen zu schwie­rig. Mitt­ler­wei­le ist das Buch (es erin­nert ein wenig an Patrick Süs­kinds „Das Par­fum“) für mich ein gran­dio­ses Kunst­werk, das bei wie­der­hol­ter Lek­tü­re Schicht um Schicht entblättert.

Tour­nier, Jahr­gang 1924, ver­brach­te mit sei­nen Eltern, einem Ger­ma­nis­ten-Ehe­paar als Kind viel Zeit in Deutsch­land, unmit­tel­bar nach dem Krieg stu­dier­te er hier. 1970 erhielt er für den Erl­kö­nig (Le Roi des Aul­nes) den bedeu­tends­ten fran­zö­si­schen Lite­ra­tur­preis Prix Gon­court. Bezo­gen auf die lite­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten fand die Preis­ver­lei­hung zwar ein­hel­li­ge Zustim­mung. Eini­ge Kri­ti­ker, allen vor­an Jean Ame­ry, klag­ten jedoch Tour­niers „bis zur Uner­träg­lich­keit mythi­sie­ren­de Beschrei­bung der Nazi-Bar­ba­rei“ an und unk­ten, der Autor sei der Fas­zi­na­ti­on des Faschis­mus ver­fal­len. Tour­nier kon­ter­te, daß die wesent­li­che Dimen­si­on des Fasch­si­mus eben ästhe­tisch gewe­sen sei und daß man „die Schön­heit der Gewalt und des Krie­ges nicht ver­nei­nen“ kön­ne. Die gesam­te NS-Pro­poagan­da sei auf Ver­füh­rung ange­legt gewe­sen, und dar­um gehe es auch im Erl­kö­nig, der unter ande­rem auf Görings Jagd­schloß und in der Napo­la Kal­ten­born (der Name zumin­dest ist Fik­ti­on) in Ost­preu­ßen spielt. Heu­te, da eine Fas­zi­na­ti­on durch faschis­ti­sche Kör­per und Kul­te gänz­lich fern­liegt – vor vier Jahr­zehn­ten war das wohl anders – käme kaum jemand auf den Gedan­ken, Tour­nier ver­herr­li­chen­de Gedan­ken zu unter­stel­len. Man wird es heu­te eher als Brand­mar­kung der Bru­ta­li­tät die­ses Sys­tems lesen. In Wahr­heit wäre auch das eine fal­sche Inter­pre­ta­ti­on.  Im Erl­kö­nig geht es – ange­lehnt an die Hei­li­gen­le­gen­de des St. Chris­to­pho­rus – um die “pho­ri­sche Sehn­sucht”, die Sehn­sucht nach Selbst­ver­leug­nung und Dienst an einer höhe­ren Sache.

Für Tif­f­au­ges, den Erl­kö­nig-Prot­ago­nis­ten ist Deutsch­land das Land „der rei­nen Idee“. Unter ande­rem – im Buch ist die­ser Punkt frei­lich ein Neben­schau­platz – drü­cke sich das in der Spra­che aus. Im Deut­schen lägen „die Wor­te, ja sogar die Sil­ben neben­ein­an­der wie Kie­sel­stei­ne, ihre Gren­zen ver­wi­schen sich nicht. Der gewis­ser­ma­ßen flüs­si­ge fran­zö­si­sche Satz ver­schwimmt dem­ge­gen­über zu einer ange­nehm zusam­men­hän­gen­den Ein­heit, die frei­lich in Form­lo­sig­keit aus­zu­ar­ten droht. Daher kommt es, daß ein deut­scher Satz, wenn er has­tig oder im Befehls­ton aus­ge­spro­chen wird, sogleich wie Gebell klingt. Sta­tu­en oder Robo­ter kön­nen das in Kauf neh­men. Wir ande­ren aber, wir schlei­mi­gen, lau­en Geschöp­fe, wir zie­hen das sanf­te Idi­om der Ile-de-Fran­ce vor.“ Als „Gip­fel des Wider­sinns“ – und gleich­wohl fas­zi­nie­rend – bezeich­net der Fran­zo­se es wei­ter, daß in der deut­schen Spra­che mit „gro­ßer Hart­nä­ckig­keit die Frau selbst zum Neu­trum gemacht wird (Weib, Mädel, Mäd­chen, Fräu­lein, Frauenzimmer).“

So kün­digt D‑Radio das Hör­spiel (mit u.a. Ulrich Noe­then als Spre­cher) an:

Der Erl­kö­nig (1)
Die sinis­tren Auf­zeich­nun­gen des Abel Tif­f­au­ges (Ursen­dung)
Nach dem Roman von Michel Tournier

Abel Tif­f­au­ges ist Auto­me­cha­ni­ker im Paris der 30er Jah­re. Unglück­lich ist er und auch wie­der nicht. Fremd, ver­spon­nen treibt er durchs Pari­ser Leben. Die Erwach­se­nen­welt ist ihm suspekt. Zu Kin­dern fühlt er sich hin­ge­zo­gen, und auch das nicht wirk­lich. Sei­ne heim­li­che Lie­be gilt Deutsch­land, einem Deutsch­land als Traum­welt: Hyperborea.

Wir sind Hyper­bo­re­er, wir wis­sen gut genug, wie abseits wir leben, heißt es bei Nietz­sche. Die Umstän­de sind ihm güns­tig. Ange­klagt und ver­ur­teilt für ein Ver­bre­chen, das er nicht beging, aber began­gen haben könn­te, schickt man ihn zur Front­be­wäh­rung. Und so gelangt er wirk­lich ins Land sei­ner Träume.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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