Sezession
9. Juni 2010

Susann Pásztor: Ein fabelhafter Lügner

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

So zu tun, als sei man Jude, kann sich auszahlen, heutzutage. Der »fabelhafte Lügner « heißt in diesem Fall Joschi und ist die nur in der Erinnerung anwesende Hauptfigur in Susann Pásztors kurzweiligem Romandebüt. Joschi ist schon seit Jahren tot und hatte sich – mit den Worten seines Sohnes Gabor – sein Judentum nach dem Krieg ausgedacht (vermutlich), damit er »wenigstens ein bißchen Entschädigung vom deutschen Staat bekommen würde.«

Im KZ Buchenwald war er nämlich wirklich (vermutlich), aber vielleicht ist er auch nur »ein kleiner ungarischer Gewerkschafter gewesen, der sein großes Maul nicht halten konnte und der überdies mit einer Jüdin verheiratet war, was ihm ein paar Monate Zwangsarbeit beschert hatte.« Wie dem auch sei: Joschi hatte Kinder, und die drei, die noch leben (Halbgeschwister allesamt, denselben Vater, aber von drei unterschiedlichen Müttern stammend), sowie eine Enkelin treffen sich in Weimar bei Buchenwald, um den hundertsten Geburtstag ihres verstorbenen (Groß) Vaters zu feiern und die verschiedenen Stränge der Familiengeschichte auszubreiten.

Um es vorwegzunehmen: Bis zuletzt kreisen die Gespräche von Gabor, Hannah und Marika um die Versionen Joschis, die er seinen Kindern wie ein Erbe hinterließ, um das es zu streiten gilt. Gabor zieht also gleich die ganze Identitätsgrundlage in Zweifel, aber die schrille Hannah kann das keinesfalls zulassen, und Halbschwester Marika nimmt dem Leser die Frage aus dem Mund: Wenn Joschi nun kein Jude gewesen wäre und Hannah mithin nicht die Tochter eines KZHäftlings – »würde das denn groß was ändern?« Hannah ist wenigstens ehrlich: »Es wäre eigentlich das Schlimmste, was mir passieren könnte.« Woher nämlich auf die Schnelle ein Alleinstellungsmerkmal erster Güte nehmen, einen ererbten Opferstatus, der unangreifbar macht – zumindest in Deutschland?

Auch die Enkelin Lily gibt redselig zu Protokoll, welche Art Nektar zu saugen demjenigen vergönnt ist, der im Lande der Besiegten nicht mitverloren hat. Lily erzählt, was so passiert an diesem Familienwochenende, und notiert für sich und den Leser unter anderem die simplen Bausteine ihrer Selbstgewißheit: »Ich gestehe, ich genieße es manchmal, wenn ich sagen kann, daß mein Großvater Jude war und im KZ gesessen hat.« Lily hat das Grundvokabular des moralischen Vorsprungs qua Geburt schon gepaukt, und eine kleine Faschismuskeule paßt in jede Schultasche: »Wer widerspricht schon der Enkelin eines NS-Opfers, wenn sie im Ethikunterricht vor den Gefahren des Rechtsradikalismus warnt?« Sie muß ein Referat für die Schule ausarbeiten, Thema freigestellt, und was liegt näher als der jüdische Großvater, den kein Lehrer schlecht zu bewerten sich herausnehmen würde: »Ich bin ein Opfer der dritten Generation, und deshalb hielt ich es für eine gute Idee, meinen Notendurchschnitt mit einem leidenschaftlichen Beitrag über das Konzentrationslager Buchenwald anzuheben.«


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.