Susie Orbach: Bodies

pdf der Druckfassung aus Sezession 36 / Juni 2010

von Undine Rathenow

Nicht erst, seit sie Lady Di wegen ihrer Eßstörungen behandelt hatte, gilt die Psychotherapeutin Susie Orbach als eine der Koryphäen zu den immer drängenderen Themen wie Körperfetischismus, Schönheitswahn und anderen Fallgruben der sexuellen Revolution. Berühmt wurde die Britin durch ihr Anti-Diät-Buch 1978, beinahe ebensolang wird sie in der Emma gefeiert.

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Das min­dert ihre Ver­diens­te nicht, zumal Orbachs Kör­per-Phi­lo­so­phie sich an wich­ti­gen Stel­len – etwa, was den zen­tra­len Gedan­ken der Mach­bar­keit angeht – von gen­der­af­fi­zier­ten Axio­men unter­schei­det. Die Auf­fas­sung, daß Bio­lo­gie nicht mehr Schick­sal sei (ein Pos­tu­lat des Femi­nis­mus), hat laut Orbach eine ver­häng­nis­vol­le Popu­la­ri­tät gewon­nen. Wenn sie von »insta­bi­len Kör­pern« spricht, meint sie einen Trend, der durch die Glo­ba­li­sie­rung welt­weit beför­dert wird und der selbst in exis­ten­ti­el­le Fra­gen aus­greift. Selbst die Fort­pflan­zung wer­de neu »kon­fi­gu­riert «, das beginnt mit der schon weit­ge­nutz­ten Mög­lich­keit, Eizel­len ein­zu­frie­ren und mag beim gebär­fä­hi­gen Trans­gen­der­mann einen vor­läu­fi­gen Schluß­punkt finden.

3000 Schön­heits­chir­ur­gen allein in Tehe­ran, zig­tau­send jun­ge Chi­ne­sin­nen, die mit selbst­ge­bas­tel­ten »Lid­öff­nern« dem west­li­chen Augen­blick nach­ei­fern, die Tat­sa­che, daß nach Ein­füh­rung des Fern­se­hens auf den Fidschi-Inseln (1995) 12 Pro­zent der Mäd­chen mani­fes­te Eßstö­run­gen ent­wi­ckel­ten, ein gestie­ge­ner Umsatz allein an Anti-Aging-Cremes von welt­weit 1,58 Mil­li­ar­den Dol­lar (2004) auf etwa 2,86 Mil­li­ar­den 2009; die Viel­zahl sol­cher Pro­gram­me, mit deren Hil­fe sich Baby­pho­tos digi­tal »ver­hüb­schen« las­sen: Orbach spricht von der inter­na­tio­na­len »Demo­kra­ti­sie­rung« eines ver­eng­ten Schön­heits­ide­als. Der »rich­ti­ge« Kör­per wer­de pro­pa­giert als Ziel, das jeder unab­hän­gig von sei­ner sozia­len Stel­lung errei­chen könne.

Wo der Kör­per des Arbei­ters einst an Schwie­len und Mus­keln zu erken­nen war, unter­wer­fe sich heu­te der Mit­tel­schicht­kör­per dem Gebot, anzu­zei­gen, daß an ihm gear­bei­tet wur­de. Wo Jungs frü­her den Bewe­gungs­küns­ten von Sport­lern nach­ei­fer­ten, rich­te sich heu­te ihr Stre­ben dar­auf, »auch so ein Six­pack« zu haben. Unser Kör­per stel­le kei­ne Din­ge mehr her, er sei zu einem gleich­sam aus­ge­la­ger­tem Objekt gewor­den. Das ent­frem­de­te Kör­per­trai­ning sowie der umgrei­fen­de Aspekt der Schön­heits­chir­ur­gie zäh­le heu­te zur Rhe­to­rik der »Selbst­ver­wirk­li­chung« nach dem Mot­to: »Gönn dir das! Gehö­re dazu!«. Orbach weiß, daß es den simp­len, »natür­li­chen « Kör­per nie gab. Sein Ide­al war immer zeit­ge­nös­si­schen Codes unter­wor­fen. Ihn zu schmü­cken und ver­än­dern war stets Teil der Kultur.

Neu ist, daß dies nicht mit gesell­schaft­li­chen Ritua­len ver­bun­den, son­dern Teil des indi­vi­du­el­len Stre­bens ist. Dies unter blo­ßer »Eitel­keit« zu sub­sum­mie­ren, füh­re nicht weit genug. Orbach legt dar, wie sich unser bil­der­ge­sät­tig­ter All­tag auf den visu­el­len Kor­tex nie­der­schla­ge und die Viel­falt des mensch­li­chen Kör­per­aus­drucks »ver­schlei­fe «. Die vir­tu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on besor­ge ein übri­ges, sie ent­ma­te­ria­li­sie­re die Exis­tenz ihrer Teil­neh­mer und füh­re zu neu­en »Kör­per­fik­tio­nen«. Beson­ders wür­den jun­ge Mäd­chen von die­ser Ent­wick­lung ergrif­fen. Sie wis­sen, daß Sexy­ness wich­tig ist (und las­sen sich etwa ihr Aus­se­hen auf ent­spre­chen­den Por­ta­len bewer­ten), ohne bereits eine eige­ne Sexua­li­tät zu haben. Wo einst dem weib­li­chen Kör­per eine so gro­ße Macht zuge­spro­chen wur­de, daß er weit­ge­hend bedeckt gehal­ten wur­de, leben jun­ge Frau­en heu­te mit dem Gefühl, hart an ihm arbei­ten zu müs­sen, daß er einer »Bewer­tung « stand­hält und auf dem Markt besteht. Ein erst­klas­si­ges Buch!

(Sus­ie Orbach: Bodies. Schlacht­fel­der der Schön­heit. Aus dem Eng­li­schen über­setzt von Cor­ne­lia Hol­fel­der von der Tann. Zürich: Arche 2010, 203 S., €)

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