Hineingeworfen. Der Erste Weltkrieg in den Erinnerungen seiner Teilnehmer

von Andreas Krause Landt

Es ist wohltuend und lehrreich gleichermaßen, dieses Buch über den Ersten Weltkrieg zu lesen, das sich jeder rückwärtsgewandten Prophetie enthält. Es läßt der Subjektivität der damaligen Soldaten den denkbar größten Raum: Wer fragt, muß auch zuhören. 135 Kriegsteilnehmer hat der Verleger Wolf-Rüdiger Osburg in den Jahren 1989 bis 1992 befragen können.

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Meist waren sie ein­fa­che Sol­da­ten, höher als zum Ober­leut­nant hat kei­ner die­ser Män­ner auf­stei­gen kön­nen. Ein­mal mehr stellt man fest, daß die Erin­ne­rung alter Men­schen des­to prä­zi­ser wird, je wei­ter die Ereig­nis­se zurück­lie­gen, je mehr sie Kind­heit und Jugend zuge­hö­ren, erst recht, wenn es sich um die­se Jugend han­delt, in der mit uner­hör­ter Gewalt ein jahr­hun­der­te­al­tes dörf­lich und stän­disch gepräg­tes Leben von einem Tag auf den ande­ren zu Ende ging. Wer nach Lübeck zie­hen woll­te, brauch­te in der Stadt drei Bür­gen, eine arme Fami­lie schick­te die vier­zehn­jäh­ri­gen Kin­der mit einem Bün­del auf dem Rücken ins Leben hin­aus. Unter zwei Begrif­fe war man gestellt, die auch das Kriegs­er­leb­nis struk­tu­rier­ten: Selbst­ver­ant­wor­tung und Schick­sal, bei­des für die Heu­ti­gen nahe­zu Fremd­wor­te. Man muß­te was kön­nen und jeman­den ken­nen, zu Hau­se wie an der Front, um durch­zu­kom­men. Und min­des­tens so quä­lend wie der Kugel­ha­gel waren Unge­zie­fer, schlech­te Ernäh­rung, spar­ta­ni­sche Ausrüstung.
Osburg hat die Inter­view­pas­sa­gen the­ma­tisch geord­net, die Anla­ge des Buches erin­nert an Kem­pow­skis Echo­lot. Die ein­zel­nen Abschnit­te hat er mit zurück­hal­ten­den Ein­lei­tun­gen ohne Vor­wurf und Res­sen­ti­ment ver­se­hen – eine kost­ba­re Leis­tung ange­sichts der manichäi­schen Hys­te­rien unse­res öffent­li­chen Gedächt­nis­ses. Aus der Zusam­men­schau ergibt sich ein erstaun­lich homo­ge­nes Bild, das ver­mut­lich glaub­wür­di­ger ist als vie­les, was uns die Aus­ga­ben der mit lau­ter Rück­sich­ten ver­faß­ten Feld­post­brie­fe erzäh­len, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten erschie­nen. Statt blut­rüns­ti­ger Kriegs­be­geis­te­rung dia­gnos­ti­ziert Osburg für den Som­mer 1914 zum Bei­spiel viel nai­ve Aben­teu­er­lust, die sich aus den Wan­der­vo­gel­er­leb­nis­sen speis­te. Frei­lich, den Tat­sa­chen des gro­ßen Mor­dens konn­te sich bald dar­auf kaum einer ent­zie­hen. Aber es war Krieg, ein Mor­den, aber ohne Mör­der, und da fan­gen die Fra­gen erst an. Auch der Titel ist wei­se gewählt: Hineingeworfen.

(Wolf-Rüdi­ger Osburg: Hin­ein­ge­wor­fen. Der Ers­te Welt­krieg in den Erin­ne­run­gen sei­ner Teil­neh­mer, Ber­lin: Osburg Ver­lag 2009. 525 S. mit zahlr. Abb., 29.90 €)

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