Sezession
2. März 2009

Lektüre-Liste 2: Romane (Ergänzung)

Götz Kubitschek / 6 Kommentare

Neben den Romanen, zu denen ich immer wieder greife, gibt es solche, die ich lese und deren Inhalt und Ton ich sofort wieder vergesse. Manchmal breche ich die Lektüre auch ab, Lebenszeit-Verschwendung an ungekonnte Kunst ist keine Durchhalte-Disziplin, sondern Dummheit. Meine Frau ist da wie ich: Neulich sind wir im Kino nach zwanzig Minuten aufgestanden, um uns der unsäglichen Verfilmung des Lebens von Francoise Sagan zu entziehen: zum Eintrittsgeld auch noch die Zeit verschleudern?

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ich kann eine Liste der begonnenen und abgebrochenen Romane nicht anbieten. Ich habe sie vergessen und erinnere mich nur an einen: Die morawische Nacht von Peter Handke, und dieses Geschwurbel (Abbruch nach 40 Seiten) blieb mir bloß deshalb im Kopf, weil ich sonst alles von Handke sehr gern und konzentriert lese - er wird in einer anderen Literatur-Liste noch auftauchen.

Neben dem eisernen Bestand und dem Zeug, das ich wieder vergesse, gibt es Romane, von denen ich klare Bilder und Szenen und oft die Handlung im Detail behalten habe - aber ich nehme diese Bücher nicht ein zweites oder drittes Mal in die Hand. Sie berühren keine meiner Saiten, sondern bleiben im Interessanten stecken. Hier meine Liste dieses eindrücklichen Nebenwegs, wiederum deutschsprachig, beschränkt auf die Lektüre der letzten fünf Jahre:

1. Lukas Bärfuss: Hundert Tage
(Zerbröselndes Entwicklungshilfe-Gefasel im Gemetzel zu Ruanda)

2. Sophie Dannenberg: Das bleiche Herz der Revolution
(die Fratze von 68)

3. Reinhard Kaiser-Mühlecker: Der lange Gang über die Stationen
(zerrinnendes Landleben, billiger Sog der Stadt, Grenzen des guten Willens)

4. Georg Klein: Barbar Rosa
(erinnerlich: ein ernsthaftes Tun in unschlagbar absurder Atmosphäre)

5. Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
(Reise ins Herz der Finsternis der utopischen Zivilisation)

6. Helmut Krausser: Thanatos
(Auswegsloses Sich-Einspinnen in Lektüre und Phantasie)

7. Leo Perutz: St. Petri-Schnee
(Was vorbei ist, ist vorbei, da helfen keine Pillen)

8. Bernhard Schlink: Die Heimkehr
(Schlüsselroman über ein Doppelleben nach dem NS - dank Schlink ohne Moralinsäure)

9. Uwe Tellkamp: Der Eisvogel
(über einen "Neuen Rechten", der zum Terror neigt)

10. Richard Wagner: Das reiche Mädchen
(Schlüsselroman über das tödliche Scheitern einer multikulturellen Utopie)

Ergänzungen bitte wieder entlang meiner Kriterien!


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (6)

M.
2. März 2009 19:59

Franz Schauwecker: Aufbruch der Nation (Sehnsucht nach der Revolution)

M.
7. März 2009 14:27

Else G. Stahl: "Die Mücke im Bernstein" (Schilderung der Schicksale von in Ostpreußen lebenden Menschen über sieben Jahrhunderte hinweg; "Das Land der dunklen Wälder und kristall'nen Seen" erhebt sich vor dem inneren Auge des Lesers)

M.
8. März 2009 15:42

Alfred Döblin: "Berlin Alexanderplatz" (die beste Beschreibung des Pfuhls, der Krankheit; heute aktueller denn je)

WDST
9. März 2009 02:19

Hoffentlich bin ich nicht zu spät dran mit meiner Liste. Hier sind Bücher versammelt, in denen Eigenart und Kultur jeweils eines deutschen Stammes zu Tage tritt, in denen ländliches Leben vor der umfassenden Mechanisierung realistisch geschildert wird, in denen wir also den Erfahrungshorizont unserer Vorfahren bis ins erste Drittel des 20.Jahrhunderts hinein erlesen können.
Und, ja, das sind Bücher, die ich mehr als einmal zur Hand nehme!

1. Johannes Linke, Ein Jahr rollt übers Gebirg (Bayern)
2. Margarete Boie, Moiken Peter Ohm (Friesen, Sylt)
3. Friedrich Griese, Das Korn rauscht (Mecklenburg)
4. Hermann Löns, Die Häuser von Ohlenhof (Niedersachsen)
5. Margarete Schiestl-Bentlage, Unter den Eichen (Emsland, teils recht humoristisch)
6.Josef Perkonig, Ein Laib Brot, ein Krug Milch (Kärnten)
7. Karl Benno von Mechow, Das ländliche Jahr (das Leben auf einem Gut im Osten Deutschlands)
8. Hans Lipinsky-Gottersdorf, Die Prosna-Preußen (Oberschlesien)

Dazu treten Bücher, in denen die Historie, die Zeitgeschichte eine größere Rolle spielt:

9. August Scholtis, Ostwind (nochmals Oberschlesien)
10. Siegfried von Vegesack, Die baltische Tragödie
11. Josef Ponten, Volk am Morgenstrom (Wolgadeutsche)
12. Heinrich Zillich, Zwischen Grenzen und Zeiten (Siebenbürgen)

Als P.S. kann ich mir nicht versagen, noch drei österreichische Romane anzufügen, die nicht in die obige Kategorie passen, dafür aber in die allgemeine der unbedingt lesenswerten:

13. Heimito von Doderer, Die Dämonen (Ein episches Portrait des Wiens der 1920 Jahre, all seiner Gesellschaftsschichten und wesentlichen geistigen Strömungen)
14. Franz Nabl, Der Ödhof ( Die (selbst-)zerstörerische Kraft des auf rüchsichtslose Selbstverwirklichung gerichteten, bindungslosen Individualismus´)
15. Alexander Lernet-Holenia, Die Standarte (Pflichterfüllung in Zeiten des Untergangs)

Letztlich darf ich nicht schließen ohne Ernst Wiechert erwähnt zu haben, z.B. Das einfache Leben (und eben darum gehts!!!)

M.
24. März 2009 16:52

"Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke
(Schilderung der beginnenden Technisierung, der zunehmenden Entwürdigung und Anonymität des Einzelnen, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich)

Rainer Gebhardt
23. April 2009 21:57

Später Nachtrag. Einmalig: der polnische Autor A. Stasiuk. Sein bester Roman „Die Welt hinter Dukla“. Das Nebensächliche, Abseitige, Zufällige, Bedeutungslose und Kleine entpuppt sich als das Wesentlichere und damit Größere. Die dicken Weltbegriffe platzen im Licht, das auf Landschaft zwischen Gorekte und Bialastock scheint. Nach 200 Seiten kommt einem das Kuhnest Dukla am Rande der Karpaten größer vor als die Welt.
Unnachahmlich und selten gut: viel Romane von Peter Kurzeck. Neu: „Das Dorf“. Für mich die größte Heimaterzählung der letzetn 10 Jahre.
"Kind ohne Welt. Mit zwei noch zwischen verschlossenen Türen im Hausflur kriechen. Mit sieben, acht auf dem Dachboden ein gottverlassenes Weltall vorfinden. Mit neun am Schindgraben, Lagerfeuer anzünden. Mit dreizehn in zugigen Winkeln stehen und nicht wissen, worauf wir warten. Mit sechzehn Schoul fierboj. Seit zwo Jahren schaffen gehen. Ein Sommer kommt, da sind wir auf jeder Kirmes. Mit vierundzwanzig verheiratet. Mit achtundzwanzig zwo Kinner und es noch einmal bei der Bahn probieren...“ So geht das Satz um Satz, endlos wie in einer Möbiusschleife, wir kommen gar nicht richtig von der Stelle, denn wir schleppen Satz für Satz die Zeit und die Dinge, die sie anspült, beim Lesen mit. Es ist eine großes einkreisendes, beschwörendes Erzählen, wie die Musik von Arvo Pärth, und wir sehen Dinge und Menschen auftauchen und verschwinden und die dennoch, weil sie in der Sprache sind, nicht verloren gehen können. Peter Kurzeck gelingt etwas Seltens: die Zeit erzählt sich selbst. Das kann nur, wer in ihr statt über ihr steht. Und ganz nebenbei läßt uns sein Erzählen ermessen, wie trostlos die Welt im Netz ist. Wer im Netz heimisch werden will, muss zum Avatar mutieren.
Wenn es konviniert, stelle ich den Autor bei Gelegenheit hier vor.

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