Sezession
2. März 2009

Was sind Werte?

Erik Lehnert

In der Krise sind Werte gefragt. Diese Aussage wird vermutlich die Mehrzahl unserer Zeitgenossen unterschreiben. Daß man mit dieser Unterschrift nicht viel anfangen kann, liegt an der Doppeldeutigkeit des Wortes "Wert". Dem einen schweben ökonomische Werte vor, mit denen sich die Krise besser überleben läßt. Der andere erkennt vielleicht in der Ehrlichkeit einen Wert, dessen Mangel die Krise erst verursacht hat. Das Mißverständnis kommt nicht von ungefähr, denn "Wert" ist ein problematischer Begriff.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Erst im 19. Jahrhundert wird das Denken in Werten üblich und erst Nietzsche hat sie mit seinem Versuch der "Umwertung aller Werte" populär gemacht und damit gleich das Kernproblem formuliert: Wer setzt die Werte? Werte haben keine Dinglichkeit, sie sind zunächst völlig relativ. Was für mich einen hohen Wert besitzt, ist für andere vielleicht wertlos. Der Wert an sich existiert nicht, nur seine Geltung verleiht ihm Bedeutung. Carl Schmitt:

Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen; aber die Werte werden gesetzt und durchgesetzt. Wer ihre Geltung behauptet, muß sie geltend machen. Wer sagt, daß sie gelten, ohne daß ein Mensch sie geltend macht, will betrügen.

Der Relativismus der Werte bedeutet, daß es von meinem persönlichen Standpunkt abhängt, welchen Wert ich am höchsten schätze. Schmitts Sätze klingen nun gar nicht relativistisch. Er spielt auf den daraus logisch folgenden Absolutismus an, die "Tyrannei der Werte" (Nicolai Hartmann). Da Werte nur dann existieren, wenn sie Geltung haben, muß im Wettstreit der Werte ein Wert über den anderen siegen. Nicolai Hartmann:

So gibt es einen Fanatismus der Gerechtigkeit, der keineswegs bloß der Liebe, geschweige denn der Nächstenliebe ins Gesicht schlägt, sondern schlechterdings allen höheren Werten.

Im Gegensatz zu Schmitt war Hartmann Vertreter einer Wertethik, zeigt hier aber dennoch die Möglichkeit "wertzerstörender Wertverwirklichung" auf. Egal ob die Rasse oder die Klasse den höchsten Wert darstellt, immer müssen andere Werte negiert werden. Deshalb hätte Preußen auf Basis einer Wertethik nie entstehen können und deshalb wurde in Preußen nicht mit Werten geführt. Der kategorische Imperativ funktioniert nur vor dem Hintergrund des Glaubens an Autorität, an die von Gott verliehene Königswürde. Dieser Glaube ermöglichte das "richtige Handeln", auch wenn keiner hinsah.

Dieser Glaube hatte mit Werten nichts zu tun und ist durch Werte nicht zu ersetzen. Werte sind ungebundene Leerformeln, die beliebig gefüllt werden können (man denke nur an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Wenn sie keine Geltung haben, sind sie wertlos. Naiv ist es, das Gegenteil zu behaupten.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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