Friedrich Sieburg und die solarbetriebene Hausnummer

Friedrich Sieburgs Die Lust am Untergang ist neu aufgelegt worden, versehen nun mit einem Vor- und Nachwort von Thea Dorn. Was für ein Werk! Einen angejahrten Schinken als „immer noch hochaktuell“ zu bezeichnen, ist nun ein recht übler Gemeinplatz. Hier aber kommt der Leser nicht drum herum, sich Hunderte Seiten lang zu wundern:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wenn´s nun schon kein hell­sich­ti­ger Zeit­ge­nos­se ist, der die­se ele­gant-pole­mi­schen Auf­sät­ze ver­faßt hat, so müß­te es doch min­des­tens aus der Post-68- Zeit stam­men. Aber mit­nich­ten, der Demo­kra­tie-Skep­ti­ker Sieburg (Dorn: „Er war kein Mann der poli­ti­schen Ein­deu­tig­keit und schon gar nicht des Wider­stan­des gegen den Nazis­mus“) starb bereits 1964, und die­se Zeit­kri­tik hier stammt von 1954.

Hät­te ich die Ange­wohn­heit, her­vor­ra­gen­de Pas­sa­gen im Sin­ne eines “genau so ist es” zu unter­strei­chen – fast das gan­ze Buch wär nun liniert. Unter den Ein­sich­ten, die Sieburg hier zu den Deut­schen, die­sem „Volk ohne Mit­te“, geh­aßt und geliebt, gesam­melt hat, macht der Blick auf den Kon­sum­fe­ti­schis­mus der Nach­kriegs­zeit nur einen Bruch­teil aus. Unter ande­rem im Kon­sum­ver­hal­ten mani­fes­tie­re sich die Eigen­schaft des „Mit­lau­fens und Nach­tra­bens, ohne recht zu wis­sen, mit und hin­ter wem sie hertraben.“

Sieburg schreibt von der behaup­te­ten „´Majes­tät´ des Ver­brau­chers“, daß sie in Wahr­heit ein Zap­peln im Netz des Absatz­ter­rors sei:

Alle Vor­stel­lun­gen von Auf­stieg und Bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen krei­sen um Güter, die man kau­fen kann und deren Erwerb zu den Träu­men des Men­schen gehört, der sich zu ent­wi­ckeln glaubt. Der Besitz gewis­ser Gerä­te und Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de, der Zugang zu bestimm­ten Zer­streu­un­gen und Rei­zen, der Gebrauch all jener Waren, Güter und Moden, die den moder­nen Lebens­stan­dard bestim­men, alles das gilt als Kul­tur, auf die jeder Mensch ein Recht hat. Rie­si­ge Indus­trien sind am Werk, um einen Bedarf zu befrie­di­gen, den sie selbst schaf­fen, einen Bedarf an Stof­fen, Mus­tern, Bil­dern, Medi­ka­men­ten, Spie­len, Zeit­ver­trei­ben, kurz­um, an allen jenen Ele­men­ten, die zu erseh­nen dem Ein­zel­nen befoh­len wird mit der Begrün­dung, daß die Mas­se Sehn­sucht nach ihnen habe. Kein Mensch ist gegen­über die­sen Bedürf­nis­sen noch frei, es sei denn, er füh­le sich fähig, das Leben eines halb­wil­den Ein­sied­lers zu füh­ren. Unser Rumpf­deutsch­land nimmt an die­ser Knecht­schaft eben­so teil wie alle ande­ren Völ­ker. Aller­dings ist bei uns die Ver­ant­wor­tung der geis­ti­gen Füh­rungs­schicht beson­ders groß, da sie gegen­über dem Mythos der Mas­se über­haupt kei­ne Wider­stands­kraft gezeigt.

Am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de hat­ten wir Anlaß, Sieburgs Tira­de auf den All­tag her­un­ter­zu­bre­chen. Wir waren quer durch Deutsch­land unter­wegs, als gewohn­heits­mä­ßi­ge Bahn­fah­rer aus­nahms­wei­se mit dem Auto, viel auf Land- und Bun­des­stra­ßen. Unse­ren Kin­dern, die mit dem hüb­schen Bau­sün­den­bil­der­buch und Seh­schul-Klas­si­ker Vom Bau­en und Bewah­ren auf dem Lan­de von Die­ter Wie­land und Pablo de la Rie­stras gezeich­ne­tem Buch Vom Umgang mit unse­ren Häu­sern auf­ge­wach­sen sind, fiel auf, daß „Ver­häß­li­chun­gen“ an dörf­li­chen Ein- und Zwei­fa­mi­li­en­häu­sern nach­weis­bar anste­ckend sind: Einer in der Stra­ße hat ange­fan­gen, sein Haus mit engo­bier­ten Beton­zie­geln in einer Pop-Far­be ein­zu­de­cken – und prompt fol­gen drei, vier Nachbarn.

Einer hat sein altes Haus, als Fach­werk als alt­ba­cken galt, mit Eter­nit- oder Kunst­stoff­schin­deln ver­klei­det – die Nach­barn wol­len kei­nen Reno­vie­rungs­rück­stau nach­ge­sagt bekom­men und zie­hen nach. Der­glei­chen mit gewag­ter Lüf­tel­ma­le­rei, klot­zi­gen Rol­lä­den­käs­ten, Glas­bau­stei­nen etc. Einer hat für den je „letz­ten Schrei“ sein Porte­mon­naie geöff­net, und die ande­ren zie­hen mit. Der­glei­chen Bau­mo­den tre­ten mas­sen­haft auf – oder gar nicht, wo ein Trend­set­ter fehlt.

„Aber das ist doch ziem­lich typisch West­deutsch­land, oder?“, arg­wöhn­te eine Toch­ter. Mit­nich­ten, mein­te eine ande­re und hat­te schon etwas Bestimm­tes im Sinn. Heu­te nach­mit­tag sind bei­de mit ihrer Kame­ra durch unser Dorf gezo­gen und haben eine klei­ne Bil­der­samm­lung mitgebracht:

Irgend­wann im ver­gan­ge­nen Jahr waren anschei­nend solar­be­trie­be­ne Haus­num­mernk im Angebot.

Nun gibt es in der Tat weit­aus schlim­me­re Ver­schan­de­lungs­me­tho­den als eine anschei­nend edel­stahl­ge­faß­te, abends leuch­ten­de Haus­num­mer, zudem wäre der ästhe­ti­sche Scha­den leich­ter Hand revi­dier­bar. Der Kon­trast zwi­schen den meist im anhei­meln­den grau­brau­nen DDR-Kalk-Sand-Zement­putz daste­hen­den Häu­sern und die­sem wohl­fei­len Fit­zel­chen High­tech aller­dings ist – befremd­lich. Gut, viel­leicht hat auch das was mit der „Lust am Unter­gang“ zu tun, den Sieburg beschreibt: Kann doch sein, es kommt zu einem Strom­aus­fall. Das Dorf läge im Dun­keln. Und just dann woll­te ein orts­un­kun­di­ger Brief­trä­ger bei Dun­kel­heit Post zustel­len! Oder näch­tens käme Besuch! Dann näm­lich wären die Besit­zer solar­be­trie­be­ner Haus­num­mern ganz klar im Vor­teil. Eini­ge Dorf­be­woh­ner haben vor­sichts­hal­ber dop­pelt gemop­pelt – eine Haus­num­mer für den Tag, eine für die Nacht. Geschickt!

Eine unse­rer Nach­ba­rin­nen, eine äußerst sym­pa­thi­sche, die mir vor Jah­ren das Hüh­ner­schlach­ten und ‑aus­neh­men bei­brach­te, ver­folgt mit ihrer Stra­te­gie anschei­nend eine gewis­se List oder pflegt Brief­freund­schaf­ten aus uralten Zei­ten: Neben der aktu­el­len ist eine bis letz­tes Jahr gül­ti­ge sowie, drit­tens, die alte DDR-Haus­num­mer ange­bracht. Nachts strahlt nur die gegenwärtige.

Eine Toch­ter wand­te ein: „Wir wis­sen ja nicht wirk­lich, was sich hin­ter den hoch­tech­ni­sier­ten Anbrin­gun­gen ver­birgt. Viel­leicht führt ein Kabel in die Woh­nung, und dort direkt zum Radio, das dadurch umwelt­freund­lich mit Strom ver­sorgt wird?“ Ja, das mag sein. Neben allem, was Sieburg den Deut­schen nach­sagt, sind wir ja auch als Volk der Tüft­ler und Erfin­der bekannt.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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