Sezession
1. Dezember 2008

Strauß und die Konservativen – Überlegungen aus Anlaß seines 20. Todestages

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 27/Dezember 2008

sez_nr_27von Torsten Uhrhammer

Es ist nicht vielen Intellektuellen die Geduld und die Fähigkeit zur Nutzbarmachung des sie abstoßenden Parteiinnenlebens zum Zwecke der Realpolitik gegeben. Schon das Wort Realpolitik ist rechten wie linken Theoriearbeitern oft ein Graus. Denn Realpolitik verwässert die reine Lehre und hat sich an anderen Parametern als den theoretischen zu orientieren. Aber es ist auch die Macht, die manchen erschreckt oder argwöhnisch werden läßt.

Ganz anders der Fall des Franz Josef Strauß: In ihm lebte der Wille zur Macht und zu einer rechten Realpolitik. Sein Verhältnis zur äußersten Rechten und jener zu ihm war dabei naturgemäß ambivalent. Konnte er mit Aussprüchen wie: „Ich bin ein Deutschnationaler und verlange bedingungslosen Gehorsam" bei Rechtsbürgerlichen der 1970er Jahre punkten, so fühlte sich die extreme Rechte von: „Man muß sich der nationalen Kräfte bedienen, auch wenn sie noch so reaktionär sind - mit Hilfstruppen darf man nicht zimperlich sein" getroffen. Worum es ihm dabei eigentlich ging, liest man in seinen Erinnerungen: „Wer meint, Nation und nationales Denken hintanstellen zu müssen, könnte sich in seiner politischen Rechenfähigkeit als sehr kurzsichtig erweisen. Wenn es einer seriösen Rechtspartei, einer progressiven nationalkonservativen Partei gelingt, auf Dauer über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen, wäre die Kombination aus CDU, CSU und FDP nicht mehr mehrheitsfähig. ... Es geht nicht um rechtsradikale Narren, wie etwa um die Deutsche Volksunion des Gerhard Frey. Aber wenn sich eine Rechtspartei bildet mit einem populistischen Programm und einer charismatischen Führung ... Der Gedanke einer großen Koalition weckt mehr Unbehagen als Zuversicht. Wo also bleibt die Bewegungsfähigkeit der Union?" Strauß sorgte sich um Bayern und Deutschland und daher um die strukturelle Mehrheitsfähigkeit des nicht-linken Lagers. Besser als seine verzagten Widersacher in der CDU verstand es Strauß die CSU zu einer allumfassenden Kraft der Mitte und der Rechten zu formen, indem er aus „liberalitas bavariae", christlich-sozialer und staatsinterventionistischer Marktwirtschaft, bayerischem Heimatgefühl und nationalkonservativem Denken eine antisozialistische Volkspartei machte.
Alle Strömungen fanden sich wieder in Programmatik und Personal: auch und gerade die Konservativen. Der Konservativismus hatte in den Nachkriegsjahren eine technokratische und pragmatische Richtung eingeschlagen und war eng mit der Westbindung und dem Wirtschaftswunder verknüpft. Nationalkonservativismus im Sinne militärischer Stärke und Selbstbestimmung der Deutschen war vor dem Hintergrund der Ost-West-Konfrontation und der deutschen Teilung nur in Kombination mit dem Freiheitspathos des Antikommunismus der westlichen Siegermächte denkbar. Das erklärte auch die positive Haltung des konservativen mainstream gegenüber Bundeswehr und Einbindung in die Nato, für die Strauß als Verteidigungsminister maßgebliche Verantwortung getragen hatte.


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