Sezession
6. Juli 2010

Das Juli-Gedicht: Das Eiserne Gebet

Götz Kubitschek

Ich habe vor einigen Tagen eine Kündigung erhalten, die mich seither beschäftigt: Die Sezession - so schrieb der Leser - sei in ihrer Intellektualität aller Ehren wert, und wer solches suche, fände es wenn, dann bei uns. Er aber suche etwas anderes, er suche den Willen zur Macht. Und er habe den Eindruck gewonnen, daß die Sezessionisten diesen Willen nicht aufbrächten.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ich weiß, was der Leser meint und will gleich sagen: Ich kann seine Begründung nicht widerlegen. Die Sezession ist kein politisches Kampfblatt, sondern das Organ einer Gruppe, die weltanschaulich in einigen Grundkomponenten harmoniert. Jeder Beitrag, der das Lektorat unserer Zeitschrift durchlaufen hat, trägt in sich einen leisen Zweifel: Denn die Welt ist nicht genau so, wie wir sie beschreiben. Sie ist auch so - manchmal zu einem erheblichen Teil, aber nie ausschließlich.

Zum Willen zur Macht gehört in unübersichtlicher Zeit eine Tumbheit, wie sie Politikern eignet. Man muß das immergleiche Hunderte Male so sagen können, als sei es das erste Mal. Man muß die Differenziertheit der Welt herunterbrechen können auf drei Formeln. Und man muß diese Formeln so aussprechen oder niederschreiben oder plakatieren können, daß sie weder ironisch, noch von Zweifeln behaftet, noch als Angebot wirken. Jeder aber sieht jeden Tag, daß diese drei Formeln nicht alles sein können und daß sie auch dadurch der Wirklichkeit nicht näherrücken, daß irgend jemand sie Hunderte Male wiederholt.

In übersichtlicher, notwendiger, zwangsläufiger Zeit ist das anders: Das, was getan oder gedacht werden muß, liegt auf der Hand, leuchtet unmittelbar ein, ist in Formeln gut aufgehoben. Das Denken wird in eine Art Glauben überführt, das klare Wort reicht aus, keiner muß aus der vernebelten, politischen Landschaft ein paar Raffinessen destilieren. Man weiß endlich, was zu tun ist.

Ich weiß nicht, warum mich vor einigen Jahren ein Lied der Gruppe "Trotz der Lüge" so berührt hat. Der Text stammt von Rudolf Herzog aus dem Jahre 1914.  Alles Verworrene hatte in jenem August ein Ende, alles war simpel, und so ist auch der Text: das ist Wille zur Macht pur, und die Musik paßt hervorragend. Vielleicht habe ich beim Grübeln über der Kündigung deshalb an dieses Eiserne Gebet gedacht.

Hier ist der Link zum Lied auf youtube.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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