Sezession
25. Juni 2010

Die Frau mit den fünf Elefanten

Martin Lichtmesz

Einem Film mit einem derart blöd klingenden Titel wäre ich mit hartnäckigem Widerwillen aus dem Weg gegangen, hätte ich nicht den Tip einer feinsinnigen Ariadne bekommen, die mich drängte, ihn unbedingt anzusehen. Die besagte "Frau" ist die 1923 in Kiew geborene Swetlana Geier (Iwanowa), die "fünf Elefanten" sind fünf große Romane von Dostojewskij, die von ihr mit titanischer Anstrengung neu übersetzt wurden: "Verbrechen und Strafe" (vormals: "Schuld und Sühne"), "Die Brüder Karamasow", "Der Idiot", "Die bösen Geister" (vormals: "Die Dämonen") und "Ein grüner Junge" (vormals: "Der Jüngling").

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Neben Dostojewskij (zur Zeit arbeitet sie an ihrem wohl letzten Projekt „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“) hat Swetlana Geier im Laufe ihres viele Jahrzehnte währenden Schaffens Werke von Puschkin, Gogol, Tolstoi, Bulgakow, Solschenizyn und vielen anderen russischen Meistern übersetzt.

Der schlichte, aber konzentrierte, ebenso intime wie respektvoll Abstand haltende Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko lief schon im Januar des Jahres in den deutschen Kinos an. Ich hatte Glück: Ein kleines Nischenprogramm-Kino in Prenzlauer Berg, das sich auf russische Filme spezialisiert hat und an dessen Wänden sowjet-nostalgische Leninbilder hängen, spielt diesen bemerkenswerten Film immer noch, allerdings nur noch bis diesen Sonntag. Für Oktober ist eine DVD-Veröffentlichung geplant. Auch wenn (oder gerade weil) ihn bis dahin vermutlich wenige sehen können, möchte ich darauf hinweisen, da leider gerade solche stillen, unaufdringlichen Filme schnell unterzugehen und in Vergessenheit zu geraten drohen.

Ich bedaure, mir während der Vorführung keine Notizen gemacht zu haben, denn so kann ich die filmische Begegnung mit dieser außerordentlichen, ebenso uralten wie hellwachen Frau nur unzulänglich aus dem Gedächtnis wiedergeben. Bei einem Menschen, der zeit seines Lebens aus dem Wort heraus gelebt hat, ist nicht nur wichtig, wiederzugeben, was er sagt, sondern vor allem wie er es sagt. So aber kann ich viele der wunderbaren Zitate des Films nur sinngemäß und annähernd wiedergeben.

Da wäre zunächst einmal die Zeitzeugin, deren Jugend quer durch die tiefsten Abgründe des 20. Jahrhunderts, zwischen Stalin und Hitler verlief. Dabei könnten ihre Erzählungen den heutigen Bewältigern, die zu sehr auf Schablonen und postume Verurteilungen bedacht sind, eine Lektion in Demut erteilen.

Swetlana Geiers Vater wurde 1938 im Zuge der politischen Säuberungen verhaftet. Er war einer der wenigen (Geier: "20 Millionen kamen um, nur ein paar tausend wurden wieder freigelassen"), die wieder heimkehren durften: allerdings als psychisches und physisches Wrack. Ein halbes Jahr lang pflegte die 15jährige den Vater auf der Datscha der Familie, ehe er an den Folgen der Folterhaft starb.  "Ich werde euch alles erzählen, aber ihr dürft mich nichts fragen," pflegte er seiner Familie zu sagen. Nach siebzig Jahren sind seine Hemden und Stiefel in Geiers Gedächtnis geblieben, aber nichts von den Schrecken des Gulags - verdrängt, gelöscht, in eine Kammer geschlossen, "wie bei Blaubart".

Jahrzehnte später, just während der Dreharbeiten, erleidet ihr Sohn, der dem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, einen schweren Unfall. Swetlana Geier pflegt ihn wie einst den Vater, es kommt ihr vor wie "Generalprobe und Uraufführung." Leider hat auch dieses Stück denselben Verlauf und dasselbe tragische Ende: ein Jahr später stirbt der Sohn.

Swetlanas Familie war nicht die einzige, die schreckliche Erfahrungen mit dem stalinistischen Staat gemacht hat: Als deutsche Truppen im Herbst 1941 Kiew besetzten, wurden sie, wie der Kommentar ausdrücklich betont, von großen Teilen der Bevölkerung als Befreier begrüßt.  Doch bald wurde klar, daß sich der Terror nun lediglich von anderer Seite fortsetzte:  Eine Jugendfreundin Swetlanas wird zusammen mit den 30.000 Juden der Stadt zusammengetrieben, und vermutlich während des berüchtigten Massakers in der Schlucht von Babi Jar erschossen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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