Sezession
30. Juni 2010

Beim Knacken der türkisen Nuß

Martin Lichtmesz

Nach der in Teilen recht brauchbaren Serie über "Extremismus" ist man auf Endstation Rechts nun wieder dabei, das zu tun, was man dort am schlechtesten kann: nämlich die anspruchsvollere Feindliteratur, etwa die aus dem Hause Antaios, zu analysieren. Dabei beißt man sich Zähne regelmäßig schon am Verständnis der Grundlagen aus.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Mathias Brodkorbs Rezension des neuen Kaplaken-Bandes von Thorsten Hinz "Literatur aus der Schuldkolonie" ist dabei besonders kläglich geraten, und dies nicht nur wegen des offenbar ausgesprochen amusisch veranlagten Rezensenten.

Sehen wir uns das einmal im Detail an.

1. Die Besprechung setzt schon zu Beginn mit einem ziemlichen Unfug ein:

(Hinzens) Leidenschaft ist ein ums andere Mal die Geschichtspolitik und die Destruktion der von ihm so genannten „Holocaust-Religion“. Die Notwendigkeit einer solchen Leidenschaft ist aus national-konservativer Sicht eine Selbstverständlichkeit: Weil „rechts“ zu sein u.a. bedeutet, sich einer Tradition und „Schicksalsgemeinschaft“ verbunden zu fühlen, erweist sich die Zeitspanne von 1933-1945 als das schier unüberwindliche Dilemma des deutschen Nationalisten: Akzeptiert er Hitlers Nationalsozialismus als „notwendigen“ Bestandteil der deutschen Geschichte, zerstört er sich zugleich die Möglichkeit der bruchlosen Aneignung der „eigenen“ Vergangenheit; wird das „Dritte Reich“ jedoch als undeutsches Intermezzo und damit auch seine erinnernde Historisierung zurückgewiesen, hört der Betroffene Rechte zugleich auf ein echter Rechter zu sein.

Da ist zunächst einmal unklar, was denn hier das "Notwendige" am Dritten Reich als "Bestandteil der deutschen Geschichte" bezeichnen soll. Oder ist das "Unausweichliche", "Zwangsläufige" gemeint? Um das Rätselraten abzukürzen, ein bescheidener Vorschlag: einfach das überflüssige Wörtchen "notwendig" aus dem obigen Satz streichen, und schon löst sich das angeblich so "unüberwindliche Dilemma" der "Aneignung" der Vergangenheit, von der angesichts der an Brüchen so reichen deutschen Geschichte kein Mensch jemals behauptet oder gefordert hätte, daß sie "bruchlos" vor sich gehen solle oder könne. Die "Bruchlosigkeit" ist hier überhaupt kein relevantes Kriterium.

Wie Brodkorb nach Jahren von interessiertem Neue-Rechte-Watching auf diese Idee kommt, ist rätselhaft, zumal er ja selber einräumt, daß der Rechte mit der Zurückweisung der "erinnernden Historisierung" aufhören würde, ein "echter Rechter" zu sein.  Denn das ist exakt der Angelpunkt, von dem aus die "Holocaust-Religion" kritisiert wird: daß sie eben diese "erinnernde Historisierung" nicht leistet, ja sie verhindert.  Und schließlich bedeutet die "Akzeptanz" des Nationalsozialismus als "Bestandteil der deutschen Geschichte" nichts anderes als "erinnernde Historisierung", ist mit ihr völlig identisch. Die "Historisierung" schließt aber wohlgemerkt das, was man "Bewältigung" nennt, aus.

Weiters wäre das pathetische und eher un-hinzische Wort der "Schicksalsgemeinschaft" einfach durch das der "Nation" zu ersetzen, denn auf dieses historische Ganze ist der Blick des Autors gerichtet. Dann sind die Dinge wieder eine Spur weniger kompliziert, und dann haben wir auch die Grundlage vor Augen, auf der man eine Geschichte der deutschen Literatur überhaupt schreiben kann.  Das alles ist ja nun nichts wirklich Neues oder Ausgefallenes.

Darüber hinaus gilt das von Brodkorb Gesagte nicht allein für den "Nationalkonservativen" (noch so ein Unwort), sondern auch für jeden braven FDGO-Bundesrepublikaner, der etwa die "Holocaustreligion" verinnerlicht hat, die ja nicht minder mit geschichtspolitischen "Leidenschaften", die noch dazu als "notwendig" erachtet werden, gepflastert ist. Dieser mag zwar kein "Rechter" und auch kein "Nationalist" sein, steht aber nicht weniger in der Kontinuität einer historischen Tradition und "Schicksalsgemeinschaft", inklusive diverser Brüche, ja mit dem Bruch schlechthin als Grundlage. Aber das ist eben immer noch nichts anderes als ein nationales Narrativ, allerdings ein stark negativ akzentuiertes - und genau dagegen richtet sich die Kritik von Thorsten Hinz.

2. Brodkorb wirft Hinz vor:

An die Stelle der „Tendenzliteratur“ von links möchte er eine ebenso tendenziöse Literatur von rechts gesetzt sehen, die nicht mehr Auschwitz, sondern das „Selbsterlittene“ (78) in den Vordergrund stellt. Allerdings wäre damit an die Literatur noch immer nicht ein in erster Linie ästhetischer Anspruch gestellt, sondern lediglich das politische Vorzeichen verändert.

Den Appell nach einer "Tendenzliteratur von rechts" kann man aus Hinz' Essay nicht ernsthaft herauslesen. Das Gegenteil ist der Fall. Über seine diesbezüglichen ästhetischen Kriterien gibt Hinz dem Leser hinreichend Auskunft, um eine solche Verwechslung auszuschließen. Außerdem ist eine Literatur, die eine "Tendenz" erkennen läßt,  nicht dasselbe wie "Tendenzliteratur", die vor allem durch ideologische Einseitigkeit gekennzeichnet ist und die Erzählung der zu propagierenden Weltanschauung unterordnet, statt umgekehrt.

Sprechen wir statt von "Tendenz" lieber von "Perspektive". Weder der von Hinz ins Feld geführte Gerd Gaiser noch Ernst von Salomon haben "Tendenzliteratur" geschrieben - sie haben aber eine dezidierte, zum Teil polemische Perspektive auf die Dinge eingenommen, die jedoch Vieldeutigkeit und Komplexität nicht ausschließt.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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