Ganz oben

Immer, wenn wieder einmal Wahlen anstehen, und vor allem ausgehen, muß ich an die lustige Geschichte vom Frosch im heißen Wasser denken.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Komisch, nicht? Auch sin­ken­des Niveau ist eine Fra­ge der Akkli­ma­ti­sie­rung.  Wen juckt’s also noch, wem fällt es noch auf? Wie lan­ge lie­gen die Zei­ten nun zurück, in denen man es für unfaß­bar gehal­ten hät­te, daß ein Lebe­we­sen wie Chris­ti­an Wul­ff ein­mal deut­sches Staats­ober­haupt wer­den könnte?

Eine gewis­se Schlüs­sig­keit hat das Wahl­er­geb­nis: Kann man sich ein pas­sen­de­res sym­bo­li­sches Ant­litz für das Sys­tem vor­stel­len, als das von Wul­ff? “Wie kann die­ser Mann Prä­si­dent aller Deut­schen sein?”, frag­te Roland Glä­ser im JF-Blog. Nun: eben drum! Die­ser per­fek­te Ava­tar der seich­ten, strom­li­ni­en­för­mi­gen, pro­fil­lo­sen Nicht-Per­sön­lich­keit, ein aal­glat­ter, poli­tisch über­kor­rek­ter Angepaß­ter, der sich in Kin­der­gar­ten­spra­che aus­zu­drü­cken beliebt. Aber die­sen infan­ti­len Habi­tus sind wir ja von Tan­te Mer­kel gewohnt. Inso­fern sind wir schon vor­be­rei­tet für das nächs­te höher tem­pe­rier­te Becken.

Wer ist noch imstan­de, Ach­tung vor einer sol­chen Gestalt zu haben? Schon vor Mer­kel und Wes­ter­wel­le hat kein Mensch mehr Respekt. Hier hat eine jahr­zehn­te­lan­ge, stu­fen­wei­se Nega­tiv­aus­le­se nun wirk­lich den unters­ten Dreck nach ganz oben gespült.  Das sage ich, damit nie­mand spä­ter von uns behaup­ten kann, wir hät­ten von nichts gewußt. Indes­sen waren die Alter­na­tiv­an­ge­bo­te kaum bes­ser, und es muß­ten erst­mal drei zähe Wahl­gän­ge absol­viert wer­den, bis die Obs­ti­pa­ti­on ein Ende fand.

So ist das eben in der Olig­ar­chie: Man kann zwar frei wäh­len, aber lei­der nur aus einem Buf­fet von ein paar “letz­ten Men­schen” frei nach Nietz­sche, und dies­mal hat eben der letz­tes­te gewon­nen, wobei auch das wohl Geschmacks­fra­ge ist (den Jux­kan­di­da­ten mit der Gitar­re, der eine Kate­go­rie für sich ist, las­se ich mal außen vor – dan­ke, NPD, für die­se gelun­ge­ne Dada-Akti­on! Das mei­ne ich gänz­lich uniro­nisch und unsarkastisch.)

Pas­sen­der­wei­se lese ich gera­de den Kapla­ken-Band Wozu Poli­tik? von Erik Leh­nert, ein wohl­tu­end erden­des und abküh­len­des Gegen­gift zu dem täg­li­chen Nar­ren­haus.  Zur Fei­er des Tages dar­aus ein Zitat:

Erstaun­lich ist es, daß die glei­chen zahn­lo­sen Poli­ti­ker es durch­aus schaf­fen, sich in der eige­nen Par­tei durch­zu­set­zen. Aller­dings sind die hier benö­tig­ten Eigen­schaf­ten ande­re. Der Aus­le­se­pro­zeß in der eige­nen Par­tei ist so beschaf­fen, daß Pro­fil, kon­se­quen­te Ent­schei­dun­gen und Über­zeu­gun­gen eher zu dem gehö­ren, was die Kar­rie­re behin­dert. Die Ver­hal­tens­re­gel lau­tet: Ver­mei­de Ver­ant­wor­tung, wo es geht, es könn­te sein, daß dich jemand beim Wort nimmt. Die Orga­ni­sa­ti­on der Par­tei als Olig­ar­chie führt zu einer Nega­tiv­aus­le­se, die die Bes­ten abschreckt. Außer­halb der Par­tei­bü­ro­kra­tie gibt es kei­nen Raum, in dem sich eine poli­ti­sche Eli­te bil­den könn­te. “Dies aber heißt, daß Poli­tik zum Beruf und zur Kar­rie­re gewor­den ist und daß die ‘Eli­te’ daher nach Maß­stä­ben und Kri­te­ri­en aus­ge­sucht wird, die selbst zutiefst unpo­li­tisch sind.” (Han­nah Arendt)

(…)

Franz Wal­ter, der Göt­tin­ger Par­tei­en­for­scher, hat seit eini­ger Zeit ver­sucht, die Fra­ge zu beant­wor­ten, “war­um Poli­ti­ker nicht die Klügs­ten sind”. Es erweist sich in der Regel als Vor­teil, so Wal­ter, nicht über die Maßen klug zu sein. “Der Man­gel an Zwei­fel am eige­nen Tun erleich­tert das poli­ti­sche Füh­rungs­le­ben, wäh­rend Skru­pel und Refle­xi­ons­wut es erheb­lich erschwe­ren.” Und “um ganz oben im Zen­trum der Macht zu über­le­ben, ist es rat­sam, sich poli­tisch nicht vor­schnell prä­zi­se fest­zu­le­gen.” Das erfor­dert stra­te­gi­sches Vor­ge­hen. Der Poli­ti­ker “ope­riert geheim; er täuscht, legt fal­sche Spu­ren, hebt Fall­gru­ben aus, lau­ert hin­ter Hecken. Er hat aller­dings Vor­sor­ge dafür zu tref­fen, daß dies alles zugleich als ‘authen­tisch’ erscheint, also mit dem ‘Saum des Glau­bens’ aus­ge­stat­tet wird. Seit jeher küm­mert sich die erfolg­rei­che Füh­rung dar­um, ihr Tun mora­lisch zu verbrämen.”

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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