Sezession
5. Juli 2010

Staatspolitische Aktionskunst eines freiwilligen Beamten

Felix Menzel / 16 Kommentare

Eine einfach nur schöne Idee hat der Schweizer Künstler Roland Roos in den letzten zwei Jahren umgesetzt. Überall dort, wo in der Öffentlichkeit Reparaturen notwendig waren, hat Roos sie durchgeführt. Er hat beispielsweise beschädigte Straßenschilder in Ordnung gebracht und sich der kaputten Schaukel auf dem Spielplatz angenommen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Das Projekt nennt Roos „Free Repair“. Dokumentiert hat er es fotografisch mit Vorher-/Nachher-Bildern. Die Fotos kann man für 320 Schweizer Franken erwerben. Dieser Preis entspricht dem Künstler zufolge den durchschnittlichen Kosten für eine Reparatur.

Dieses kleine, aber feine Aktionskunstwerk zeigt, wie man seinen Dienst in einem Staat verrichten kann, der darauf keinen Wert mehr legt. Die Taten von Roos sind politische Kunst im besten Sinne. Diese orientiert sich an einer Ethik, die sich dem Wohl des Gemeinwesens verpflichtet fühlt. Der Künstler hat zwar nicht die Machtmittel, um den Staat oder die Gesellschaft neu zu formen, aber er kann an ausgewählten Exempeln symbolische Vorbilder statuieren und als Vorbild für etwaige Nachahmer vorangehen.

Bild: © Manfred Schimmel / pixelio.de


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (16)

Torsten
5. Juli 2010 08:59

Zumindest in Ansätzen kann man dieses Verhalten - den freiwilligen Einsatz für die Gemeinschaft - noch im ländlichen Raum beobachten, zumindest in Oberbayern. Man sollte nicht vergessen, dass es gerade die negativen, teilweise von der Linken geförderten Seiten der modernen Gesellschaft sind - wie zum Beispiel Individualisierung, Selbstverwirklichung und Anonymisierung - die zu dieser Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl geführt haben.

Anna
5. Juli 2010 09:55

Natürlich ist es nett von dem Künstler, daß er (erstmal) kostenlos die Schaukel repariert.

Ich sehe das so, daß der Staat nicht genug Personen einstellen will bzw. kann, die eben diese Arbeit tun. Darum werden diese Kosten für den öffentlichen Raum auf die privaten Haushalte verlagert (die dann eben die Reparaturen bezahlen).

Falls das einfach ein Tip für Arbeitslose sein sollte - dafür braucht man erstmal Kapital als Vorschuß, und das kann sich wohl nur ein einigermaßen gut situierten Künstler leisten...

Martin Lichtmesz
5. Juli 2010 10:22

Das ist zwar ein feiner gemeinnütziger Zug von Herrn Roos, das aber als "Kunst" zu bezeichnen, besteht keine Veranlaßung.

Freedy
5. Juli 2010 12:11

Handwerks- und Lebenskunst kann man das nennen.
Einst sprach man in Abgrenzung davon auch von den schönen Künsten. Heute ist der Begriff des Schönen freilich allzu sehr dem Relativismus geopfert.
Wenn man Schlaglöcher kaufen kann (wie in Niederzimmern bei Weimar), dann kann man sie auch (werblich) weiterverwerten. Ähnlich ist es ja auch mit Stifterbriefen (für die Dresdner Frauenkirche etwa) oder mit einfachen Parkbänken oder Tierparkgehegen, an denen der Name ihres Spenders angebracht ist.
Nur auf diese Weise ist wirklich öffentliches Gut zu erschaffen. Denn immer wenn der Staat Geld ausgibt, muß das Volk verzichten.

joseph beuys
5. Juli 2010 12:24

Lieber Herr Lichtmesz!

Ich möchte Ihnen grundlegend widersprechen in Ihrer Annahme, die oben veranschaulichten Taten eines Herrn Roos seien keine Kunst. Mir ist unverständlich, wie genau Sie sonst Kunst definieren mögen, wenn nicht so. Nicht nur ich selbst habe mit meinen Happenings und Sozialen Plastiken den Weg frei gemacht aus der Verkarstung des Schubladendenkens, die davon ausging, Kunst sei nur ein schöner Ölschinken überm Biedermeier-Sofa.
Wenn Herr Roos freiwillige Reparaturen durchführt, dann ist das soziale Interaktion, er will, daß über Werte nachgedacht wird, über ökonomische und über kulturelle. Er will, daß überhaupt nachgedacht wird. Fahren Sie nach Wien! Sehen Sie sich Rebecca Horn an und Erwin Wurm! Kunst beginnt nach dem Konsum des Kunstwerkes, dann, wenn das Hirn arbeitet: https://www.denkpraxis.ch/denkbuch-Dateien/image042.jpg

Ihr
Joseph Beuys

Toni Roidl
5. Juli 2010 13:27

Das erinnert an die Guerilla-Gärtner, die nachts heimlich innerstädtische Brachen und Verkehrsinseln mit Blumen oder Gemüse bepflanzen. Auch eine gute Sache.

tacitus
5. Juli 2010 13:41

Ich denke nicht, daß der Benutzer einer wieder intakten Kinderschaukel darüber nachdenkt, wer sie repariert hat. Haptsache, man kann mit dem Gerät wieder spielen. Eine gesellschaftliche Interaktion findet so nicht statt. Das geschieht erst dann, wenn die genannte Fotosammlung zum Projekt erstanden wird. Aber ich wage die Prognose, daß allein durch den Preis die Masse der Interessenten abgeschreckt wird.
Hier fühlt sich ein Mensch verantwortlich. Das ist lobenswert. Warum man nun daraus "Kunst" machen will, verstehe ich nicht.

Martin Lichtmesz
5. Juli 2010 13:58

Lieber Herr Beuys,

Wie konnte ich reaktionärer Tropf das bloß vergessen! Ich danke Ihnen, daß Sie freundlicherweise extra aus dem Hades heraufgefahren sind, um dem tumben Lichtmesz das Nachdenken zu erklären! Zeige deine Schaukel! Jeder Mensch ist ein Gärtner! Staatsverwaldgangung statt Staatsverwaltung!

Ihr

M.L.

Pingelich
5. Juli 2010 14:29

Veranlassung auch nach alter Rechtschreibung mit einem Doppel-S statt einem ß.

Freiheitsverherrlicher
5. Juli 2010 14:35

"Freiwilliger Beamter" heißt ja wohl, ALG II zu beziehen und, so abgesichert, im öffentlichen Raum den Vollstrecker öffentlicher Gewalt spielen.

Gehen Sie lieber einer geregelten Beschäftigung nach, Sie kleinen Hartzler!

Martin
5. Juli 2010 15:04

... mich nervt es zumeist, wenn Kunst Oberlehrerhaft daherkommt. Daher mag ich beispielsweise die "Plakatkunst" eines Herrn Staek überhaupt nicht, unabhängig davon, dass Herr Staek sich als linker geriert ...

Beim hier vorgestellten wird eigentlich auf einer Platitüde herumgeritten und der Grad des Konsenses zu deratigen Handlungen dürfte überwältigend hoch sein, der "Künstler" hätte auch etwas mit "Kindern" oder "Behinderten" machen können, um genauso everybodies darling zu sein - genau das weckt in mir einen Widerspruch, den ich rational nicht so recht begründen kann. Irgendwie kommt mir dabei auch eine Szene aus dem Comic "Asterix bei den Schweizern" in den Sinn, wo die dortigen Helveten allem fast manisch hinterherputzen, einschließlich einem Fleck auf der Toga des römischen Statthalters und der römische Statthalter dann ganz entnervt sagt, der Fleck bleibt, eine Orgie hat schmutzig zu sein ...

Das hier vorgestellte Projekt hat aber zumindest den Nutzen, dass ein konkreter Handlungsbedarf beseitigt wurde ... auf eine Diskussion, ob das nun wirklich Kunst ist oder politische Agitation, möchte ich mich aber nicht wirklich einlassen ...

Yvonne
5. Juli 2010 16:12

Wenn man mal etwas Nützliches für die Gemeinschaft tut, so ist es deshalb doch nicht gleich eine Heldentat und auch erst Recht keine erwähnenswerte Kunst. Ich finde die Aktion absolut lächerlich und doof!

Merus
5. Juli 2010 16:57

Genau das möchte der Staat doch mit seiner provokanten Vernachlässigung seiner Pflichten erreichen. Der Sache nützlicher wäre es gewesen, seine Zeit auf die Sabotage der Dienstautos sogenannter Politiker zu verwenden, die auf Kosten der Allgemeinheit das Land nur noch mehr kaputt machen.

Ein hübscher Slogan für die "Sezession" wäre auch "damn right". Egal.

Ijon Tichy
7. Juli 2010 23:29

In so verprollten Zeiten wie heute ist es sehr wohl eine Heldentat und meinetwegen auch Kunst im öffentlichen Raum ein wenig für Ordnung zu sorgen.

Wie stark sich diese sozialistische Leck-mich-Mentalität, die zu jenen Wüsten der Verwahrlosung führt, inzwischen verbreitet hat, ist an den Auslassungen mancher hier Mitkakelnder (bezeichnenderweise der MitkakelndInnen) gut zu erkennen.

Wenn dies schon am grünen Holz der gefühlten Konservativen/Rechten geschieht, ...

Yvonne
8. Juli 2010 13:26

@Ijon Tichy
Ich sag Ihnen mal was: Wenn man Kinder hat, so wie wir, dann ist man ständig mit irgendwelchen Sonderaufgaben, für deren Ausführung ja eigentlich auch Steuern gezahlt werden, befasst. Wir waren schon in Initiativen zur Rettung vergammelnder Spielplätze, haben teilgenommen an Müllsammlungen in örtlichen Grünanlagen, desweiteren stehen nahezu jährliches Klassenraum streichen, Schulhofgestaltung, Cafeteriadienste etc. auf dem Programm einer normalen deutschen Familie. Auf die Idee, so etwas zur Kunst zu stilisieren, kann wohl nur jemand kommen, der sonst nichts zu tun hat.
Desweiteren bin ich keineswegs prollig, sondern verfüge über ein abgeschlossenes Hochschulstudium und führe ein sehr bürgerliches Leben als Hausfrau und Mutter, was mich allerdings nicht davon abhält, mich auf die Seite derjenigen hier zu stellen, die sich das so nicht leisten können. Eine "sozialistische Leck-Mich-Mentalität" ist mir ebenfalls fremd. Außerdem: wieso und wofür ist es bezeichnend, daß ich als Frau diese Einstellung habe? Und, nebenbei, "MitkakelndInnen" ist eine grausige Wortschöpfung.

Martin
9. Juli 2010 10:15

Konservativ ist es, gutes zu tun und darüber NICHT zu sprechen ... kein Wunder also, dass der schweizer Kunstlehrer hier nicht auf volle und ungeteilte Zustimmung stößt ...

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