5. Juli 2010

Jean Raspail: Die Republik verrät das Vaterland

Martin Lichtmesz

Heute feiert einer der faszinierendsten lebenden Vertreter der französischen Rechten alter Schule seinen 85. Geburtstag: Jean Raspail, Reiseschriftsteller, Expeditionsführer, Romancier, katholischer Royalist und ehrenamtlicher "Konsul von Patagonien". 

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Bekannt wurde er zunächst mit romanhaften Berichten aus den Randgebieten der Erde, von Alaska bis zur Karibik und darüber hinaus, deren erster, "Terre de Feu" 1952 erschien. Frühe Fotografien zeigen einen sportlichen, asketischen wirkenden Mann mit klassisch gallischen Gesichtszügen und der Aura eines Abenteurers. Raspails besonderes Interesse galt schon früh dem Schicksal bedrohter und ausgerotteter Völker. Sein Buch "Sie waren die ersten" (Qui se souvient des hommes?, 1986), eines der wenigen, die ins Deutsche übersetzt wurden, etwa handelt von "Tragödie und Ende der Feuerlandindianer".

Das Schicksal der Indianer sieht Raspail inzwischen auch auf den weißen Mann zukommen, und von dessen Untergang handelt sein weltweit bekanntestes (und berüchtigtstes) Buch, der auch auf deutsch erhältliche dystopische Roman "Das Heerlager der Heiligen" (Le camp des saints) aus dem Jahr 1973.

In Form einer Swiftschen Satire schildert Raspail darin, wie eine Flotte mit Hundertausenden hungernden, leprakranken, verzweifelten Indern auf die Festung Europa zusteuert, deren Intellektuelle und Politiker angesichts dieser Invasion in einen humanitären, von Schuldkomplexen angestachelten Rausch verfallen, und die eine allgemeine Mobilmachung ausrufen, nicht um sich zu verteidigen, sondern um die unterdrückten "Brüder" aus dem Osten mit offenen Armen zu empfangen. Inzwischen vermeinen die Millionen in Frankreich lebenden Farbigen den Glockenschlag der Stunde des revolutionären Umsturzes zu vernehmen, in der sie sich zu den neuen Herren des Kontinents aufschwingen werden.

Als die Todesflotte (eine geraffte Metapher für Prozesse, die sich seit Jahrzehnten mit steigender Tendenz abspielen) an der französischen Küste landet, desertiert die nicht mehr ganz so ruhmreiche Armee vor der Flut der Hungergespenster, die wie Romeros Zombies auf  die Kornkammern und goldenen Städte des dekadenten Westens zumarschieren. Die einzigen, die sich am Ende noch einfinden zur Verteidigung des verlorenen Postens und letzten Lochs des Abendlandes, das schließlich "not with a bang but with a whimper" untergeht, ist eine eher schrullige Schar von knapp zwanzig Mann, die sich unter anderem aus einem griechischen Admiral, einem assimilierten Hindu, einem Herzog, einem korsischen Bordellbesitzer und einem alten Literaturprofessor zusammensetzt. Inzwischen brechen in den Städten die Aufstände aus, denen kaum Widerstand entgegengesetzt wird.

Denn da stand die breite Masse. Finstere Bataillone von Abgeordneten der Dritten Welt in Paris. Und auch sie waren da: der "Doyen" der Schwarzen aus den Vororten, der Chef des Rattenvolkes samt seinen weißen Beratern und dem militanten Straßenfegerpriester, dann der "einäugige Kadi" und sein Stab, der lächelnde Mamadou, und alle Kräuselhaarigen, diese unzähligen Braungebrannten, Verachteten, Gespenster, die Fleißigen des weißen Wohlstands, die Putzer, die Höhlenbewohner, die Widerlichen und Wüstlinge, die Spucker, die Frauenlosen, die Austauschbaren, die Geopferten und Unentbehrlichen. Sie alle sagen nichts Besonderes. Sie sind die Macht, und von an wissen sie es und werden es nie vergessen. Wenn sie nicht einig sind, knurren sie einfach, und man bemerkt schnell, daß dieses Knurren die Debatten bestimmt. Denn wohlverstanden, fünf Milliarden Menschen auf der ganzen Erde. Wenn diese knurren! Indessen schließen mit Marcel und Josiane siebenhundert Millionen Weiße die Augen und verstopfen sich die Ohren ...

Heute kann angesichts der demographischen Lage Europas und der täglich an den Küsten des Mittelmeers eintreffenden Flüchtlingsboote aus Afrika kaum mehr an der Triftigkeit von Raspails Prophetie gezweifelt werden. Die europäischen Eliten reagieren darauf nicht anders als in seinem Roman beschrieben.

2005 erschien die romantisch-royalistische Phantasie "Sire" in deutscher Übersetzung. Ein von Ivan Denes geführtes Interview mit der Jungen Freiheit aus dem Jahr 2006 gibt es hier. 2008 wurde in Frankreich ein erfolgreicher zweibändiger Abenteuercomic nach einen Roman von Raspail aus der Feder von Jacques Terpent veröffentlicht. Für die Französischkundigen gibt es Videoaufzeichnungen mit Raspail auf Youtube, hier und hier.

Sezession im Netz bringt zum 85. Geburtstag des Schriftstellers die Übersetzung eines Artikels, der am 17. Juni 2004 im Figaro erschien.  Sein Titel "Das Vaterland wird von der Republik verraten" kann uneingeschränkt auch für Deutschland gelten.
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