Sezession
9. Juli 2010

Rassismus und Antirassismus in Schnellroda

Ellen Kositza

Wo das Integrationsgelingen unserer Republik sich angeblich an der Fußball-Nationalmannschaft ablesen läßt und der neue Bundespräsident die Hoffnung hegt, das Land werde (noch) bunter, sei ein Blick auf die Artenvielfalt im Rittergut Schnellroda gewährt. Wir finden vor: kunterbuntes Durcheinander neben knallhartem Rassismus. Beides erweist sich als recht fruchtbar.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Euer Garten sieht ja - naja, nicht gerade deutsch aus“, befand ein Nachbar. Das stimmt einwandfrei beim vergleichenden Blick nach rechts und links. Mit geraden Saatreihen und vor allem mit konsequenter Auslese tue ich mich schwer. Ausgemerzt wird nur, was parasitär wuchert und mir nicht gefällt. Greiskraut , Nelkenwurz und Kanadische Goldrute jähte ich mit Stumpf und Stiel. Ich mag gelb nicht so. Und man kennt das Bild ja nahezu deutschlandweit von Bahndämmen: Dort, wo vor Jahren noch die prächtige Königskerze stand, macht sich massenweise die eingewanderte, ordinäre Goldrute breit.

Klassische Unkräuter wie Ackergauchheil, Erdrauch und, nun durch pure Größe dominierend, Mohn, Ringelblumen, Kamille und die Borretschriesen dürfen im Rittergutgarten stehenbleiben, wo´s Ihnen gefällt. Das Such- und Wimmelbild links oben zeigt, kaum zu glauben, mein Tomaten, Gurken- und Mangoldbeet, alles eigene Zucht und alte Sorten, denen das bedrängende Umfeld nicht allzu viel ausmacht. Ökonomisch hocheffektiv ist das nicht, aber schön.

Von den Sorten zu den Rassen: Seit vielen Jahren halten wir Enten: Türkenenten. Seitdem unser zugelaufener Mischlingshund mal die Jungtürken dezimiert hat (wochenlang hieß es: Schau, die spielen ja richtig miteinander!) halten wir nun strikt auf Rassentrennung. Gerade haben wir 9 halbwüchsige und 12 zwei Wochen alte. Bei den Hühnern halten wir ein gemischtes Volk aus Thüringer Barthühnern, Sussex, Italienern und meinen Favoriten, den verschmusten Amrocks. Eine scheue, schmale Italienerin gluckt seit zweieinhalb Wochen auf 12 unterschiedlichen Eiern – zu erwarten ist demnach noch im Juli ein Multikulti-Schlag.

Seit Juni haben wir eine weitere Hühnerschar samt Hahn, die wir rasserein halten wollen, was nur bei getrennten Gehegen geht, weil so ein Hahn mehrmals täglich und eher wahllos „heiraten“ möchte. Es ist das Deutsche Reichshuhn in den Farben schwarz-weiß-rot. Ein stolz aufgerichtetes Prachtvieh, sehr legefreudig. Wir haben fünf Eier von vier Hühnern am Tag, eine wahre Wunderrasse (seit 1907 eingetragen), die trotz Erholung des Bestands (Rote Liste der gefährdeten Haustierrassen) in den letzten Jahren nur mit etwa 1700 Exemplaren in Deutschland vertreten ist.

Zusätzlich haben wir seit einiger Zeit drei junge Gänsedamen, die den Rasen kurzhalten, ihn allerdings eher ungepflegt hinterlassen. Es sind sogenannte Steinbacher Kampfgänse – schöne, kluge und zutrauliche Tiere. Tagsüber kommt der Stallhase mit in den Pferch. Das klappt wunderbar. Jedenfalls solange, wie unsere Kinder mit einem Antirassismus-Banner Propaganda machen und die ungleichen Tiere zu Respekt & Toleranz anhalten. Fehlt das Banner, wird immer wieder gezwickt und gezwackt. So sind die Leute!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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