Sezession
1. August 2008

War Ernst Rowohlt ein Nazi?

Erik Lehnert

Immerhin hat er sie bis zuletzt gedeckt und dabei sogar seinen Verlag riskiert und schließlich auch verloren. Ein schönes Beispiel dafür ist Paul Mayer, seit 1919 Lektor bei Rowohlt, der 1938 emigrieren konnte und nach Rowohlts Tod diesem mit seiner Biographie ein Denkmal (das dem Spiegel gar nicht gefällt) gesetzt hat. Wenn Rowohlt der gewesen wäre, für den ihn der Spiegel hält, hätte er das wohl nicht gemacht. Nebenbei bemerkt: Wenn der Artikel des Spiegel keine denunziatorische Tendenz haben sollte, wäre positiv vermerkt worden, daß Mayer Jude war. Das wird aber verschwiegen.
Verschweigen, Unterstellungen und ein falscher Zungenschlag bestimmen diesen Versuch, Rowohlt etwas anzuhängen. Das Infame besteht in diesem Fall darin, daß es sich bei Rowohlt um einen in jeder Hinsicht vorbildlichen Menschen handelte, der sich nach allen Zeugnissen menschlich tadellos gehalten hat. Um das zu erkennen, muß man die Situation offenbar selbst erlebt haben oder aber wenigstens verstehen wollen, und das bedeutet, dem anderen zunächst einmal (wenn nicht pathologisches oder kriminelles Verhalten vorliegt) nichts zu unterstellen, was einem selbst fremd wäre. „Auf der Grundlage des Erlebens und des Verstehens seiner selbst, und in beständiger Wechselwirkung beider miteinander, bildet sich das Verstehen fremder Lebensäußerungen und Personen." (Dilthey) Verstehen ist ein Prozeß, der nicht ohne eigenen Einsatz zu haben ist. Zunächst muß man dabei beachten, „daß man das Verhalten der unter Diktatoren Lebenden und Aushaltenden nicht an Maßstäben messen sollte, die in liberalen Demokratien üblich sind" (Gottfried Dietze).
Rowohlt war Verleger aus Leidenschaft. Er verlegte „Bücher, um das Leben stärker zu fühlen" (Friedrich Sieburg). Er repräsentierte in der Weimarer Republik ein weltanschaulich nicht festgelegtes Programm, das Qualität in den Mittelpunkt stellte. Das brachte ihm nach 1933 den Vorwurf des „Kulturbolschewismus" ein. Sein Bemühen auch nach 1933 seiner Verantwortung als „Mittler des geistigen Gutes" (Jean Gebser) nachzukommen, kann unter dem gegenwärtigen Differenzierungsverbot nicht gewürdigt werden. Den „letzten Feldzug gegen den Adel des Menschen" (Jaspers) hat der mißgünstige Kleingeist, in diesem Fall die Spiegel-Journalisten, gewonnen. Wenn Rowohlt angesichts dieser Sachlage aufgegeben hätte, wären seine Angestellten arbeitslos gewesen, was besonders für die beiden jüdischen Lektoren schlimme Konsequenzen gehabt hätte. (Auch im NS mußte man Essen und Miete bezahlen, Geld verdienen.) Rowohlt war kein Samariter, der half, um zu helfen. Er konnte nur helfen, wenn er erfolgreich Bücher verlegen würde. Dem hat er alles untergeordnet. Bis zu einem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Wenn man so will, hat er die kleinen Lügen gewählt, um den großen Verrat nicht begehen zu müssen. Und nach Sachlage hat er ihn nicht begangen. Wer kann das heute von sich behaupten?

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.