Sezession
15. Juli 2010

Kurzurlaub in Offenbach

Ellen Kositza

Daß ich vor neun Jahren aus meiner Heimatstadt Offenbach fortzog, über Dresden nach Schnellroda, hatte eine Handvoll Gründe. Die Bevölkerungszusammensetzung in Offenbach war einer davon. Mit der multikulturellen Wirklichkeit hatte ich so meine Erfahrungen gemacht – meine Kinder sollten das nicht nötig haben. Heute bin ich gern und recht häufig kurzfristiger Heimkehrer.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Den demographischen Wandel dort betrachte ich mittlerweile mit distanzierterem Interesse. Seit 1960 hat Offenbach eine gleichbleibende Bevölkerungszahl - knapp unter 120.000 Einwohner. Der Anteil an Personen mit „Migrationshintergrund“ ist schwer ermittelbar. 30% jedenfalls haben keinen deutschen Paß. Möglicherweise ist das bundesweit Spitze, sicher unter den Top Ten. Bei den 20- bis 39jährigen sind es 44%, bei den Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren 36%. Dieser quotenmäßige Rückgang bedeutet nicht, daß Offenbachs Attraktivität für fremdländische Bürger sukzessive sinke!

Ich habe eine Beilage der Lokalzeitung durchgeblättert, in der alle Schulabgänger dieses Jahrgangs mit Photo und Namen abgebildet bzw. verzeichnet sind. Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien, also ein großer Teil der 16- bis 19jährigen Offenbacher. Das wirft ein Licht auf den mutmaßlichen Anteil an reinen „Paßdeutschen“: Allein auf der konfessionell gebundenen Mädchenschule finde ich eine wohl bundesdurchschnittliche Anzahl an Migrantenkindern, es sind um die vier bis acht fremdländisch klingende Namen pro Photo, dies über verschiedene Schulformen hinweg. Bei sämtlichen Hauptschulklassen Offenbachs lese ich entweder keinen einzigen, einen oder zwei „deutsche“ Namen (Kevin, Marco etc. mitgerechnet), bei den Realschulen und Wirtschaftsgymnasien sind es im Schnitt 10 bis 20 % mutmaßlich Deutschstämmige, bei den Gymnasien variiert es stark (und zwar strikt analog zum „Ruf“ der Schule) zwischen etwa 30 und 70% fremdländischen Namen.

Mein Elternhaus liegt in einem eher privilegierten Vorort, dessen Umfeld ich für nahezu paradiesisch halte. Sehr grün, mit Schloß, Park und einem hübschen Ortskern, hier wohnen Rechtsanwälte, Lehrer und mancher Landtagsabgeordneter. Der Mainbogen windet sich zu Füßen des Ortes, dort ist es besonders schön. Als mein Vater in den als Heimatvertriebener aus Schlesien nach Offenbach kam, lebte er eine Zeitlang in den Kellerruinen des mittlerweile prächtig wieder aufgebauten Rumpenheimer Schlosses. Mit seinen Freunden, quasi direkt aus dem Schloßkellerfenster heraus, schwamm er im Main und machte sich seinen Spaß, dabei an Bord der Handelsschiffe zu klettern. In meiner Kindheit war das mein Traum: wieder im Main, dieser längst stinkenden Brühe schwimmen zu können! Flußschwimmen ist seit je meine Leidenschaft. Seit ein paar Jahren geht´s auch wieder im Main. Nicht überall ist der Strom so schön wie in meinem Vorort. In der Innenstadt ist das Ufer betoniert, Ratten queren gelegentlich die asphaltierten Gestade. Als Kind fütterte ich hier manchmal Stockenten. Seit ein paar Jahren sind die Stockenten geflüchtet oder vertrieben. Ägyptische Nilgänse haben sich breitgemacht. Im Kampf – gelegentlich war ich Augenzeuge - unterliegen die Autochthonen den Exoten. Ausnahmslos. Nichts gegen die Ägyptische Nilgans als solches: ein schönes Tier! Am Nil oder sonstwo würde ich sie direkt mögen. Hier aber macht sie sich dick und breit. Eine gewisse Koexistenz ist offenbar möglich, die Stockenten sind am innerstädtischen Ufer aber deutlich in der Minderzahl. Menschen schwimmen dort nicht.

In meinem Vorort dagegen hat es herrliche Flußstrände. Der Main ist träge, viel träger als die von mir mit Vorliebe beschwommenen Flüsse Elbe und Unstrut. Meinem Sohn habe ich diese Woche im Main das Schwimmen beigebracht. Das restliche Badepublikum war in den vergangenen Tagen konstant gleichbleibend besetzt: etwa fünfzehn Leute, die man für „Hiesige“ halten könnte und etwa fünfzehn, deren Staatsbürgerschaft ich nicht kenne, deren Haut aber deutlich dunkler ist als meine stark gebräunte. Unter den Hellhäutigen unterhielt sich eine Gruppe in einer slawischen Sprache. Polen, sagte mein Vater, Kroaten, meinte ich. Papa fragte nach einigem höflichen Geplänkel nach. Fehler! Die klassische no go-Frage! Verletzte Antwort in Beinahe-Hochdeutsch: „Wir sind Deutsche. Und Sie?“ So leicht, eine Grenze des Anstands zu überschreiten, gerade als Deutscher!

Natürlich gab es aber keine Konflikte am Strand, warum auch? Es war Wasser und Sand genug da für alle. Wir sind ja keine Enten!

Mein Sohn hörte meinen Vater und mich über Migrantenquoten reden und warf ein (man sagt ja häufig, Kinder seien diesbezüglich „farbenblind“): „Gell, Ausländer sind doch die, die alle so dick sind!“, und das war hier nicht mal falsch. Ins Ohr fragte er anschließend: „Stimmt´s, wenn die zueinander dauernd Fotze und Hurensohn und sowas sagen, dann ist das nicht wirklich bös gemeint?“

Gestern fuhr ich wieder zurück nach Schnellroda. Abends ging's mit einem Freund, der gerade zu Gast ist, an den Badesee. Rekord für einen Wochentag, 800 Besucher! „Kraß. Und alles Deutsche. Alle! Was für´n Gegensatz zu Offenbach“, meinte ich. Unser Freund, sich umsehend, ironisch: „Oh ja, und lauter Prachtexemplare! Sogenannte Übermenschen!“ Nö, das nicht. Aber die hab ich auch im kunterbunten Offenbach vermißt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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