Kurzurlaub in Offenbach

Daß ich vor neun Jahren aus meiner Heimatstadt Offenbach fortzog, über Dresden nach Schnellroda, hatte eine Handvoll Gründe.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Bevöl­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung in Offen­bach war einer davon. Mit der mul­ti­kul­tu­rel­len Wirk­lich­keit hat­te ich so mei­ne Erfah­run­gen gemacht – mei­ne Kin­der soll­ten das nicht nötig haben. Heu­te bin ich gern und recht häu­fig kurz­fris­ti­ger Heimkehrer.

Den demo­gra­phi­schen Wan­del dort betrach­te ich mitt­ler­wei­le mit distan­zier­te­rem Inter­es­se. Seit 1960 hat Offen­bach eine gleich­blei­ben­de Bevöl­ke­rungs­zahl – knapp unter 120.000 Ein­woh­ner. Der Anteil an Per­so­nen mit „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ ist schwer ermit­tel­bar. 30% jeden­falls haben kei­nen deut­schen Paß. Mög­li­cher­wei­se ist das bun­des­weit Spit­ze, sicher unter den Top Ten. Bei den 20- bis 39jährigen sind es 44%, bei den Jugend­li­chen zwi­schen 10 und 19 Jah­ren 36%. Die­ser quo­ten­mä­ßi­ge Rück­gang bedeu­tet nicht, daß Offen­bachs Attrak­ti­vi­tät für fremd­län­di­sche Bür­ger suk­zes­si­ve sinke!

Ich habe eine Bei­la­ge der Lokal­zei­tung durch­ge­blät­tert, in der alle Schul­ab­gän­ger die­ses Jahr­gangs mit Pho­to und Namen abge­bil­det bzw. ver­zeich­net sind. Haupt- und Real­schu­len sowie Gym­na­si­en, also ein gro­ßer Teil der 16- bis 19jährigen Offen­ba­cher. Das wirft ein Licht auf den mut­maß­li­chen Anteil an rei­nen „Paß­deut­schen“: Allein auf der kon­fes­sio­nell gebun­de­nen Mäd­chen­schu­le fin­de ich eine wohl bun­des­durch­schnitt­li­che Anzahl an Migran­ten­kin­dern, es sind um die vier bis acht fremd­län­disch klin­gen­de Namen pro Pho­to, dies über ver­schie­de­ne Schul­for­men hin­weg. Bei sämt­li­chen Haupt­schul­klas­sen Offen­bachs lese ich ent­we­der kei­nen ein­zi­gen, einen oder zwei „deut­sche“ Namen (Kevin, Mar­co etc. mit­ge­rech­net), bei den Real­schu­len und Wirt­schafts­gym­na­si­en sind es im Schnitt 10 bis 20 % mut­maß­lich Deutsch­stäm­mi­ge, bei den Gym­na­si­en vari­iert es stark (und zwar strikt ana­log zum „Ruf“ der Schu­le) zwi­schen etwa 30 und 70% fremd­län­di­schen Namen.

Mein Eltern­haus liegt in einem eher pri­vi­le­gier­ten Vor­ort, des­sen Umfeld ich für nahe­zu para­die­sisch hal­te. Sehr grün, mit Schloß, Park und einem hüb­schen Orts­kern, hier woh­nen Rechts­an­wäl­te, Leh­rer und man­cher Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter. Der Main­bo­gen win­det sich zu Füßen des Ortes, dort ist es beson­ders schön. Als mein Vater in den als Hei­mat­ver­trie­be­ner aus Schle­si­en nach Offen­bach kam, leb­te er eine Zeit­lang in den Kel­ler­rui­nen des mitt­ler­wei­le präch­tig wie­der auf­ge­bau­ten Rum­pen­hei­mer Schlos­ses. Mit sei­nen Freun­den, qua­si direkt aus dem Schloß­kel­ler­fens­ter her­aus, schwamm er im Main und mach­te sich sei­nen Spaß, dabei an Bord der Han­dels­schif­fe zu klet­tern. In mei­ner Kind­heit war das mein Traum: wie­der im Main, die­ser längst stin­ken­den Brü­he schwim­men zu kön­nen! Fluß­schwim­men ist seit je mei­ne Lei­den­schaft. Seit ein paar Jah­ren geht´s auch wie­der im Main. Nicht über­all ist der Strom so schön wie in mei­nem Vor­ort. In der Innen­stadt ist das Ufer beto­niert, Rat­ten que­ren gele­gent­lich die asphal­tier­ten Gesta­de. Als Kind füt­ter­te ich hier manch­mal Stock­enten. Seit ein paar Jah­ren sind die Stock­enten geflüch­tet oder ver­trie­ben. Ägyp­ti­sche Nil­gän­se haben sich breit­ge­macht. Im Kampf – gele­gent­lich war ich Augen­zeu­ge – unter­lie­gen die Auto­chtho­nen den Exo­ten. Aus­nahms­los. Nichts gegen die Ägyp­ti­sche Nil­gans als sol­ches: ein schö­nes Tier! Am Nil oder sonst­wo wür­de ich sie direkt mögen. Hier aber macht sie sich dick und breit. Eine gewis­se Koexis­tenz ist offen­bar mög­lich, die Stock­enten sind am inner­städ­ti­schen Ufer aber deut­lich in der Min­der­zahl. Men­schen schwim­men dort nicht.

In mei­nem Vor­ort dage­gen hat es herr­li­che Fluß­strän­de. Der Main ist trä­ge, viel trä­ger als die von mir mit Vor­lie­be beschwom­me­nen Flüs­se Elbe und Unstrut. Mei­nem Sohn habe ich die­se Woche im Main das Schwim­men bei­gebracht. Das rest­li­che Bade­pu­bli­kum war in den ver­gan­ge­nen Tagen kon­stant gleich­blei­bend besetzt: etwa fünf­zehn Leu­te, die man für „Hie­si­ge“ hal­ten könn­te und etwa fünf­zehn, deren Staats­bür­ger­schaft ich nicht ken­ne, deren Haut aber deut­lich dunk­ler ist als mei­ne stark gebräun­te. Unter den Hell­häu­ti­gen unter­hielt sich eine Grup­pe in einer sla­wi­schen Spra­che. Polen, sag­te mein Vater, Kroa­ten, mein­te ich. Papa frag­te nach eini­gem höf­li­chen Geplän­kel nach. Feh­ler! Die klas­si­sche no go-Fra­ge! Ver­letz­te Ant­wort in Bei­na­he-Hoch­deutsch: „Wir sind Deut­sche. Und Sie?“ So leicht, eine Gren­ze des Anstands zu über­schrei­ten, gera­de als Deutscher!

Natür­lich gab es aber kei­ne Kon­flik­te am Strand, war­um auch? Es war Was­ser und Sand genug da für alle. Wir sind ja kei­ne Enten!

Mein Sohn hör­te mei­nen Vater und mich über Migran­ten­quo­ten reden und warf ein (man sagt ja häu­fig, Kin­der sei­en dies­be­züg­lich „far­ben­blind“): „Gell, Aus­län­der sind doch die, die alle so dick sind!“, und das war hier nicht mal falsch. Ins Ohr frag­te er anschlie­ßend: „Stimmt´s, wenn die zuein­an­der dau­ernd Fot­ze und Huren­sohn und sowas sagen, dann ist das nicht wirk­lich bös gemeint?“

Ges­tern fuhr ich wie­der zurück nach Schnell­ro­da. Abends ging’s mit einem Freund, der gera­de zu Gast ist, an den Bade­see. Rekord für einen Wochen­tag, 800 Besu­cher! „Kraß. Und alles Deut­sche. Alle! Was für´n Gegen­satz zu Offen­bach“, mein­te ich. Unser Freund, sich umse­hend, iro­nisch: „Oh ja, und lau­ter Pracht­ex­em­pla­re! Soge­nann­te Über­men­schen!“ Nö, das nicht. Aber die hab ich auch im kun­ter­bun­ten Offen­bach vermißt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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