Am Kiosk

In der letzten Woche machte die Meldung die Runde, daß derzeit diverse linke Gruppen im Umkreis Berlin-Brandenburg eine Offensive...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

gegen den Ver­trieb von “rech­ten Zei­tun­gen” pla­nen. Als Böse­wich­ter genannt wer­den die Jun­ge Frei­heit, die Deut­sche Stim­meZuerst!, die Deut­sche Mili­tär­zei­tung und die Preu­ßi­sche All­ge­mei­ne Zei­tung.

Das Post-SED-Blatt Neu­es Deutsch­land zitier­te die Kam­pa­gnen­spre­che­rIn: “Es kann doch nicht sein, daß in die­sen Blät­tern per­ma­nent natio­na­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche, sexis­ti­sche, homo­pho­be, mili­ta­ris­ti­sche und zum Teil sogar neo­na­zis­ti­sche Inhal­te ver­brei­tet wer­den”. In der Lita­nei fehlt nur noch der Quatsch­be­griff  “men­schen­ver­ach­tend”, aber das wird auf der Netz­sei­te der Initia­ti­ve reich­lich nachgeholt.

Das Ziel sei es nun, die rech­ten und revi­sio­nis­ti­schen Zei­tun­gen aus dem Kiosk­ver­kauf zurück in den Abon­ne­ment-Ver­trieb zu drän­gen. So soll die Erschlie­ßung von neu­en Leser­schaf­ten erschwert und damit die Posi­ti­on der genann­ten Zei­tun­gen auf dem Markt gene­rell geschwächt wer­den. Dafür gel­te es vor allem, die Ver­triebs- und Ver­kaufs­struk­tu­ren öffent­lich aufzudecken.

Man wol­le “ein Kli­ma schaf­fen, in dem sich der Groß­han­del über­legt, ob er es sich wei­ter leis­ten kann, rech­tes bis extrem rech­tes Schrift­tum zu vertreiben.”

Das ist wirk­lich drol­lig: ein “Kli­ma” will man schaf­fen! Prak­tisch läuft das natür­lich auf nichts ande­res hin­aus, als daß ein paar selbst­er­nann­te Gedan­ken­po­li­zei-Stoß­trupps los­mar­schie­ren, um die Kiosk­be­sit­zer mehr oder weni­ger zu mob­ben, ein­zu­schüch­tern und zu erpres­sen. Das klingt dann in der Schön­spra­che der Betrei­ber so:

Dazu sind alle Men­schen, die sich gegen Rechts enga­gie­ren möch­ten, auf­ge­for­dert, sich zu betei­li­gen. Sie kön­nen zum Bei­spiel Kiosk-Besit­zer dar­auf auf­merk­sam machen, wel­che Titel sie in ihrer Aus­la­ge haben.

Einen kri­ti­schen Kom­men­tar zu die­sem lus­ti­gen Säu­be­rungs­spiel brach­te die Süd­deut­sche Zei­tung:

Denkt man die Uto­pie der rechts-frei­en Kios­ke zu Ende, lan­det man in einem beklem­men­den Sze­na­rio: Eine klei­ne Grup­pe, die aber eine gro­ße Mehr­heit hin­ter sich weiß, sorgt für ein poli­tisch gesäu­ber­tes Medi­en­an­ge­bot. Das ist nicht nur grund­ge­setz­feind­lich, das ist letzt­lich tota­li­tär. Denn die­se Form einer pri­vat orga­ni­sier­ten Zen­sur kennt kei­ne Unter­schie­de, wenn es um den poli­ti­schen Geg­ner geht.

Wei­ters kri­ti­siert der Autor die emo­tio­na­le Ver­schlag­wor­tung poli­ti­scher Begrif­fe, ohne die sol­che Initia­ti­ven wohl kaum mög­lich wären:

Rechts. Es gibt weni­ge Wör­ter, die im Deut­schen so kon­ta­mi­niert sind wie die­ses. Rechts, das ist alles, was übel war, ist und nie wie­der sein darf. Unter­schie­de wer­den sel­ten gemacht, und wer nicht mit­tut im per­ma­nen­ten Kampf gegen das poli­tisch Böse, muß sich meist schnel­ler als er Mei­nungs­frei­heit sagen kann, anhö­ren, daß er ver­mut­lich selbst gewis­se dunk­le Sym­pa­thien hegt. (…) Links. Es gibt weni­ge Wör­ter, die im deut­schen Poli­tik­be­trieb so roman­tisch besetzt sind. Aber wenn man sich die­sen Bund der Ver­trei­ben­den anschaut, dann weiß man, was es auch nie wie­der geben darf.

Indes­sen geht es wohl eher dar­um, ein bereits vor­han­de­nes Kli­ma noch wei­ter auf­zu­hei­zen, als ein neu­es zu schaf­fen, denn:

Fragt sich nur, was die Gesamt­ge­sell­schaft bis­lang über­haupt von den rech­ten Blät­tern mit­be­kom­men hat. Alle sechs Titel erschei­nen in der Nische, seit Jah­ren. Von einem Ein­fluß auf die öffent­li­che Mei­nung ist nichts bekannt, was wohl auch damit zu tun hat, daß sich vie­le Kiosk­be­sit­zer schon heu­te nicht trau­en, die Titel offen anzubieten.

Wenn das also mal nicht zur Frust­num­mer für unse­re Hob­by-Block­war­te wird. Die Ver­ve, mit der die­se Initia­ti­ve auf­tritt, ist umso komi­scher, als die meis­ten die­ser Zei­tun­gen ohne­hin schon längst zur “Bück­wa­re” gewor­den sind und nur sehr ver­ein­zelt zu fin­den sind.

Dazu eine Anek­do­te:  In einer Kreuz­ber­ger Markt­hal­le in mei­ner Nähe gab es einen klei­nen Kiosk, der inzwi­schen dicht­ge­macht hat. Ich mag die Atmo­sphä­re die­ser Markt­hal­len sehr gern: Der Ver­kauf ist stär­ker per­so­na­li­siert, und die Kun­den ken­nen und schät­zen ihre Gemü­se­frau, ihren Fisch­händ­ler, Hähn­chen­gril­ler oder Schuh­ma­cher schon seit Jah­ren. Die­se betrei­ben ihr Geschäft mit einem sym­pa­thi­schen Stolz auf ihre sozia­le Rol­le im Kiez. Das schlägt sich auch auf das Ver­kaufs­ethos nie­der: Man will vor allem, daß die Kun­den zufrie­den sind. Häu­fig begeg­net man in die­sen Läden noch rich­ti­gen Ber­li­ner Ori­gi­na­len, die aller­dings ins­ge­samt gese­hen immer sel­te­ner werden.

Solch ein Typus war auch mein Zeit­schrif­ten­händ­ler, ein lie­bens­wür­di­ger, stets gut auf­ge­leg­ter und höf­li­cher Mensch, der jedem Kun­den das Gefühl gab, daß er mit Freu­den sei­ne per­sön­li­chen Wün­sche zu erfül­len trach­te­te. Auf sei­nem Tisch lagen pro­mi­nent im Vor­der­grund alle jene Blät­ter zum Ver­kauf, die man eben in Kreuz­berg ger­ne liest: taz, Jun­ge Welt, Jung­le World usw.

Damals hat­te ich noch kein JF-Abo, und ich frag­te etwas zag­haft und ohne grö­ße­re Hoff­nun­gen, ob er denn auch die JF im Ange­bot hät­te. Zu mei­ner Über­ra­schung (wohl­ge­merkt, wir befan­den uns im tiefs­ten Kreuz­berg) zog er das gewünsch­te Blatt ohne mit der Wim­per zu zucken mit einem ele­gan­ten, offen­bar rou­ti­nier­ten Schwung her­vor. “Bit­te sehr!” Auf der Titel­sei­te war ein Bild von Lud­wig Erhard mit sei­ner berühm­ten Wirt­schafts­wun­der­zi­gar­re im Mund. “Das war noch ein Poli­ti­ker, was??” füg­te er jovi­al hin­zu. Offen­bar woll­te er mir mit die­ser Bemer­kung eine Freu­de machen, viel­leicht war er aber auch wirk­lich ein Erhard-Fan. Ich zahl­te, und da zück­te er plötz­lich aus dem Nichts noch eine Deut­sche Stim­me und eine Natio­nal-Zei­tung: “Hier hab ich noch etwas, falls es Sie inter­es­siert.”-  “Dan­ke, fin­de ich aber nicht so toll!”- “Alles klar, schö­nen Tag noch!”. Die nächs­ten Male, als ich ihn sah, hat­te er die JF schon griff­be­reit für mich bereitliegen.

Ab und zu kau­fe ich mir übri­gens auch die taz oder die Jun­ge Welt, um zu sehen, was die Gegen­sei­te so zu sagen hat, meis­tens wenn ich auf lan­gen U‑Bahn-Fahr­ten unter­wegs bin. Ich genie­re mich dann komi­scher­wei­se immer ein biß­chen, die­se Blät­ter öffent­lich aus­zu­pa­cken, und etwa für einen taz-Fan gehal­ten zu wer­den, obwohl man nicht sagen kann, daß das schlecht­ge­mach­te Zei­tun­gen wären.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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