Sezession
15. Juli 2010

Am Kiosk

Martin Lichtmesz

In der letzten Woche machte die Meldung die Runde, daß derzeit diverse linke Gruppen im Umkreis Berlin-Brandenburg eine Offensive gegen den Vertrieb von "rechten Zeitungen" planen. Als Bösewichter genannt werden die Junge Freiheit, die Deutsche StimmeZuerst!, die Deutsche Militärzeitung und die Preußische Allgemeine Zeitung.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Das Post-SED-Blatt Neues Deutschland zitierte die KampagnensprecherIn: "Es kann doch nicht sein, daß in diesen Blättern permanent nationalistische, rassistische, sexistische, homophobe, militaristische und zum Teil sogar neonazistische Inhalte verbreitet werden". In der Litanei fehlt nur noch der Quatschbegriff  "menschenverachtend", aber das wird auf der Netzseite der Initiative reichlich nachgeholt.

Das Ziel sei es nun, die rechten und revisionistischen Zeitungen aus dem Kioskverkauf zurück in den Abonnement-Vertrieb zu drängen. So soll die Erschließung von neuen Leserschaften erschwert und damit die Position der genannten Zeitungen auf dem Markt generell geschwächt werden. Dafür gelte es vor allem, die Vertriebs- und Verkaufsstrukturen öffentlich aufzudecken.

Man wolle "ein Klima schaffen, in dem sich der Großhandel überlegt, ob er es sich weiter leisten kann, rechtes bis extrem rechtes Schrifttum zu vertreiben."

Das ist wirklich drollig: ein "Klima" will man schaffen! Praktisch läuft das natürlich auf nichts anderes hinaus, als daß ein paar selbsternannte Gedankenpolizei-Stoßtrupps losmarschieren, um die Kioskbesitzer mehr oder weniger zu mobben, einzuschüchtern und zu erpressen. Das klingt dann in der Schönsprache der Betreiber so:

Dazu sind alle Menschen, die sich gegen Rechts engagieren möchten, aufgefordert, sich zu beteiligen. Sie können zum Beispiel Kiosk-Besitzer darauf aufmerksam machen, welche Titel sie in ihrer Auslage haben.

Einen kritischen Kommentar zu diesem lustigen Säuberungsspiel brachte die Süddeutsche Zeitung:

Denkt man die Utopie der rechts-freien Kioske zu Ende, landet man in einem beklemmenden Szenario: Eine kleine Gruppe, die aber eine große Mehrheit hinter sich weiß, sorgt für ein politisch gesäubertes Medienangebot. Das ist nicht nur grundgesetzfeindlich, das ist letztlich totalitär. Denn diese Form einer privat organisierten Zensur kennt keine Unterschiede, wenn es um den politischen Gegner geht.

Weiters kritisiert der Autor die emotionale Verschlagwortung politischer Begriffe, ohne die solche Initiativen wohl kaum möglich wären:

Rechts. Es gibt wenige Wörter, die im Deutschen so kontaminiert sind wie dieses. Rechts, das ist alles, was übel war, ist und nie wieder sein darf. Unterschiede werden selten gemacht, und wer nicht mittut im permanenten Kampf gegen das politisch Böse, muß sich meist schneller als er Meinungsfreiheit sagen kann, anhören, daß er vermutlich selbst gewisse dunkle Sympathien hegt. (...) Links. Es gibt wenige Wörter, die im deutschen Politikbetrieb so romantisch besetzt sind. Aber wenn man sich diesen Bund der Vertreibenden anschaut, dann weiß man, was es auch nie wieder geben darf.

Indessen geht es wohl eher darum, ein bereits vorhandenes Klima noch weiter aufzuheizen, als ein neues zu schaffen, denn:

Fragt sich nur, was die Gesamtgesellschaft bislang überhaupt von den rechten Blättern mitbekommen hat. Alle sechs Titel erscheinen in der Nische, seit Jahren. Von einem Einfluß auf die öffentliche Meinung ist nichts bekannt, was wohl auch damit zu tun hat, daß sich viele Kioskbesitzer schon heute nicht trauen, die Titel offen anzubieten.

Wenn das also mal nicht zur Frustnummer für unsere Hobby-Blockwarte wird. Die Verve, mit der diese Initiative auftritt, ist umso komischer, als die meisten dieser Zeitungen ohnehin schon längst zur "Bückware" geworden sind und nur sehr vereinzelt zu finden sind.

Dazu eine Anekdote:  In einer Kreuzberger Markthalle in meiner Nähe gab es einen kleinen Kiosk, der inzwischen dichtgemacht hat. Ich mag die Atmosphäre dieser Markthallen sehr gern: Der Verkauf ist stärker personalisiert, und die Kunden kennen und schätzen ihre Gemüsefrau, ihren Fischhändler, Hähnchengriller oder Schuhmacher schon seit Jahren. Diese betreiben ihr Geschäft mit einem sympathischen Stolz auf ihre soziale Rolle im Kiez. Das schlägt sich auch auf das Verkaufsethos nieder: Man will vor allem, daß die Kunden zufrieden sind. Häufig begegnet man in diesen Läden noch richtigen Berliner Originalen, die allerdings insgesamt gesehen immer seltener werden.

Solch ein Typus war auch mein Zeitschriftenhändler, ein liebenswürdiger, stets gut aufgelegter und höflicher Mensch, der jedem Kunden das Gefühl gab, daß er mit Freuden seine persönlichen Wünsche zu erfüllen trachtete. Auf seinem Tisch lagen prominent im Vordergrund alle jene Blätter zum Verkauf, die man eben in Kreuzberg gerne liest: taz, Junge Welt, Jungle World usw.

Damals hatte ich noch kein JF-Abo, und ich fragte etwas zaghaft und ohne größere Hoffnungen, ob er denn auch die JF im Angebot hätte. Zu meiner Überraschung (wohlgemerkt, wir befanden uns im tiefsten Kreuzberg) zog er das gewünschte Blatt ohne mit der Wimper zu zucken mit einem eleganten, offenbar routinierten Schwung hervor. "Bitte sehr!" Auf der Titelseite war ein Bild von Ludwig Erhard mit seiner berühmten Wirtschaftswunderzigarre im Mund. "Das war noch ein Politiker, was??" fügte er jovial hinzu. Offenbar wollte er mir mit dieser Bemerkung eine Freude machen, vielleicht war er aber auch wirklich ein Erhard-Fan. Ich zahlte, und da zückte er plötzlich aus dem Nichts noch eine Deutsche Stimme und eine National-Zeitung: "Hier hab ich noch etwas, falls es Sie interessiert."-  "Danke, finde ich aber nicht so toll!"- "Alles klar, schönen Tag noch!". Die nächsten Male, als ich ihn sah, hatte er die JF schon griffbereit für mich bereitliegen.

Ab und zu kaufe ich mir übrigens auch die taz oder die Junge Welt, um zu sehen, was die Gegenseite so zu sagen hat, meistens wenn ich auf langen U-Bahn-Fahrten unterwegs bin. Ich geniere mich dann komischerweise immer ein bißchen, diese Blätter öffentlich auszupacken, und etwa für einen taz-Fan gehalten zu werden, obwohl man nicht sagen kann, daß das schlechtgemachte Zeitungen wären.

Bild: flickr


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.