Werte-Alternative: Der gesunde Menschenverstand

Das Leben berühmter Männer zu studieren, war bis in die jüngste Vergangenheit ein probates und erfolgreiches Mittel, den nach Form suchenden Nachkommen ein Vorbild hinzustellen. Daran konnten sie sich orientieren und abarbeiten. Die selbstverständliche Bedigung war, daß dem Jugendlichen nur nachahmenswerte Lebensgeschichten zur Lektüre gegeben wurden. Die dunklen Seiten der Biographien sollten, wenn überhaupt, erst dem bereits geformten Charakter begegnen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Wenn ich das auch heu­te noch für ver­mit­tel­bar hal­te, den­ke ich dabei weni­ger an die Bücher von Tho­mas Car­lyle als bei­spiels­wei­se die Auto­bio­gra­phie von Ben­ja­min Fran­k­lin. Er zeich­ne­te sein Leben auf, durch­aus nicht unei­tel, weil er sei­nen Erfolg für nach­ah­mens­wert hielt, so daß er bei sei­nen Nach­kom­men ein Inter­es­se für die Mit­tel ver­mu­ten durf­te, die sei­nen Erfolg (vom Sohn eines Ker­zen­ma­chers zum Staats­mann) ermög­lich­ten. Sein Grund­re­zept ist der „gesun­de Men­schen­ver­stand”, der sich ganz ein­fach von der Erfah­rung lei­ten läßt. Obwohl nicht im stren­gen Sin­ne gläu­big, faß­te Fran­k­lin das in fol­gen­dem Gebet zusammen:

O all­mäch­ti­ge Güte, mild­tä­ti­ger Vater, barm­her­zi­ger Füh­rer! Ver­meh­re in mir jene Weis­heit, die mei­nen wah­ren Vor­teil erkennt! Stär­ke mei­ne Ent­schlüs­se, das zu voll­brin­gen, was jene Weis­heit vor­schreibt! Nimm mei­ne freund­li­chen Diens­te gegen dei­ne übri­gen Kin­der als die ein­zi­ge in mei­nen Kräf­ten ste­hen­de Erwi­de­rung für dei­ne unauf­hör­li­chen Gna­den gegen mich an!

Wer hier die „pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethik” durch­schei­nen sieht, liegt sicher rich­tig. Den­noch ist der „wah­re Vor­teil” der Maß­stab. Wenn es bei Fran­k­lin heißt: „Iß nicht bis zum Stumpf­sinn, trink nicht bis zur Berau­schung.” geschieht dies um des Vor­teils wil­len. Die Erfah­rung sagt, daß sich nüch­tern, zumin­dest wenn man selbst nüch­tern ist, bes­se­re Geschäf­te machen las­sen. Um sich in die­sen Eigen­schaf­ten zu stär­ken und einer stän­di­gen Prü­fung zu unter­zie­hen, hat sich Fran­k­lin ein Büch­lein ange­legt, in das er ein­trug, ob er sich sei­nen Grund­sät­zen ent­spre­chend ver­hal­ten hat. Jeden Abend hieß es: „Prü­fe den ver­leb­ten Tag.”

Kant for­mu­lier­te die Maxi­men des „gesun­den Men­schen­ver­stan­des” wie folgt:

1) Selbst zu denken
2) Sich an der Stel­le eines andern zu den­ken, und
3) jeder­zeit mit sich selbst ein­stim­mig zu denken

Der „gesun­de Men­schen­ver­stand” ist nicht die ein­zi­ge und letz­te Erkennt­nis­mög­lich­keit des Men­schen. Wer ihm zutraut, über die letz­ten Din­ge zu urtei­len, begeht einen schwe­ren Feh­ler und über­for­dert die­sen Men­schen­ver­stand, macht ihn gleich­sam krank. Er ist, und das haben auch sei­ne ehr­li­chen Kri­ti­ker immer aner­kannt, eine gute Basis, auf die sich auf­bau­en läßt.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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